Kritik von Marc Trappendreher – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Kino als neonfarbener Erfahrungsraum: Her Private Hell von Nicolas Winding Refn
Nicolas Winding Refns neuer Film führt nach zwei Serienprojekten seine Kunst der radikalen Verweigerung konsequent fort. Mit Her Private Hell (Revenge Wears Leather) kehrt der dänische Regisseur nach Cannes (allerdings dieses Mal außerhalb des Wettbewerbs) zurück – und zugleich zu jener ästhetischen Radikalität, die sein Kino seit Drive zunehmend bestimmt. Bereits im Vorfeld wurde der Film als exzessive Fortschreibung seines Neon-Noirs gehandelt: ein Werk zwischen Albtraum, Modefantasie und Vaterkomplexen. Tatsächlich bestätigt Her Private Hell diese Erwartungen nur teilweise. Denn Refn liefert keinen Film, der sich mit herkömmlichen Genrekategorien von Psychodrama, Science-Fiction oder Slasher vollständig erfassen ließe. Vielmehr inszeniert er erneut ein Kino der Zustände – einen audiovisuellen Sog, der weniger erzählt als überwältigt.
Im Zentrum steht die junge Elle (Sophie Thatcher), die sich durch ein nächtliches urbanes Milieu bewegt, das bei Refn weniger reale Metropole als halluzinatorisches Zwischenreich ist. Zugleich taucht immer wieder eine rätselhafte Gestalt auf – ein in schwarzes Leder gekleideter Mann, den der Film nur als „Leather Man“ bezeichnet. Was zunächst wie die Anlage eines klassischen Noir-Thrillers erscheint, entzieht sich jedoch zunehmend jeder narrativen Stabilität. Identitäten zerfließen, Zeitabläufe lösen sich auf, Figuren verschwinden ebenso plötzlich, wie sie auftauchen. Refn interessiert sich offenkundig nicht für die Aufklärung eines Verbrechens, sondern für die Erzeugung einer Atmosphäre permanenter Desorientierung.
Damit knüpft Her Private Hell unmittelbar an die ästhetische Entwicklung an, die sich bereits in den Serienprojekten Too Old to Die Young und zuletzt Copenhagen Cowboy abgezeichnet hatte. Die Handlung fungiert erneut lediglich als lose Struktur, an der sich Bilder, Lichtkompositionen und Körperinszenierungen organisieren. Refn betreibt hier endgültig ein Kino, das sich von psychologischer Motivierung weitgehend verabschiedet hat. Gefühle werden nicht mehr ausgespielt oder dialogisch vermittelt, sondern ausschließlich über Oberflächen erfahrbar gemacht: über Neonfarben, räumliche Kompositionen, verlangsamte Bewegungen und musikalische Rhythmen – diesmal in klassischer Orchestrierung des italienischen Komponisten Pino Donaggio.
Gerade darin liegt die eigentliche Qualität des Films – aber auch die Ursache seiner unvermeidlichen Polarisierung. Denn der weithin geläufige Vorwurf, Refn betreibe bloß „style over substance“, dürfte durch Her Private Hell neuen Auftrieb erhalten. Tatsächlich wirkt der Film wie die endgültige Zuspitzung jener Ästhetik, die seine Kritiker seit Jahren als fetischistisch oder selbstverliebt verwerfen. Doch der Vorwurf greift erneut zu kurz, weil er Refns Kino weiterhin nach klassischen Maßstäben psychologischer Narration beurteilt. Her Private Hell funktioniert als abstrahiert-performatives Ereignis. Der Film interessiert sich nicht primär dafür, innere Zustände dialogisch zu erklären oder Figuren psychologisch auszuleuchten.
Refn verlagert Emotionen vielmehr aus den Figuren heraus auf Räume, Lichtflächen, Objekte und Bewegungen. Seine Bilder sollen Gefühle nicht bloß illustrieren – sie sollen sie materialisieren. Besonders deutlich wird dies in der ersten Handlungslinie um die junge Elle, die ihren Vater aufsucht, um gemeinsam mit ihm einen Film zu drehen. Der Vater hofft, dass dieses Projekt eine Annäherung zwischen Tochter und Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu) ermöglichen könnte, eine Art Heilung familiärer Brüche. Doch irgendwann muss der programmatische Satz fallen: „This movie isn’t going to fix us.“ Darin formuliert Refn gewissermaßen das Zentrum des gesamten Films. Her Private Hell ist ein Film über den verzweifelten Versuch, emotionale Leere zu überwinden – ein Versuch, der zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera kann oberflächlich Nähe erzeugen, Bilder schaffen, Atmosphären verdichten; doch sie vermag keine beschädigten Beziehungen zu reparieren.

“Take care of your daughters, or he will.”
