Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Was für eine Welt ist das? – Paper Tiger von James Gray
Im Werk vom amerikanischen Regisseur James Gray scheint stets ein Motiv zu schlummern: Die menschliche Existenz, gefangen in einem Raum aus Widerständen. Sei es in The Immigrant, Die versunkene Stadt Z oder Ad Astra, stets sind es Geschichten, in denen die Narrative immer wieder zum stocken kommen. Es mag daran liegen, dass die Figuren in jenen Werken große Ziele verfolgen und dementsprechend auch große Schritte in die entferntesten Winkel der Erde oder in die Tiefen des Universums bestreiten. Nun liefert Gray auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes sein neues Werk Paper Tiger ab und setzt dieses Motiv ins New York zur Zeit des Kalten Kriegs. Zwar verfolgen die Brüder Irwin (Miles Teller) und Gary Pearl (Adam Driver) nur das Ziel vom amerikanischen Traum – das erscheint weniger monumental im Vergleich zu seinen Vorwerken – doch die Widerstände, die sich ihnen auftun, sind nicht minder erdrückend.
Es ist ein klassischer Gray (anders als der zuletzt autobiographisch angehauchte Armageddon Time), der zu Beginn ein vertrautes Bild über die mittelständige amerikanische Familie zeichnet: Irwin ist Ingenieur, weiß seine charmante und liebenswerte Frau Esther (Scarlett Johansson) und seine zwei Söhne an seiner Seite, hat ein schickes Eigenheim, zwei Autos, eine Vorliebe für das Amerika, in dem er groß geworden ist. Ein Amerika, welches eine goldene Zeit mit kulturellen wie wirtschaftlichen Aufschwung in den 70er und 80er Jahren hinter sich hat und einer Spielwiese gleicht, auf der man es mit dem richtigen Wissen weit bringen kann. Dabei scheinen die Pearls dies gar nicht nötig zu haben, an diversen Ecken des Lebens scheint es ihnen einen Tick besser zu ergehen als dem Durchschnitt, wenn beispielsweise Irwin mit Luxus-Steaks eines Abends vor der Tür steht. Wohlstand bedeutet aber nicht gleich Wohlstand, wie sich im Laufe der Narrative noch zeigen wird.
Irwin als Ex-Polizist ist dabei gut vernetzt, sowohl mit dem legalen als auch nicht so legalen Apparat in der Gesellschaft. Er riecht eine Möglichkeit mit seinem Bruder ein Business großzuziehen, jedoch nach klaren Prinzipien folgend. Sein Plan, mit der russischen Mafia in der Stadt ein Geschäft zu machen, scheint rein opportunistischer Natur zu sein – und doch findet sich da ein starker moralischer Kompass, der nur wenig dehnbar ist. Viel zu stark scheinen sie auf eine Ideologie zu vertrauen: The right way is the american way, is the moral way – so könnte man ihre Prinzipien in Kurzform festhalten. Andere Spielregeln, die sie bei den Russen vorfinden, bilden fortan die typischen Gray’schen Widerstände. Ohne es mitbekommen zu haben, scheinen sie sich plötzlich in einem System wiederzufinden, in dem einige neue Regeln der Stadt andere – mit denen sie aufgewachsen sind – bedrohen.

Andere Gangsterfilme würden für diese Bedrohlichkeit Bilder finden, seien es die typischen Männer, die im Schatten verweilen, dunkle Nebelhauben über der Stadt, andere Symboliken, um Kriminalität und die damit verbundenen Machtgefälle visuell zu framen. Bei Gray finden die sich aber nur begrenzt wieder, da in seiner Welt diese Strukturen erst im Begriff sind, sich zur ganzen Größe zu entfalten.
„What kind of world is this?“ heißt es an einer Stelle – ein Augenblick zur Untermauerung, dass ein Point of no return erst jetzt realisiert wird. Sukzessiv dämmert die Erkenntnis, dass Jahre des Glanzes bruchartig der Vergangenheit angehören, dass Chaos in die Gesellschaft einzieht, dass Kontrollverlust um sich greift und jeden erfasst, der sich ihm entgegenstellt. Angelegt als realpolitisches Werk und weniger als Hollywood-Krimi gibt es fortan weder Heldenpläne, noch die Struktur, den alten Status Quo wiederherzustellen, sondern nur noch der Versuch, diese Widerstände zu umschiffen.
Eben jener Realpolitikbezug erinnert an J.C. Chandors A Most Violent Year. Wie J.C. Chandor beschäftigt sich Gray mehr mit amerikanischer Geschichte, systemischen Fragen und wirtschaftlichen Facetten wie staatliche Regulierung, schlichtweg einer ungewissen Zukunft Amerikas als mit Hollywood-schen Motiven und Wendungen. Obgleich Hollywood-Besetzung, zahlreichen Klischees sowie klaren Figurenzeichnungen – Russland als skrupelloses Feindbild und Amerika als moralisch überlegen – findet Gray genug Freiraum, um seine Narrative voranzutreiben. Dies ist kein Hochglanzkino, sondern ein weiteres Werk ganz im Geiste Gray’s – in einem Resonanzraum zwischen Orientierungslosigkeit und der Angst, in einem System unterzugehen.
Kinostart: unbekannt
Regie: James Gray
Darsteller: u.a. mit Adam Driver, Scarlett Johansson und Miles Teller
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih: Plaion Pictures
Laufzeit: 1 St. 55 Min.
★★★★★☆☆☆
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