Kritik zu „Everytime“: Der Überraschungsfilm des Jahres

Kritik von Julian Bonsu

Der bisherige Überraschungsfilm des Jahres: Everytime von Sandra Wollner

Nach dem tragischen Tod ihrer jugendlichen Tochter Jessie leidet Ella unter unvorstellbarer Trauer. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Kind Melli und Jessies Freund Lux schlägt sie sich durch das Leben in Berlin und später im Urlaub auf den Kanarischen Inseln, wobei alle drei auf ihre eigene Weise versuchen, ihren Verlust zu bewältigen. Sie versuchen nach vorne zu blicken, wollen aber auch die Vergangenheit nicht loslassen. Die Zeit verschwimmt und nimmt allmählich die Form einer Gespenstergeschichte an. Eine Geschichte, so traurig und schön, dass sie noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Mit Everytime hat Sandra Wollner den vielleicht eindringlichsten Film des Jahres geschaffen.

„Ist das das gleiche, das du ihr gegeben hast?“ Obgleich Ella (Birgit Minichmayr) nach dem Tod ihrer Tochter versucht, Normalität zu wahren – und das Leben für sich und ihre verbleibende Tochter Melli (Lotte Shirin Keiling) möglichst erträglich zu gestalten – möchte sie ihrer verstorbenen Tochter Jessie (Carla Hüttermann) so nah wie möglich bleiben. Ein Jahr ist bereits seit Jessies tödlichem Unfall vergangen – die Jahreszeiten sind ohne Jessie verflogen – und der Sommer ist wieder da. Der jährliche Urlaub am Meer steht an – ohne Jessie. Auch Jessies Freund Lux (Tristán López), der während eines Schüleraustauschs im Ausland war, ist wieder in Berlin. Lux beginnt immer mehr Zeit mit Ella und Melli zu verbringen. Zusammen fühlen sie sich mit Jessie verbunden, wobei jeder auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Trauma umgeht. Während Melli es sich zum Ritual macht, gemeinsam mit ihrer Mutter und Lux das Grab ihrer Schwester zu besuchen, plagen Lux schwere Schuldgefühle. Er erkennt, dass sich sein Freundeskreis nach nichts anderem sehnt, als zu leben und der Zukunft entgegenzublicken. Er sucht daher bei Ella und Melli Zuflucht. Für Ella bringt Lux’ Anwesenheit Jessie näher, macht sie fast greifbar. Mit ihm durchlebt sie Jessies letzte Momente und berauscht sich sogar an den Drogen, die Jessie kurz vor ihrem Tod konsumiert hatte.

Sandra Wollners neuer Film geht tief unter die Haut. Auch wenn sich Everytime mit oft behandelten Themen auseinandersetzt, gelingt es der Regisseurin, eine ganz eigene Vision zu erschaffen. Ihr brillanter, zutiefst eindringlicher Umgang mit der Zeit verleiht dem Film seine unvergessliche Wirkung. Wollner spielt mit der Zeit und lässt sie verschwimmen – mal verharrt die Handlung im monotonen Alltag der Gegenwart, mal schwelgt der Film in einer glücklicheren Vergangenheit oder bricht plötzlich in der Fantasiewelt eines Videospiels aus. In anderen Momenten scheint die Zeit ganz stillzustehen, wenn die Kamera minutenlang auf den Gebäuden der Stadt verweilt oder den Sonnenaufgang beobachtet. Manchmal bleibt es unklar, ob bestimmte Szenen in der realen Welt oder im Innenleben der Figuren stattfinden. Doch das spielt keine Rolle, da der Film den psychischen Zustand von Menschen in tiefster Trauer absolut nachvollziehbar einfängt – einen Zustand, in dem die Grenzen der Zeit ohne klare Regeln ineinanderfließen und sich Erinnerungen jederzeit mit Vorstellungen vermengen: Everytime.

Charlotte Wells’ Aftersun (2022) und Mascha Schilinskis In die Sonne schauen (2025) würden sich als gute Begleitwerke zu Everytime anbieten. Diese drei Filme fangen das Vergehen der Zeit, die Natur und die Bewältigung familiärer Traumata auf ganz eigene, zutiefst beunruhigende Weise ein. Es ist eine faszinierende Entdeckung, dass Everytime und Aftersun mit Gregory Oke denselben Kameramann teilen – besonders die wehmütige Darstellung der Trauer unter der sengenden Sommersonne ist in beiden Filmen herausragend. Alle drei Filme feierten ihre Weltpremiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Während Aftersun und In die Sonne schauen zu den gefeiertesten Filmen ihres jeweiligen Jahrgangs gehörten, befindet sich auch Everytime auf dem besten Weg dorthin – er gewann dieses Jahr in Cannes den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard.

Birgit Minichmayrs atemberaubende Darstellung verleiht dem Film eine zusätzliche Dimension. Minichmayr ist in der deutschsprachigen Film- und Theaterwelt längst eine der anerkanntesten Schauspielerinnen. Sie hat sich sowohl in Haupt- als auch in Nebenrollen ein beeindruckendes Repertoire an Darstellungen erarbeitet und bereits mit Regiegrößen wie Michael Haneke und Tom Tykwer gedreht. Mit Everytime jedoch erreicht sie einen neuen künstlerischen Höhepunkt. Sie trägt den Film mit einer stillen Intensität, die niemals in übliche Klischees von emotionalen Ausbrüchen verfällt. Ihr Schmerz und ihre innere Zerrissenheit werden allein durch ihre Körperlichkeit und ihre Augen spürbar. In einem Filmgespräch auf dem diesjährigen Filmfest München beantwortete sie Fragen zu ihrer Herangehensweise an die Rolle mit einer bodenständigen Sachlichkeit, die überaus erfrischend wirkte. Sie ist wahrhaft eine Meisterin ihres Fachs – man kann sich niemand anderen in dieser Rolle vorstellen.

Everytime ist keineswegs angenehme Kost. Es ist jedoch ein nachhallendes Kinoerlebnis, das so unauslöschliche Spuren hinterlässt, wie es nur den besten Filmen gelingt. Sandra Wollner ist wahrhaft ein kleines Meisterwerk geglückt.

Kinostart: 6. August 2026
Regie: Sandra Wollner
Darsteller: u.a. mit Birgit Minichmayr, Tristan López und Lotte Shirin Keiling
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih: Eksystent Distribution
Laufzeit: 2 St. 04 Min.

★★★★★★★☆


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