Kritik: Rosemary’s Baby (US 1968) – Das unsichtbare Böse

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Keine Schwangerschaft gleicht der Anderen.

Roman Polanski hatte schon immer einen Hang zum Übernatürlichen, zum Mysteriösen und zur dunklen Magie. Mit Filmen wie Ekel*, Der Mieter und Die neun Pforten hat er das gleich mehrmals bewiesen. Ganz zu schweigen von den eigenen Aussagen, in denen er sein Interesse an diesen Themen immer erwähnte. Sein berühmtester Film dieser Art ist allerdings der Klassiker Rosemary’s Baby aus dem Jahr 1968, der zu den größten Okkulthorrorfilmen der Filmgeschichte zählt und noch heute mit seiner unglaublich beängstigenden Atmosphäre packen kann.

Wenn wir mit einem schlafliedartigen „La la la“ eingeführt werden und mit selbigem den Film verlassen, sind das zwei der stimmigsten Momente überhaupt. Ein so einfaches und reines Lied wird mit zwei völlig verschiedenen Sichtweisen angenommen und kann sich erschreckend entfalten. Komponist Krzysztof Komeda schafft es mit seiner Musik diesen Punkt immer wieder heraufzubeschwören und perfekt zu untermalen. Die Kameraarbeit von William Fraker ist ebenfalls ausgezeichnet. Mit unauffälligen Schwenks, tollen Einstellungen und zarten Farben fotografierte er Rosemary’s Baby‘ blendend und trägt, wie auch der Soundtrack, seinen großen Teil zur einmaligen Atmosphäre bei.

Mit Mia Farrow als Rosemary Woodhouse haben wir den Dreh und Angelpunkt der Geschichte. Es gibt kaum Momente, in denen sie nicht im Bild ist. Mia Farrow liefert eine unglaublich authentische und glaubwürdige Leistung ab. Jede Emotion, natürlich ganz besonders die Angst, wird ihr ohne weiteres abgenommen. Ruth Gordon als gewöhnungsbedürftige Minnie Castevet bringt ebenfalls eine starke Leistung und nimmt mit dem Lauf des Films eine immer angsteinflößendere Gestalt an. Für ihre Darstellung wurde sie sogar mit dem Oscar ausgezeichnet. Desweiteren überzeugen John Cassavetes als Guy Woodhouse und Sidney Blackmer als Roman Casevetes in ihren kleinen Rollen.

Das Okkult-Genre, welches mich persönlich auch immer schon faszinierte, hat so einiges an Klassikern hervorgebracht. Die größten Vertreter wie Der Exorzist und Das Omen kennt jeder. Jedoch unterscheiden sich beide schwerwiegend von Rosemary’s Baby. Während Der Exorzist das Böse durch die Besessenheit einer 12-Jährigen zeigt und Das Omen die Brut des Leibhaftigen verfolgt, verzichtet Rosemary’s Baby vollständig darauf, dem „Bösen“ ein Gesicht zu geben. So schlägt Roman Polanski einen ganz anderen Weg ein und betritt den Pfad des schleichenden Schreckens. Roman Polanski baut hier ganz klar auf Stimmung und Atmosphäre.

Die positive Einführung des Paares entwickelt sich zum trügerischen Schein. Die leise Vorahnung, die wir als Zuschauer ab der ersten Kameraeinstellung bekommen, bestätigt sich nach und nach. Dabei gibt uns Roman Polanski nicht einen Hauch von Anlass dafür. Mysteriöse Ereignisse vermehren sich zwar, lassen aber nicht auf etwas Größeres hindeuten. Der völlig unvorhersehbare Fenstersturz der jungen Frau. Namen, die beiläufig erwähnt werden, Bilder, die kurz ihren Platz in einer Kameraeinstellung finden. Alles ist eine mögliche Andeutung. Wenn Hutch, der Freund von Familie Woodhouse, eine Geschichte über das neue Wohnhaus von ihnen erzählt, erscheint alles als Humbug. Er faselt von einem Hexer namens Adrian Marcato und von Kannibalismus. Dass diese Geschichte nicht nur wirres Gerede ist, wird uns im Laufe der Geschichte bewusst, denn der Name Adrian wird uns noch einmal begegnen. So sind es diese kleinen, feinen Details, die hier eine ganze Menge erzählen und immer wieder während des Films ins Gedächtnis gerufen werden. Ganz zu schweigen von der wahren Bedeutung der Taniswurzel, die Rosemary von Minnie geschenkt bekommt.

