Kritik zu „King of New York“: Abel Ferraras 90er-Klassiker in 4K

Kritik von Marc Trappendreher

König ohne Krone – Abel Ferraras King of New York als urbane Heimsuchung in 4K

Es beginnt wie ein Gebet an die Nacht. Das erste, zaghafte Glimmen über den Dächern, die noch in Dunkelheit gefangene Stadt, und dann die Geigen. Vivaldis Adagio aus „Herbst“ legt sich wie ein fremder, fast sakraler Schleier über die kalte Wirklichkeit der New Yorker Straßen. Es ist eine Musik, die hier im Reich der Asphaltadern, wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint. In diesem Gegensatz, dieser Reibung zwischen barocker Anmut und urbaner Härte, liegt schon der ganze Film: Abel Ferraras King of New York, 1990 entstanden, damals ein Werk am Rand des Mainstreams, heute ein fester Bestandteil der kriminellen Filmmythologie, ist bei Pandastorm Pictures in einer umfassend restaurierten 4K-Fassung erschienen, die nicht nur seine Bilder schärft, sondern auch den Blick auf sein moralisches und ästhetisches Geflecht neu fokussiert.

Der Film erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Verbrechers. Frank White (Christopher Walken) wird zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen, er ist ein Heimkehrer, der nicht heimkehren kann. Er ist ein Mann, der alles verloren hat und dennoch nicht gebrochen wirkt. Walken gibt ihm ein bleiches, unruhiges Gesicht, das zwischen Empathie und Grausamkeit oszilliert. White übernimmt nun wieder die Kontrolle über sein kriminelles Imperium, räumt seine Konkurrenz aus dem Weg und festigt seine Position in der Unterwelt. Doch im Zentrum seiner neuen Herrschaft steht nicht nur Geldgier oder Machthunger, sondern ein fast paradoxes Ziel: Er will ein Krankenhaus in der South Bronx bauen, finanziert aus den Profiten seines Drogenhandels.

Ein Wohltäter in blutigem Gewand, ein Messias mit Pistole – dieser Zwiespalt macht ihn zu einer der faszinierendsten Gangsterfiguren der Filmgeschichte. Seine Gegner sind nicht nur rivalisierende Banden, sondern auch Polizisten, deren Hass auf White kaum zu unterscheiden ist von dem Hass, den sie auf die Armut und den moralischen Verfall ihrer Stadt empfinden. Abel Ferrara (Die Frau mit der 45er Magnum, Bad Lieutenant) zeichnet sie nicht als Helden des Gesetzes, sondern als ebenso korrumpierte Figuren in einem Spiel, das längst keine klaren Fronten mehr kennt. Die Jagd auf Frank White ist daher weniger ein Kampf von Gut gegen Böse als ein Krieg der Schatten, in dem jeder nur so lange „richtig“ handelt, wie es seiner eigenen Agenda dient.

„I’ve got a $250,000 contract on any cop involved with this case.“

Gewalt ist bei Ferrara roh, hässlich, abrupt. Ferrara nimmt dem Zuschauer die Möglichkeit, sich hinter der glatten Oberfläche einer stilisierten Unterwelt zu verstecken. Stattdessen zwingt er uns, die Handlungen eines Mannes zu sehen, der gleichzeitig Wohltäter und Henker ist, und selbst in Momenten der Zärtlichkeit einen Schatten von Kälte behält. King of New York ist ein urbanes Nachtstück, ein von Schießpulver durchsetzter Totentanz. Es ist ein Werk, das sich weigert, eindeutig moralisch zu sein.

Dabei hat das Stadtbild in diesem Film erheblichen Stellenwert: Ferraras New York ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Tag und Nacht, zwischen Leben und Tod, zwischen Moral und Amoral verschwimmen. Die Skyline ist schön, aber nie heimelig; die Straßen sind lebendig, aber voller Gift. Die 4K-Restauration bringt diese Ambivalenz in einer Schärfe zum Vorschein, die manchmal fast schmerzhaft ist. Das blasse Grau der Morgendämmerung, das matte Orange der Straßenlaternen – all das wirkt wie frisch aus der Nacht geschnitten. In dieser Spannung liegt die Schönheit – und die neue 4K-Fassung ist die verführerische Einladung, sich ihr erneut auszusetzen.

King of New York ist bei Pandastorm Pictures am 17. Oktober 2025 erstmals in Deutschland auf 4K Blu-ray im limitierten Mediabook erschienen. Hat euch die Kritik gefallen? Dann unterstützt CinemaForever.net gerne bei eurer nächsten Filmbestellung, indem ihr über diese Verlinkung bei Amazon.de* bestellt.

Dt. Kinostart: 11. Oktober 1990
Release 4K Blu-ray: 17. Oktober 2025
Verleih 4K Blu-ray: Pandastorm Pictures
Regie: Abel Ferrara
Darsteller: u.a. mit Christopher Walken und Laurence Fishburne
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 40 Min.

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