Kritik zu „Species“: Der nächste Body-Horror-Hit aus Frankreich?

Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Der nächste Body-Horror-Hit aus Frankreich: Species von Marion Le Corroller

Wer kennt es nicht: Man geht zu einer Fastfood-Kette, bestellt einen Burger und bekommt plötzlich gesagt, das Produkt sei nicht mehr verfügbar – es gab ihn nur für einen kurzen Zeitraum. Oder noch schlimmer: Es gibt diesen Burger nur im Frühstücksmenü und er kann nach 12 Uhr nicht mehr verkauft werden. Seit 33 Jahren hat sich jene Prämisse, die sich der „Der Kunde ist König“-Mentalität entgegenstellt, nicht geändert. 33 Jahre deswegen, weil 1993 die bissige Satire Falling Down – Ein ganz normaler Tag in die Kinos kam und bis heute eine der ikonischsten Filmszenen in dieser Hinsicht bietet.

Während Michael Douglas als Protagonist im Whammy Burger als Kunde einen Nervenzusammenbruch bekommt, dreht Sanguine (internationaler Titel: Species) nun den Spieß herum: Nicht etwa der Gast hinterlässt eine Spur aus Blut und Verwüstung, sondern der kleine Mitarbeiter, gefangen im paralysierten Zustand zwischen persönlichem Kundenwunsch und der Corporate Identity, der er sich mit seinem Arbeitsvertrag unterworfen hat. War dies nur ein Einzelfall eines ohnehin schon psychisch instabilen Menschen oder steckt etwa doch mehr dahinter?

Das alles versteht sich als Auftakt eines größeren Bildes über die Parabel unserer stressintensivierten Zeit. Fast forward: Margot (Mara Taquin) studiert Medizin und sieht sich nun mit ihrem nächsten Lebensabschnitt auf der Intensivstation konfrontiert. Jeder Tag gleicht nun nicht mehr bloß medizinischem Training, sondern einem gnadenlosen Belastungstest, in dem das Stresslevel der Neulinge permanent seziert und analysiert wird. Nachdem sie und ihr Team den Vorfall im Burgerrestaurant medial nur am Rande mitbekommen, landet wenig später eine ganz besondere Patientin bei Margot, deren Symptome keinerlei Sinn ergeben. Genanalysen und weitere makabre Vorfälle, die folgen, sind nur der Anfang einer sich anbahnenden Weiterentwicklung der menschlichen Spezies.

Der Begriff Pionierarbeit ist im Kontext des Schockerkinos in den letzten Jahren wohl angebracht, wurde doch ein Point of no return spätestens mit The Substance aus 2024 überschritten. Julia Ducournau (Raw, Titane, Alpha) als auch Coralie Fargeat (Revenge, The Substance) sind hier als Pionierinnen definitiv zu nennen, die irgendwo zwischen David Cronenbergs Body-Horror und parabolischem Kino neues zeitgemäßes Terrain ergründen. Nicht nur geht es darum zu schockieren, sondern auch darum, aktuelle Themen sowohl mittels Offensichtlichkeit, Subtext als auch formalistischem Stil aufzuarbeiten, das Individuum im System zu verstehen, also ganz nach dem meisterlichen Schaffen David Cronenbergs, in dessen Filmen das System durch physische Transformation erscheint (etwa in Die Fliege oder Videodrome). Oder wenn sich Triebe und Krankheiten wie soziale Systeme ausbreiten (so beispielsweise in Parasiten-Mörder).

“Blood is just the first stage…”

Der Körper als Schlachtfeld, also die Veränderung von Körper und Psychologie durch Technologie, Medien, Wissenschaft, Gesellschaft, Krankheiten, das System. In The Substance ist es das System der Frauenbehandlung in der Unterhaltungswelt, in Raw das animalische System im Menschen, in Species nun das gegenwärtige System der Menschheitsweiterentwicklung. Eine Gemeinsamkeit durchzieht alle Werke, es sind Themen, die keine neuen sind, sondern seit Jahrzehnten in der Welt umhergeistern – und bis zum heutigen Tag immer wieder, jedoch zu selten, auf einer zivilisatorischen Ebene aufgearbeitet werden.

