Kritik zu „Der Fremde“: François Ozons Neuverfilmung des Camus-Klassikers

Kritik von Michael Gasch – erstmals zu lesen am 2. September 2025, gesehen im Rahmen der 82. Filmfestspiele von Venedig 2025.

Neuverfilmung des Camus-Klassikers: Der Fremde von François Ozon

Der Fremde (L’Étranger), erschienen 1942, ist ein Roman des französischen Autors Albert Camus, der zu einem Eckpfeiler des Existenzialismus wurde. François Ozon (Swimming Pool, Frantz) präsentiert nun auf den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig seine Neuverfilmung der Jahrhundertgeschichte. Im Mittelpunkt steht Meursault (Benjamin Voisin) – dessen Gleichgültigkeit zum Leben umgibt ihn wie eine unsichtbare Rüstung. Liebe, Natur, Tier, Mensch, Leben, Tod – alles ist unbedeutend in seinem Leben. Symbolisch geht es um die Absurdität des Lebens und zwei zentrale Fragen: Wie lebt man in einer sinnlosen Welt? Und was passiert, wenn man sich den gesellschaftlichen Normen entzieht?

Damit ist ein weiteres Werk auf dem prestigeträchtigen Filmfestival mit dem Motiv der Identität vertreten. Dort, wo sonst eine Figur mit Persona ausgefüllt wird, zeigt sich Meursault gänzlich leer. Er ist ein Charakter, der sich nicht aktiv definiert – er hat keine großen Leidenschaften, keine klaren Ziele und kein starkes Selbstbild; selbst die Reflexion ist ihm fremd. Es entsteht ein Konflikt: Während er sich selbst als ehrlich und ungekünstelt betrachtet, wird er von der Gesellschaft als gefühllos, kalt und gefährlich verurteilt, weil er nicht nach ihren Normen handelt. Er ist der titelgebende Fremde, für den es keinen Platz in der Welt gibt.

Benjamin Voisin spielt die Figur dementsprechend distanziert. Das porträtierte Leben, das aus Zigarettenrauchen und einem Leben in den Tag hinein besteht, eröffnet dabei eine interessante Lesart im Vergleich zu anderen Festivalfilmen. Während andere Psychogramme wie The Smashing Machine oder Der letzte Wikinger ergründen, wie Trauma entsteht, zeichnet Der Fremde den Protagonisten als eine Figur, deren Mindset nicht als Resultat, sondern als gegeben zu begreifen ist. Es ist nicht das Telegramm, das diesen Mann aus der Bahn wirft, ebenso wenig eine allgemeine Lebenskrise. Es ist etwas Komplexeres, das für die Entstehung dieses symbolischen leeren Gefäßes, das noch nie gefüllt wurde, verantwortlich ist.

„Why did you kill that man?“

So ganz kommt man dem Film vermutlich nicht nahe, wenn man die Vorlage nicht kennt. Es ist ein hochkomplexer Stoff, der weniger psychologische als vielmehr philosophische Fragen stellt. Statt Verhalten und Erleben zu ergründen (Psychologie), werden die großen Fragen der Philosophie gestellt, allen voran: Was ist der Sinn des Lebens? Eine Frage, auf die Meursault keine Antwort weiß, da sein Weltbild ein nihilistisches ist. „Nichts ist wichtig.“, betont er dabei immer wieder. Doch da könnte man die Frage stellen: Warum begeht Meursault nicht Suizid? Dort, wo der Film dem Stoff etwas mehr Klarheit verleihen könnte, entscheidet sich Ozon dafür, das Kryptische beizubehalten. Das macht eine tiefere, zugänglichere Auseinandersetzung schwierig, erscheint im Hinblick auf die Komplexität der Vorlage aber konsequent.

Narrative und Inszenierung stimmen dabei überein. Unaufgeregt, dokumentarisch und distanziert wirken die Bilder. Da ist keine Schönheit in der Welt, wie es uns so viele Filme immer verkaufen wollen – das macht die Neuverfilmung an jeder Stelle deutlich. Doch symbolische Dunkelheit wie auch moralische Kategorien wie Gut und Böse gibt es ebenso wenig. Alles ist neutral, was sich besonders in einer Szene zeigt, in der ein Mord geschieht. Eine solche Szene ließe die unterschiedlichsten Inszenierungen zu – schockierend à la Gaspar Noé, urkomisch à la Tarantino in Pulp Fiction. Ozon findet hingegen Bilder, in denen sich absolut nichts regt.

In der Gesamtheit fasziniert der Film nicht nur durch seine künstlerische Gestaltung, sondern lädt vor allem zu einer intensiven gedanklichen Auseinandersetzung ein. Seine intellektuelle Tiefe fordert heraus, stößt ab, zieht an – und verlangt vom Zuschauer nichts Geringeres als den Mut zur radikalen Offenheit. Gleichzeitig hätte Ozon noch viel mehr aus der Vorlage schöpfen und kreativ in filmische Form übersetzen können. Bekanntermaßen sind daran aber schon Regiegrößen wie Luchino Visconti gescheitert.

Kinostart: 1. Januar 2026
Regie: François Ozon
Darsteller:
u.a. mit  Benjamin Voisin und Rebecca Marder
FSK-Freigabe: ab 12
Dt. Verleih: Weltkino Filmverleih
Laufzeit: 2 St. 00 Min.

★★★★★☆☆☆

 

1 Comment

  • I like the 1967 Visconti version! It tells us a lot about Italy! There is also a Turkish filming of The Stranger which rarely gets mentioned. It tells us a lot about Turkey! The Ozon film is beautiful in many ways, but it is telling us a lot about French guilt re their colonizing of Algeria, and Ozon and French philosopher colleagues claim they are restoring the original, but it’s the French version, it’s not “original” Camus, who was a working class pied noir in poverty, an interesting complex ambivalent social situation in its own right. Camus was not politically correct, but was a major great thinker in spite of that. Ozon’s agenda of rendering The Stranger politically correct on racism and sexism and homophobia is understandable but not such a great favor to the authentic Camus.

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