“Anna Karenina” (GB 2012) Kritik – Eine Romanadaption der etwas anderen Art

Autor: Philippe Paturel

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„You can’t ask why about love.“

Kaum ein Regisseur zeigt sich künstlerisch so vielseitig wie Joe Wright. Bereits mit seinem vielerorts missverstanden Arthouse-Actioner „Wer ist Hanna?“ kam er bei der Masse nicht gut an. Dass ihm das aber keinen Abbruch tut, macht ihn weiterhin zu einem der interessantesten Regisseure unserer Zeit. Wer erwartet hatte, dass Wright mit „Anna Karenina“, einer für Herzschmerz prädestinierten Geschichte, an seine emotional packenden Film „Abbitte“ und „Stolz und Vorurteil“ anschließen würde, der könnte nicht falscher liegen. Wright erfindet sich erneut neu und „Anna Karenina“ ist seine eiskalte Abrechnung mit gesellschaftlichen Zuständen, der es – trotz Fokus auf dem großen Thema Liebe – kaum daran gelegen ist, den Zuschauer zu berühren. Die Figuren sind Marionetten einer verständnislosen Gesellschaft, die gerne verstanden werden möchte. Es geht nicht darum, diese Menschen, allen voran Anna, sondern ihr Umfeld zu begreifen, welches sie zu ihren Handlungen ermutigt. Das Urteilen und Tränenvergießen überlässt Wright anderen und so konzentriert er sich lieber darauf, sich kreativ auszutoben, das Genre umzukrempeln und einen Bogen zur modernen Gesellschaft zu schlagen.

Anna Karenina (Keira Knightley) hat bereits in jungen Jahren geheiratet. Nun soll sie das erste Mal ohne ihren Ehemann Alexei Karenin eine kurze Reise in ihre Heimat antreten. Dort lernt sie auf einem Ball den angesehenen Grafen Vronskij (Aaron Taylor-Johnson) kennen und stürzt sich mit ihm unüberlegt in eine Affäre. Dass das nicht nur privat ernsthafte Folgen mit sich ziehen wird, liegt auf der Hand und so wird Anna im politischen Umbruch Russlands zum Gespött der Massen und der eigenen Familie.

Die Kamera kommt langsam in Fahrt, gerät in Rage und im nächsten Augenblick ist sie erneut heimlicher Beobachter von Wrights meisterhaftem Bühnenspiel. Die Szenerie wird innerhalb einer Kamerabewegung zerlegt, wieder neu angeordnet und bildet einen Schauplatz für Zeitlosigkeit. Stempelgeräusche und Trompeter werden zu einer Einheit mit dem Soundtrack und so oder so ist Regisseur Joe Wright mit der gefühlt tausendsten Adaption von Leo Tolstois Romanklassiker ein Gesellschaftsdrama gelungen, das in den meisten Belangen deutlich aus der Masse von unkreativen Literaturverfilmungen herausragt. Den Zugang in seine Welt macht Wright dem Zuschauer freilich nicht einfach. „Anna Karenina“ kommt dem Publikum nicht entgegen, distanziert sich von Sehgewohnheiten und eröffnet eine Einsicht in das Russland des späten 19. Jahrhunderts, die man so wohl am allerwenigsten erwartet hätte.

Subtilität ist des Meisters größte Gabe. In diesem Bezug könnten sich viele Filmemacher gerne mal von Joe Wright eine Scheibe abschneiden. Kaum merkbar kritisiert er in „Anna Karenina“ die gläserne Gesellschaft, die erst durch die stetige Medialisierung und die Sensations- und Skandalgeilheit der Bevölkerung möglich gemacht wird, und entlarvt das ganze Theater um die Liebe als billige Show. Beziehungen sind reiner Selbstzweck, um sich in der Öffentlichkeit und im Beruf einen bestimmten Status zu sichern. Was zum Beispiel wäre schon ein Politiker, der seine Frau nicht im Griff hat? In Zeiten der Telemedien, Social Media und Klatschpresse ist die Liebe viel zu oft nur noch ein Marketingmittel, um das eigene Image aufzupolieren. Zudem erinnert das Beziehungsgeflecht in „Anna Karenina“ nicht ohne Grund an das der Online Communitys. Wenn man die falsche Entscheidung trifft, dann verbreitet sich das wie ein Lauffeuer im Internet, über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Denn jeder kennt irgendwen, der wiederum irgendwen kennt. Und auch wenn man selbst vielleicht nicht besser ist, gibt man über den anderen gerne ungefragt seine Meinung ab. So auch in „Anna Karenina“. Anna ist sicherlich nicht die einzige, die sich mit einem anderen Mann eingelassen hat. Trotzdem wird sie für alle anderen Frauen zu einem Hassobjekt. So entwickelt sich der Film zu einer viel größeren Liebeserklärung an Tolstois Roman, indem Wright die Vorlage umkonstruiert, als wenn er den Roman einfach nur eins zu eins verfilmt hätte.

Fazit: Die Erwartungen des Zuschauers zu bedienen ist einfach. Joe Wright beweist jedoch Mut und macht es sich nach „Wer ist Hanna?“ ein weiteres Mal zur Aufgabe, etwas Unerwartetes, Neuartiges zu bieten. Seine Vision von „Anna Karenina“ ist eine gleichsam verspielte wie emotionslose Abrechnung mit der Liebe und anderen sozialen Beziehungen. Gekonnt zieht Wright dabei die Fäden zwischen Theater, Kino und Wirklichkeit, zwischen Tradition und Moderne, zwischen gesellschaftlichem Zwang und freiem Entscheidungswillen. Opulent ist dabei nicht nur die Inszenierung, sondern auch das Schauspiel, allen voran die hervorragende Leistung von Keira Knightley, die in der Rolle der Anna aufblüht wie es keine zweite Schauspielerin hätte tun können. Und am Ende dreht sich alles vor allem um eine Frage: Ist unser eigenes Leben nicht auch ein Theater, in dem jeder versucht, seiner Rolle gerecht zu werden? Und wie würden wir handeln, sobald wir den Erwartungen der anderen nicht mehr gerecht werden und unser Ansehen den Bach runtergeht?

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