Nachdem Rosemary jedoch ihren völlig skurrilen Alptraum erlebt, nimmt die Story ihren eigenartigen Lauf. Guy bekommt plötzlich eine Rolle als Schauspieler, da sein Konkurrent plötzlich erblindet ist. Rosemary, die davon ausgeht das Guy sie in der Nacht geschwängert hat, wird immer mehr zur Identifikationsperson des Zuschauers. Immer wieder werden wir in ihre Rolle gedrückt. Dem nächsten Moment völlig ausgeliefert. Die Schwangerschaft bringt so einige Komplikationen mit sich, was sie aber noch als „normal“ abstempelt. Jedoch wirken vertraute Gesichte immer befremdlicher. Selbst Guy scheint eine angefertigte Maske zu tragen, die er nun durchgehend trägt. Jeder scheint ein Geheimnis zu haben, was jedoch alle miteinander verbindet. Nur wir als Zuschauer sind so schlau wie Rosemary. Völlig unwissend und unvorbereitet auf den nächsten Moment. Bis wir auch den Punkt erreichen, an dem uns immer klarer wird, dass Rosemary kein normales Kind zur Welt bringen wird.

Das böse Erwachen steht uns allerdings noch bevor. Wenn Rosemary ihr Kind bekommt, ihr dann aber gesagt wird dass es bei der Geburt gestorben ist, sind wird längst in purem Misstrauen gefangen. Wir begeben uns mit Rosemary auf die Suche nach Wahrheit und treffen Guy, die Casavetes und einige unbekannte Gesichter in einem großen Raum an. Alle wirken vertraut miteinander, als wäre nichts geschehen. Würde ein außenstehender diese Menschen sehen, würde ihm rein gar nichts Befremdliches auffallen. Wäre da nicht die schwarze Wiege in der Mitte des Raums. Rosemary platzt ins Zimmer, bewaffnet mit einem Messer, doch alle bleiben ruhig. Sie sind ihr in jedem Punkt überlegen. Wir befinden uns als Zuschauer wieder in dieser unausweichlichen Situation, diesmal jedoch extremer denn je. Der Moment ist völlig unvorhersehbar und das ganze könnte im Chaos enden, doch der Gang zur Wiege ist einfach unumgänglich. Ein markerschütternder Schrei von Rosemary ertönt, völlig schockiert und entsetzt vom Anblick des Babys.

Was sich in Wirklichkeit in dieser Wiege befindet, bekommen wir nicht zusehen. Roman Polanski lässt unsere Gedanken wieder spielen. Jedoch in einem Bruchteil von Sekunden sehen wir eine schleierhafte teuflische Fratze im Bild. Das einzige Mal, das ein derartiger Effekte im Film eingesetzt wird. Dem Bösen können wir nie direkt ins Gesicht schauen, wir sehen nur seine Anhänger. In unserem Kopf jedoch ist das Böse durchgehend vertreten und immer präsent. Der natürlichste Vorgang der Welt wird zur grausamsten Geburtsstunde. Roman Polanski offenbart uns während des Films zu keiner Zeit ein mögliches Bündnis oder Abkommen, weder zwischen Guy um dem Teufel, noch zwischen den Cassavetes und dem Teufel. Doch beim genaueren Hinsehen bemerkt man, dass Roman Polanski immer ein Hintertürchen für die eigene Gedankenwelt offenlässt. Er lässt die surrealen Ebenen mit der Realität verschwimmen. Wann betreten wir diese Ebenen und wann verlassen wir sie? Antworten gibt Roman Polanski darauf keine. Eigentlich entlässt er uns völlig unbefriedigt. Doch die letzte Minute des Films lässt uns einfach sämtliche Gedankenpforten öffnen, die uns weiter und weiter in einen teuflischen Strudel hineintreiben. Ein letzter Blick in Rosemarys Gesicht, die ihren Blick auf das Kind gerichtet hat. Doch kein verschrecktes Gesicht ist zu erkennen, keine Angst ihrerseits, nur ein mütterliches, zärtliches Lächeln.

Fazit: Unglaublich viele Worte über einen Film, der wohl noch viel mehr verdient hätte. Viel schlimmer ist es, dass ich denke kaum etwas über den Film erzählt zu haben, trotz des schier endlosen Textes. Für die abgestumpfte Hostel– und Saw-Jugend ist dieser Film hier rein gar nichts. Dazu ist er einfach zu ruhig und zu zahm für heutige Verhältnisse. Wer jedoch einen Film mit umso subtilerer Wirkung sehen möchte, sollte sich Rosemarys Baby nicht entgehen lassen. Die starken Darsteller, der fantastische Score und Roman Polanskis tolle Inszenierung tun ihr übriges und machen den Film zu einem zeitlosen Klassiker.

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