Kritik zu „Die Odyssee“: Christopher Nolans Irrfahrt

Kritik von Philippe Paturel

“Promise me you will come back.”

Es ist Penelope (Anne Hathaway), die diesen Satz zu ihrem Mann Odysseus (Matt Damon) sagt, sein Gesicht in ihre Hände genommen, kurz bevor er in den Trojanischen Krieg zieht. Wenige Sätze fassen den emotionalen Kern von Homers Jahrtausende altem Literaturepos so knapp zusammen wie dieser, auch wenn die Odyssee eigentlich um weit mehr kreist als nur um das Versprechen der Wiederkehr. Es ist die Geschichte eines Mannes, der aus zehn Jahren Krieg kommt und erst noch einmal zehn weitere Jahre braucht, um überhaupt wieder nach Hause zu finden – nicht nur geografisch, sondern auch als Mensch, der lernen muss, jemand anderes zu sein als der Krieger, der Troja in Schutt legte. Es ist auch die Geschichte eines Mannes, der zunächst eine jahrelange Irrfahrt jenseits alles Irdischen durchsteht – zwischen Zyklopen, Sirenen und Götterzorn –, bevor er sich als Bettler tarnt, weil eine offene Rückkehr in sein eigenes Haus lebensgefährlich wäre. Und es ist ebenso die Geschichte einer Frau, die zwanzig Jahre lang nicht nur wartet, sondern aktiv um den Erhalt von Thron, Haus und Sohn kämpft, während sich die Freier längst an ihrem Erbe zu bedienen versuchen. Genau diese Verschränkung aus Kriegstrauma, Heimkehr, Misstrauen und der Behauptung des eigenen Platzes gegen alle Widerstände ist es, die die Odyssee seit der Antike so unzählige Male neu erzählen ließ – und die auch Christopher Nolan nun für sich beansprucht.

Dabei wurde kaum ein Film der letzten Zeit bereits im Vorfeld so zerredet wie Nolans Neuverfilmung. Lange bevor auch nur eine reguläre Vorführung stattgefunden hat, entspann sich eine Debatte um eine ganze Reihe von Aspekten, die vielen die Vorfreude trübte. Da wäre zunächst die betont zeitgenössische, fast beiläufig-alltägliche Diktion der Figuren – ein Stilmittel, das die einen als konsequente Neulesart des Stoffes verteidigen, während es andere als irritierenden Bruch mit dem gewohnten Pathos des Historienfilms empfinden. Hinzu tritt die Bildsprache: Kostüme und Rüstungen muten nach Ansicht vieler eher futuristisch an, näher an Superhelden-Ästhetik als an der historisch verbürgten mykenischen Bronzekunst orientiert. Auch die Schiffe erinnern manches Auge eher an nordische Langboote denn an griechische Galeeren. Dazu gesellt sich eine düstere, entsättigte Farbpalette, die sich nur schwer mit der Vorstellung eines lichtdurchfluteten, mediterranen Abenteuers verträgt, wie man sie gemeinhin mit einer Odyssee-Verfilmung verbindet. Da mag Nolan noch so viele – gewiss beeindruckende – gigantische Sets, Animatronics und praktische Effekte auffahren, ganz seiner Vorliebe für greifbare Technik anstelle von digitalen Bildwelten folgend:  Die einen haben den Film ob dieser Vorbehalte innerlich bereits abgehakt, während die Nolan-Ultras Die Odyssee schon längst zum nächsten Meisterwerk des Regisseurs erklärt haben. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Daher stellt sich nun natürlich die Frage, welche Kritik und welche Lobhudelei tatsächlich berechtigt sind und welche nicht. Statt pauschale Urteile ernst zu nehmen, die bislang nur auf Basis der Trailer in die Welt gesetzt wurden, sollten wir den Film am Ende natürlich daran messen, was tatsächlich auf der Leinwand zu sehen ist. Und da gibt es beim neuen Werk des Filmemachers, der zuletzt für Oppenheimer tatsächlich vollkommen verdient mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde, ebenso Punkte zu loben wie zu kritisieren. Ab hier wird es spoilerhaltig: Wer die einzelnen Stationen von Odysseus’ Irrfahrt noch nicht kennt, sollte direkt zum letzten, mit “SPOILERENDE” markierten Absatz springen.

