Kritik zu „One Battle After Another“: Wirklich der beste Film des Jahres?

Kritik von Philippe Paturel – erstmals zu lesen am 20. September 2025.

Leonardo DiCaprio auf rebellischem Kurs: One Battle After Another von Paul Thomas Anderson

Ob im Schatten der Résistance oder im urbanen Widerstand gegen koloniale Herrschaft – das Kino hat der Revolution immer wieder eine kraftvolle filmische Stimme verliehen. Von Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (1925), einem Meilenstein des politischen Films, der den Funken der Revolution als visuelle Choreografie inszeniert – weltberühmt geworden insbesondere durch die ikonische Treppenszene in Odessa; über Gillo Pontecorvos Schlacht um Algier (1966), ein radikal realistisches Drama über den algerischen Unabhängigkeitskampf, dessen dokumentarischer Stil bis heute Historiker und Filmschaffende gleichermaßen beschäftigt; bis hin zu Jean-Pierre Melvilles düsterem Meisterwerk Armee im Schatten (1969), das die moralisch ambivalente Realität des französischen Widerstands als stilles, eisiges Porträt eines hochdisziplinierten, paranoiden Überlebenskampfes im Untergrund zeigt.

Und auch das moderne Kino schreibt den Widerstand fort – etwa in der Graphic-Novel-Verfilmung V wie Vendetta (2005), in der er zur Ikone wird: Die Maske des anonymen Aufbegehrens gegen einen totalitären Staat ist dadurch auch längst in die Popkultur eingegangen. Nun also macht Regisseur Paul Thomas Anderson die Revolution zu seinem Thema und verpasst ihr seine ganz eigene Form – so wie er es bisher immer getan hat – ob im ölgetränkten Neo-Western There Will Be Blood, in der glitzernden Porno-Komödie Boogie Nights oder im Haute-Couture-Drama Der seidene Faden. Sein neuer Film One Battle After Another ist ein kreativer, verrückter Genremix, wie man ihn im modernen Blockbuster-Kino kaum noch erwarten würde. Dafür wurde wurde zweifellos viel investiert – man spricht von einem Budget von immerhin bis zu 175 Millionen Dollar, die dem Film auch anzusehen sind.

Herausgekommen ist dabei u.a. eine der legendärsten Verfolgungsjagden der Kinogeschichte, das sei vorab schon verraten. Doch ist Anderson mit seiner Vater-Tochter-Odyssee tatsächlich der revolutionäre Film des Jahres gelungen, wie bereits vielerorts zu lesen ist? Für meinen Teil muss ich das verneinen, auch wenn Anderson zweifellos eine herausragende, temporeiche Thriller-Komödie gelungen ist, getragen von einem größtenteils exzellent aufspielenden Ensemble und einer adrenalingeladenen Inszenierung.

„Some search for battle, others are born into it…“

Mit Statements wie dem obigen Zitat oder auch mal solchen Aussagen wie „Revolutionäre Gewalt ist der einzige Weg.“ macht es sich der Film nämlich immer wieder zu einfach. In der immerhin 162-minütigen Laufzeit bleiben diese Slogans oft unvermittelt stehen, während die Handlung schon längst an einem anderen Punkt weiterläuft. One Battle After Another wäre sehr gerne politisch progressives Kino, ist in seiner Weltansicht zu oft dann aber doch von einer zu kindlichen, einseitigen Weltsicht geprägt. Das zeigt sich besonders in der Darstellung des Bösewichts: Trotz Sean Penns Einsatz wirkt seine Rolle eher wie ein clownesker Bond-Schurke als eine komplex gezeichnete Figur à la Daniel Plainview in There Will Be Blood.

Auch Themen wie die Immigration werden in One Battle After Another lediglich gestreift – als Randnotiz inszeniert, um vermeintliche gesellschafts-politische Relevanz zu markieren. Der Film dreht sich nach seiner überlangen, holprig erzählten Einleitung letzten Endes aber um ganz andere zentrale Inhalte. Erzählt wird die Geschichte von Bob (Leonardo DiCaprio), einem Ex-Revolutionär, der seit einem fehlgeschlagenen Coup vor 16 Jahren im Exil versackt ist. Heute gleicht er eher einer Mischung aus Jeffrey Lebowski und politischem Relikt – im Bademantel, benebelt, tief eingesunken in seine Couch und seine Resignation. Was ihn noch antreibt? Filme über Revolution wie Schlacht um Algier und das Wohlergehen seiner mittlerweile 16-jährigen Tochter, großartig gespielt von Kino-Newcomerin Chase Infiniti.

Doch dann spürt Bob all die Jahre später ausgerechnet sein ehemaliger Erzfeind, der irre Soldat Steven Lockjaw (Sean Penn) im Exil auf – und ein gnadenloses Katz-und-Mausspiel beginnt. Ab diesem Moment spielt One Battle After Another seine ganzen Stärken aus, die in vielerlei Hinsicht an Filme der Gebrüder Coen wie No Country For Old Men erinnern. Mit beeindruckender Leichtigkeit balanciert Paul Thomas Anderson bis zum adrenalingetränkten Finale auf dem schmalen Grat zwischen tiefgründigem Ernst, kultigem Humor und atemloser Action – und offeriert dabei eine über zwei Stunden fesselnde, handwerklich herausragende Tour de Force, die gleichermaßen Suspense bietet wie eine vielschichtige Reflexion der US-amerikanischen Seele. One Battle After Another käme dem Titel eines Meisterwerks deutlich näher, wenn nicht die angesprochenen Schwächen im Weg stünden. Unterm Strich bleibt ein gelungener, kurzweiliger Genremix, der mit fortschreitender Laufzeit immer mehr begeistert.

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Kinostart: 25. September 2025
Heimkino-Release: 22. Januar 2026
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller:
u.a. mit Leonardo DiCaprio, Sean Penn und Teyana Taylor
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Verleih: Warner Bros.
Laufzeit: 2 St. 42 Min.

★★★★★★☆☆

 

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1 Comment

  • Marwin Meier

    Um die im Titel gestellte spannende Frage zu beantworten, hätte diese gut argumentierte Kritik aber den Film im Vergleich anderen Werken des Jahres bewerten müssen. So bleibt das Fragezeichen. Schade.

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