„The Electric Kiss“: Kritik zum Cannes-Eröffnungsfilm

Kritik von Michael Gasch – gesehen im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Eine sehenswerte Reise in die Belle Époque: The Electric Kiss von Pierre Salvadori

Eigentlich startet The Electric Kiss (La Vénus électrique) zu Beginn recht verworren. Der vom Tod seiner Frau traumatisierte Maler Antoine (Pio Marmaï) stößt auf dem Jahrmarkt voller aufregender Schausteller und Illusionisten auf die „Elektrifizierte Venus“ Suzanne (Anaïs Demoustier), die den Schaulustigen mit ihrer elektrisierenden Performance für ein paar Sekunden dem Atem raubt. Eine Verwechslung später findet sie sich als selbstinszeniertes Medium in dem großen Anwesen des Malers wider. Fortan soll sie eine Verbindung mit seiner verstorbenen Frau namens Irène (Vimala Pons) herstellen. Gleichermaßen gelangt Antoines Agent Armand (Gilles Lellouche) in das Spiel aus Täuschungen, all das im Pariser Montmartre der Belle Époque, einer Zeit voller kultureller Umbrüche und wissenschaftlicher Innovationen, in der gleichermaßen Platz für Fortschritts- und Aberglauben war.

Überfordernd wirkt diese Ausgangslage erstaunlicherweise nie, weil der Film seine Motive nicht ausstellt, sondern leichtfüßig entfaltet: Über zwei Stunden verteilt sich ein Netz aus Informationslücken und halben Wahrheiten. Eben diese Informationsasymmetrien dienen dabei als Grundmotiv: Nie blicken die Figuren auf das Gesamtbild der Dreiecksbeziehung, vielmehr muss sich jeder mit dem fragmentiertem Wissen abfinden, das zur Verfügung steht.

Fortan fließt die Geschichte des Vergangenem und des Gegenwärtigem ineinander, einerseits um zu verstehen, was es mit der verstorbenen Frau auf sich hat, andererseits um die Figuren mit Leben zu füllen. Den Gesetzen der Ökonomie folgend, fußt dabei alles auf der Egomanie im Menschen, zumindest vorerst: Suzanne landet in dieser Figurenkonstellationen wegen des Geldes; Antoine wegen der Leichtgläubigkeit, einen guten Deal zu machen (man könnte heutzutage den Begriff „Psychotherapie“ in den Raum werfen); schlussendlich Armand ebenso des Geldes und Ruhmes wegen. So gesehen ein Kleinmodell der Realwelt.

Auch wenn es sich um ein komödiantisches Historiendrama handelt, kristallisieren sich fortan jede Menge Subtext heraus, in dem Vergangenheit und Gegenwart beginnen ineinander zu fließen: aus historischer Leichtgläubigkeit wird moderne Desinformation, aus gestrigen Mystizismus wird heutiges Verschwörungsdenken. Schlichtweg: Aus dem Affektraum des Jahrmarkts, in dem gezielt Emotionen erzeugt, gelenkt und verstärkt werden, entwickelt sich Alltagsbezug.

“Have you forgiven me?”

Doch einmal ganz konkret: Beim Punkt der Informationsasymmetrien kommen beispielsweise Erinnerungen an Geheimbünde auf, die sich eines exklusiven Wissens verschreiben. Nicht nur spielen die Figuren für die eigenen Interessen, gleichzeitig werden Bündnisse hinter verschlossenen Türen gemacht, Geheimnisse selektiv geteilt, Beziehungen arrangiert, auseinandergebrochen und rearrangiert. Eine Verbindung zur Logik moderner Informationsblasen ist möglich und auch angebracht: Wer Zugang zu Wissen (oder auch Nicht-Wissen) besitzt, bestimmt die Wirklichkeit der anderen mit. Verschwörung erscheint hier nicht als Ausnahmezustand, sondern als natürliche Folge asymmetrischer Informationsverteilung. Poetisch gesagt, geht es darum, die Komposition des Lebens in gewisse Richtungen zu lenken.

Ebenso ist Subtext im psychologischen Kontext erkennbar. Es geht um Identitäten, Selbstdarstellung, Gedankenmanipulationen und Aufmerksamkeitsökonomie, allesamt Themen, die auch unsere Gegenwart bestimmen. Gerade hier zeigt sich der Film besonders interessant: Obgleich seine Geschichte in der Vergangenheit spielt, zeigt sich sein Sujet als seltsam zeitlos. Mit dieser Lesung könnte man den Film nun vorwerfen, nur metaphorische Spiegelung der aktuellen Alltagspolitik sein zu wollen. Doch dies wäre übertrieben, da diese ideologischen Beats eher subtil angedeutet werden.

Wahrlicher Fokus liegt stets auf die Figuren und ihren Lebensbildern der Belle Époque, was diesen Film gleichermaßen seltsam aber auch faszinierend erscheinen lässt. Seltsam deswegen, weil man die Frage stellen könnte, was ein solcher Film über eine lang vergangene Ära in den Kinos in 2026 verloren hat, hat es doch nicht den Eindruck, wir befinden uns aktuell in einer Kinoära, die sich dem Historismus widmet. Und faszinierend, weil diese Geschichte zeigt, wie Ideen und Sehnsüchte durch Epochen hindurch weiterhallen. The Electric Kiss als Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes kann sich daher sehen lassen: Nicht nur lädt er ganz im Sinne eines Jahrmarkts zum Staunen ein, ebenso lässt er sich als Meta-Film lesen, der über seine eigene Narration hinaus existiert – voller Menschlichkeit und Symbolkraft. Und ganz nebenbei sorgt diese cineastische Attraktion auch für viele Lacher.

Kinostart: unbekannt
Regie: Pierre Salvadori
Darsteller: u.a. mit Pio Marmaï, Anaïs Demoustier und Gilles Lellouche
FSK-Freigabe: ab 12
Verleih international: Goodfellas / Playtime
Laufzeit: 2 St. 02 Min.

★★★★★★☆☆


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