Kritik zu „Leben und Sterben in L.A.“: William Friedkins 80er-Klassiker in 4K

Kritik von Marc Trappendreher

Verruchte Großstadt – William Friedkins Leben und Sterben in L.A. in 4K

Von der ersten Einstellung an zieht William Friedkins Leben und Sterben in L.A. (To Live and Die in L.A.) in eine Welt aus heißem Asphalt, flimmernden Neonlichtern und verbissener, existenzieller Härte: das Los Angeles der 1980er Jahre, roh, schmutzig und unentrinnbar. Die Kameraarbeit von Robby Müller arbeitet mit einer Intensität, die zugleich nüchtern und malerisch ist, während der pulsierende Soundtrack wie ein Mantra durch die Szenerie jagt und nicht nur die Straßen, sondern auch die Seelen der Figuren elektrisiert. Das visuelle und auditive Gefüge dieses Films verwebt sich zu einer Dichte, die kaum Raum für Atempausen lässt  – eine dichte Atmosphäre für einen Thriller, der von moralischer Verkommenheit und persönlicher Obsession handelt.

Im Zentrum steht FBI-Agent Richard Chance (William L. Petersen), ein Mann, dessen Gerechtigkeitssinn längst vom Adrenalin seiner eigenen Wut überspielt wird. Nachdem sein langjähriger Partner Jim Hart kurz vor der Pensionierung brutal ermordet wurde, schwört Chance Rache – und richtet seine gesamte Energie gegen den brillanten Geldfälscher Eric Masters (Willem Dafoe). Was als Verfolgung beginnt, verwandelt sich schnell in eine Besessenheit: Chance überschreitet eine nach der anderen jener unsichtbaren Grenzen, die Recht und Unrecht trennen, und gerät dabei selbst in die moralische Grauzone, die er zu bekämpfen glaubt. Unterstützung erhält er teils unfreiwillig von Kollegen wie John Vukovich (John Pankow), aber auch dieser lose Bund hält den Sog der Illegalität nicht auf. Die Handlung des Films ist ein gnadenloser Abstieg – nicht in körperlicher Gewalt allein, sondern vor allem in moralischer Ambivalenz.

Leben und Sterben in L.A. lässt sich bei seinem Erscheinen 1985 schwer auf einen klassischen Cop-Film reduzieren, weil Friedkin bewusst mit den Konventionen des Genres spielt, sie dehnt und auflöst. Sicher, der Film hat alle Elemente, die man erwartet: Verfolgungsjagden, schießwütige Agenten, Verbrecher, die immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. Aber statt den ehrenhaften Polizisten gegen den skrupellosen Verbrecher zu stellen, konstruiert Friedkin ein Terrain, in dem die Rollen ineinander übergehen. Chance ist kein moralisch einwandfreier Held – er ist ein Antiheld, der glaubt, das Richtige zu tun, während er zugleich immer tiefer im Sumpf aus Korruption, Brutalität und Selbstbetrug versinkt. Solche Figurenzeichnung widerspricht dem klassischen Cop vs. Criminal-Narrativ und katapultiert den Film eher in die Sphäre des Neo-Noir. Das ist kein Zufall: Schon seit den 1970er Jahren suchte William Friedkin nach Wegen, Genrefilme auf eine Art zu revitalisieren, die sie nicht nur unterhält, sondern zugleich hinterfragt. Friedkin, der mit Brennpunkt Brooklyn (The French Connection, 1971) einen Meilenstein des realistischen Polizeifilms inszenierte und später mit Der Exorzist (The Exorcist, 1973) das Genre des Horrorfilms neu definierte, gehörte zu den prägenden Figuren des New Hollywood. Sein Stil ist dokumentarisch durchdrungen, seine Figuren komplex und unberechenbar, sein Blick auf Gewalt und Moral unversöhnlich.