Allen voran prunkt Die Odyssee mit der Besetzung, dem Budget und der IMAX-Technik, die sich in schier unvorstellbaren Bildern entlädt. Ein Höhepunkt ist etwa die Begegnung mit Kirke (gespielt von Samantha Morton), einer Zauberin, die in Homers Vorlage Odysseus’ Gefährten in Schweine verwandelt: Die Metamorphose wirkt dank praktischer Make-up- und Prothesen-Effekte fast schmerzhaft organisch – ganz ohne den künstlichen Touch, den man bei solchen Szenen sonst von CGI gewohnt ist. Ähnlich beeindruckend gerät die nächtliche Einnahme Trojas mithilfe des berühmten hölzernen Pferdes, bei der Feuer, Rauch und Chaos in echten, meterhohen Kulissen statt vor dem Blue Screen entfesselt werden. An dieser Stelle stellt sich einem beim Anblick von Agamemnon (Benny Safdie), der die brennende Stadt in seiner pompösen Rüstung betritt, die gerade hier eher an Batman und Darth Vader als an die späte Bronzezeit erinnert, tatsächlich berechtigterweise die Frage, was das soll. Die brutale Eroberung Trojas (wenn auch nicht mit sonderlich glaubwürdigen Kämpfen inszeniert, denn die Trojaner scheinen allesamt das erste Mal in ihrem Leben Bögen in ihren Händen zu halten) macht dabei bereits deutlich, worauf Nolan eigentlich hinauswill: Krieg nicht als heroisches Abenteuer, sondern als zerstörerischen Akt zu zeigen, dessen Gewalt sich nicht folgenlos abschütteln lässt – und der jeden, der an ihr teilhatte, mit einer eigenen, ganz persönlichen Form der Sühne zurücklässt. Die anschließende, von Christopher Nolan bedrückend erzählte Irrfahrt erscheint damit als unausweichliche Konsequenz dessen, was in Troja geschehen ist.

Unzufriedenstellende Momente sind zumeist auf das von Nolan selbst geschriebene Drehbuch und damit auf seine Vision sowie auf seine Umsetzung zurückzuführen. So bleiben Charybdis und Skylla, zwei der sagenumwobensten Meeresungeheuer, seltsam blass. Charybdis, den gewaltigen, alles verschlingenden Strudel, bekommt man nur aus der Distanz zu sehen. Und von Skylla, dem vielköpfigen Ungetüm, zwischen dessen Mäulern Odysseus’ Schiff nur mit knapper Not hindurchsteuert, ist letztlich kaum mehr als ein paar Tentakel wert – ein Jammer angesichts des visuellen Anspruchs des Films. Auch das Aufeinandertreffen mit dem Zyklopen Polyphem weiß zwar effekttechnisch zu gefallen, ist aber faul geschrieben. Wer Die Fahrten des Odysseus (1954) mit Kirk Douglas gesehen hat, weiß, dass man auch mit rein handgemachten Effekten erzählerisch viel erreichen kann, wenn nur das Drehbuch stimmt: Dort kennt der Riese, der zuvor nie mit Wein in Berührung kam, den berauschenden Trank gar nicht erst – Odysseus überredet ihn deshalb, gemeinsam mit seinen Männern Trauben zu sammeln, die sie ihm zuliebe in einem geradezu bacchantischen Tanz mit bloßen Füßen zu Saft zerstampfen, während heimlich ein Pfahl aus einem Holzstamm gespitzt wird. Erst als der neugierige Polyphem den unbekannten Trank probiert und volltrunken einschläft, schlägt Odysseus zu und blendet ihn. Bei Nolan hingegen reicht ein einziger, unvermittelter Stich mit dem Speer, ohne all die Vorarbeit, und die Gruppe kommt praktisch mühelos aus der Höhle. Der Ausbruch gerät so zur einfallslosen Actionsequenz statt zum charmant-listigen Triumph der Klugheit über die rohe Kraft.