Refn übersetzt diesen emotionalen Stillstand ebenso konsequent in räumliche Kompositionen. Besonders eindrucksvoll gerät eine Szene, in der der Vater in Rückenansicht einen Hotelflur entlanggeht und schließlich hinter den sich schließenden Fahrstuhltüren verschwindet. Wie bereits in Drive fungiert der Fahrstuhl als Übergangsraum zwischen Sehnsucht und Verlust. Die Türen schließen sich buchstäblich vor der Möglichkeit emotionaler Erlösung. Der Vater bleibt unerreichbar, eine Figur der Distanz. Wenn die Stiefmutter das Mädchen später als „vollkommen leer“ bezeichnet, benennt dies einen Zustand, den Refn nicht psychologisch erklärt, sondern ästhetisch organisiert: Identität erscheint in Her Private Hell als fragile Konstruktion innerhalb künstlicher Bildwelten aus Neonlicht, Kunstnebel und spiegelnden Oberflächen.
Dabei ist bemerkenswert, wie konkret emotional der Film trotz seiner Abstraktion arbeitet. Besonders die Figur des amerikanischen Soldaten, der in Tokio um seine verstorbene Tochter trauert, bildet einen melancholischen Fixpunkt innerhalb der artifiziellen Exzessästhetik, die der Film betreibt. In einer der stärksten Szenen betrachtet er die Gesichter von Schaufensterpuppen, als suche er in ihnen nach einem Echo seiner verlorenen Tochter. Refn benötigt dafür keine erklärenden Dialoge. Die leblosen Puppengesichter werden selbst zum Ausdruck von Trauer und Entfremdung. Das Künstliche ersetzt das Menschliche; die Bildwelt von Her Private Hell erscheint mitunter auch als Friedhof von Abbildern.
Gerade hierin liegt die eigentliche emotionale Kraft des Films: Hinter der kalten Oberfläche seiner Neonräume verbirgt sich eine tiefe Melancholie über die Unfähigkeit moderner Menschen, reale Nähe herzustellen. Selbst Hans Christian Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ wird erwähnt – eine Geschichte über Einsamkeit, Sehnsucht und eskapistische Bilderwelten. All diese Bezüge kreisen letztlich um dieselbe Idee: Menschen flüchten sich in künstliche Vorstellungsräume, weil die Realität selbst keine emotionale Geborgenheit mehr bereithält. Zugleich verdichtet Refn seine zentralen Motive erneut über Körperbilder und Objekte. Das Auge spielt dabei eine Schlüsselrolle. Bereits in The Neon Demon fungierte das Auge als obsessives Motiv des Begehrens und der Gewalt des Blicks – am Ende wurde es buchstäblich ausgespuckt, nachdem Schönheit und Identität vollkommen einverleibt worden waren. Her Private Hell führt diese Motivik weiter. Ein Nadelstich wird hier als „sign of success“ beschrieben; eine Figur äußert darauf den Wunsch, ins Auge gestochen zu werden. Schmerz erscheint als Initiationsritus innerhalb einer Welt permanenter Selbstinszenierung. Dieser gipfelt bezeichnenderweise in einer blutigen Kampfszene, in der einem Mann das Auge ausgestochen wird.
Deshalb ist Her Private Hell letztlich auch nicht als bloße Stilübung zu begreifen, sondern als eine Form filmischer Konzeptkunst. Refn organisiert den Film weniger über klassische Dramaturgie als über die Wiederholung und Variation visueller Leitmotive: Augen, Schaufensterpuppen, Fahrstühle, Neonfarben, Leder, Spiegelungen. Die Szenen entwickeln sich dabei weniger nach narrativer Logik als nach musikalischen Rhythmen und affektiven Übergängen. Zeit wird gedehnt, Bewegungen verlangsamt, Dialoge fragmentiert. Refn erzeugt daraus einen hypnotischen Erfahrungsraum, der sich gegen die Beschleunigungslogik gegenwärtiger audiovisueller Formate wehrt, die auf permanente narrative Aktivierung setzen. Stattdessen insistiert Her Private Hell auf Stillstand, Atmosphäre und sensorischer Überwältigung.
Her Private Hell ist vielleicht die radikalste Zuspitzung von Refs Programm, möglicherweise der einzige Weg, den sein Kino noch beschreiten kann – ein obsessives Streben nach dem perfekten Bild, nach der Möglichkeit, mit filmischen Mitteln Bewusstseinszustände sichtbar zu machen. Das Kino als Traumarchitektur: eine Überführung in eine künstliche Welt aus Licht, Klang und Oberflächen, in der sich Sehnsucht, Einsamkeit und Identitätsverlust einschreiben. Her Private Hell ist damit vielleicht der konsequenteste Ausdruck jener ästhetischen Suche, die Refns Werk seit Jahren bestimmt: ein Kino, das nicht erklärt, sondern affiziert – in allen Fällen: sinnlich vollends vereinnahmt.
Kinostart: unbekannt
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: u.a. mit Sophie Thatcher und Charles Melton
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih international: Neon
Verleih Deutschland: Plaion Pictures
Laufzeit: 1 St. 49 Min.
★★★★★★★☆
Entdecke mehr von CinemaForever.net
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.