„Buddy, you’re in the wrong place at the wrong time.“

Auffällig sind auch die Nähe und die vielfach diskutierten Überschneidungen zum Kino von Michael Mann: Beide Regisseure interessieren sich für kompromisslose Profis und einsame Männer, die sich über ihre Arbeit definieren und daran zerreiben – wie der ebenfalls von William Petersen interpretierte obsessive Profiler in Manhunter (1984). Beide entwerfen ein urbanes Kino der Oberflächen, das sich im geistigen Klima der Reagan-Ära verortet, diesem jedoch entschieden kritisch gegenübersteht: Effizienz, Selbstoptimierung und materieller Erfolg erscheinen nicht als Verheißung, sondern als Symptome eines Systems, das moralische Maßstäbe aushöhlt. Das Motiv des Falschgelds erhält vor diesem Hintergrund eine präzise politische Schärfe: In einer Zeit neoliberaler Deregulierung und aggressiven Konsumerismus wird Wert zur Frage der Simulation, Moral zur verhandelbaren Größe. Wie bei Mann – etwa in der überaus erfolgreichen Fernsehserie Miami Vice (1984-1989) – ist die glänzende Oberfläche kein Selbstzweck, sondern Ausdruck einer Welt, die sich über Stil, Coolness und ökonomischen Erfolg definiert.

Friedkin nutzt diese Ästhetik ebenso wenig affirmativ und legt ihre innere Leere frei: Neonlichter, Musik und Luxus von Los Angeles markieren die Austauschbarkeit von Menschen und Prinzipien. Auch musikalisch gibt es Berührungspunkte zwischen beiden Filmemachern: Während Leben und Sterben in L.A. mit zeitgenössischem Synth-Pop der Formation Wang Chung arbeitet, setzten beide Regisseure andernorts auf elektronische Klangwelten von Tangerine Dream, etwa in Friedkins Sorcerer (1977) und Manns The Keep (1983). Nicht zuletzt wird bis heute kolportiert, Mann habe wegen der stilistischen Nähe sogar rechtliche Schritte gegen Friedkin erwogen – ungeachtet des Wahrheitsgehalts ein Hinweis darauf, wie eng sich diese beiden Visionen des urbanen Crime-Kinos Mitte der 1980er berührten.

In dieser Hinsicht ist die neue 4K-Ultra-HD-Edition von Leben und Sterben in L.A. bei Capelight Pictures ein wichtiger Beitrag zur Wiederentdeckung und Neusichtung von Friedkins Kino. Zunächst bietet der konzise Booklet-Beitrag von Stefan Jung einen fundierten Einstieg in den Film, ein Text von besonderer editorischer Sorgfalt. Die technische Aufwertung in 4K liefert nicht nur ein hochwertiges Bild und eine beeindruckende Detailtiefe, sie wird ebenso von Bonusmaterialien begleitet wie Audiokommentaren von William Friedkin selbst und Interviews mit Darstellern. Gerade vor dem Hintergrund der bis vor wenigen Jahren noch schwierigen Zugänglichkeit vieler Werke Friedkins im deutschen Heimkino-Markt – man denke an lange vernachlässigte oder teils immer noch nur eingeschränkt verfügbare Titel wie Sorcerer (1977) oder Cruising (1980) – ist diese Neuveröffentlichung besonders erfreulich. Sie versteht sich nicht nur als technische Aufwertung, sondern als cinephile Würdigung und trägt dazu bei, Friedkins kompromissloses Kino besser sichtbar und angemessen erfahrbar zu machen.

Leben und Sterben in L.A. ist bei Capelight Pictures am 15. Januar 2026 erstmals in Deutschland auf 4K Blu-ray im limitierten Mediabook erschienen. Hat euch die Kritik gefallen? Dann unterstützt CinemaForever.net gerne bei eurer nächsten Filmbestellung, indem ihr über diese Verlinkung bei Amazon.de* bestellt.

Dt. Kinostart: 6. März 1986
Release 4K Blu-ray: 15. Januar 2026
Verleih 4K Blu-ray: Capelight Pictures
Regie: William Friedkin
Darsteller: u.a. mit William L. Petersen und Willem Dafoe
FSK-Freigabe: ab 16
Laufzeit: 1 St. 56 Min.

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