Dies sind nur Beispiele dafür, weshalb mich in Nolans Odyssee kaum eine Station wirklich zu überraschen vermochte. Das liegt nicht daran, dass der Stoff an sich ausgereizt wäre, sondern daran, dass praktisch jede bedeutsame Episode bereits in anderen Verfilmungen gelungener gezeigt wurde (auch wenn die anderen Filme ebenfalls nicht durchgehend überzeugen). Auch wenn es nur einzelne Szenen sind, muss sich ein Regisseur mit einem Standing wie Nolan an solchen Vergleichen messen lassen. Wie viel man seiner Version letztlich abgewinnen kann, ist aber natürlich auch eine Frage individueller Erwartungen. Ich kann nichts daran ändern, dass Odysseus’ Ankunft auf Ithaka mich in Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka (2024) mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche trotz minimalistischer Inszenierung mit mehr Wucht getroffen hat als alles, was Nolans Finale zu bieten hat (Stichwort: unübersichtliches Schnittgewitter). Und auch die Vorbeifahrt an den Sirenen möchte ich nicht unerwähnt lassen: Die Bange vor den Fabelwesen, die Seeleute mit ihrem Gesang anlocken, um sie zu töten, wurden mir in der Verfilmung mit Kirk Douglas ebenfalls eindrucksvoller vor Augen geführt – trotz, oder gerade wegen, der damals deutlich bescheideneren technischen Mittel.

SPOILERENDE. Ich könnte im Detail noch vieles zu Nolans Herangehensweise sagen: Wie es ihm einerseits gelingt, die Geschichte über knapp drei Stunden hinweg mit seiner düsteren, angesichts des Antikriegs-Sujets aber durchaus passenden Inszenierung zu tragen, während ausgerechnet die philosophischen Kalypso-Passagen mit Charlize Theron fast schon als Schlaftablette herhalten könnten. Es ist auch ein Film der Widersprüche – so gigantisch, und nur zwei Tage später doch so mickrig im Nachhall. Es bleibt am Ende nur der Eindruck einer Nacherzählung, die zwar finsterer, größer, kostspieliger und technisch versierter daherkommt als das meiste (ich sage nur Ben Hur) bisher im Antikenfilm Dagewesene, aber zu selten das Gefühl aufkommen lässt, dass hier ein Moment wirklich zum ersten Mal oder zumindest bemerkenswert anders erzählt wird.

Kurzweilig und sehenswert ist Die Odyssee dennoch – mit einem Ränkespiel um den Thron, das sich streckenweise so modern anfühlt wie eine antike Frühform von House of the Dragon: Auch hier wetteifern selbsternannte Erben um eine Macht, die eigentlich nicht die ihre ist. Die unter anderem von Robert Pattinsons Antinoos angeführten Palastintrigen erinnern entsprechend an das Gebaren der Serie – irgendwie reichlich unterhaltsam, wenn auch selten originell. So bleibt Die Odyssee vor allem als reines Erlebnis kolossaler Aufnahmen realer Schauplätze (u.a. Sizilien, Marokko, Island und Ithaka) in Erinnerung, weniger wegen erzählerischer Finesse. Nolan hat sich am Fundament einer der größten Geschichten der Menschheit bedient – und am Ende doch nur eine düster-imposante, aber ansonsten wenig eigenständige und selten wirklich tiefgründige Variation daraus gemacht. Ich werde mir definitiv lieber nochmals Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka anschauen – oder in Kürze die 4K-Restaurierung von Troja – oder Michael Cacoyannis’ Iphigenie – so viel ist sicher.

Kinostart: 16. Juli 2026
Regie: Christopher Nolan
Darsteller: u.a. mit Matt Damon, Anne Hathaway und Tom Holland
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Universal Pictures
Laufzeit: 2 St. 53 Min.

★★★★★☆☆☆


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