Was diese Filme so faszinierend macht, sind ihre zellulären Kontexte. Dies macht nun auch auch Species so spannend – es geht um DNA, Blut, Chromosomen und – zumindest kann man so viel verraten, um die Neugier zu wecken – Manifestationen von Emotionen. Evolutionsbiologisch wird hier die Frage gestellt, warum der menschliche Körper nicht von Natur aus stärker reagiert oder ausschlägt, wenn er mit destruktivem Verhalten konfrontiert wird. Ohne psychosomatische Symptome wie Haarausfall oder Hautprobleme herunterzuspielen – lebensbedrohlich ist dies ja nun nicht. Doch dann scheint sich die Natur in der realpolitischen Welt von Species weiterzuentwickeln. Zu stark sind mittlerweile die schädlichen Impulse, mit denen die Menschen sich herumschlagen müssen, was einen nächsten Schritt in der Evolutionsbiologie in Gang setzt.

Angelegt ist Species als symbolischer Rückblick der letzten Jahre und Jahrzehnte. Im Subtext lauert hier der Corona-Mythos wie ein kaum verheiltes Trauma. Kaum ist eine neue „Krankheit“ entdeckt, kollabiert die medizinische Ordnung, hat sie sich doch über Äonen ihr eigenes Tempo im Minutentakt aufgebaut: „5 Minuten pro Patient“ heißt es da an einer Stelle. Ohne auch nur ansatzweise die Möglichkeit zu haben zu reagieren, entwickelt auch Species seine eigene Rasanz, in dem sich bereits die nächste transformatorische Phase abzeichnet, noch bevor die vorherige vollständig abgeschlossen ist. Ebenfalls schlummert hier das Burn-out-Syndrom zwischen den Zeilen, von dem erstmals 1974 die Rede war. Natürlich hat sich bis zum heutigen Tag einiges in der Analyse und Aufklärung getan, doch Species versteht sich selbst als Produkt einer unaufhaltsamen Biologie: Wenn Stress dich kontrolliert, sind ausgewogene Ernährung und etwas sportliche Betätigung nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zusammengefasst: Wie könnte die nächste Entwicklungsstufe der Menschheit aussehen – und welches neue gesellschaftliche System formt sich für diese Spezies jenseits der bekannten Grenzen? Species hat sehr wohl eine radikale Antwort auf diese Fragen parat, in der Naturwissenschaft und Soziologie ineinander kippen und sich schlussendlich auch ein zivilisatorischer Bezug auftut, der in tiefer Vergangenheit liegt. Olaf Stapledon schrieb 1930 in seinem Science-Fiction-Klassiker Last and First Men darüber, wie der Mensch in Millionen Jahren leben wird: „Einen großen Teil seines Lebens widmet er der Erholung“.

Obgleich Species ein Body-Horror-Fest mit pulsierendem Soundtrack und ekelerregenden Szenen ist, stellt er eine ähnliche Zukunft in Aussicht. Das ist die meiste Zeit spannend mitanzusehen, könnte aber an der einen oder anderen Stelle noch intensiver, expliziter und durchdachter ausfallen. Doch wenn wir etwas von Coralie Fargeat gelernt haben, dann doch wohl dies: Da, wo ihr Revenge den Weg für das absolut gnadenlose Magnum Opus The Substance ebnete, wird hoffentlich Species gleichermaßen den Weg für das hoffentlich dann markerschütternde, meisterhafte Folgewerk der aufstrebenden Regisseurin Marion Le Corroller ebnen. Genügend diskussionswürdige Spitzen mit Gegenwartsbezug hat sie immerhin schon zu bieten, wenn sie beispielsweise so mutig wie derzeit kaum andere Filmschaffende auf derzeitige Konflikte zwischen älteren und jüngeren Generationen aufmerksam macht.

Kinostart: unbekannt
Regie: Marion Le Corroller
Darsteller: u.a. mit Mara Taquin und Karin Viard
FSK-Freigabe: unbekannt
Verleih international: WTFilms
Laufzeit: 1 St. 43 Min.

★★★★★★☆☆


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