Kritik von Marc Trappendreher

Stanley Kubricks kompromisslose Anklage gegen den Krieg – Wege zum Ruhm erstmals auf 4K Blu-ray
Ein Schützengraben trennt Leben und Tod oft nur durch wenige Meter Erde. Über den Köpfen schlagen Granaten ein, unter den Füßen verwandelt sich der Boden in Schlamm, Blut und Angst. Wer hier überlebt, verdankt es selten Mut oder strategischer Überlegenheit, sondern meist dem Zufall. Der Krieg kennt keine Gerechtigkeit – nur Hierarchien. Kriege werden von Generälen geplant, aber von Soldaten bezahlt. Kaum ein Film hat diese einfache Wahrheit mit größerer Klarheit formuliert als Stanley Kubricks Wege zum Ruhm (Paths of Glory, 1957). Nicht der Kampf gegen den Feind steht hier im Mittelpunkt, sondern die erbarmungslose Logik eines Systems, das seine eigenen Soldaten bereitwillig opfert, um das Versagen der Mächtigen zu verschleiern. Fast siebzig Jahre nach seiner Premiere erscheint dieses Meisterwerk nun erstmals in Deutschland im limitierten 2-Disc-Mediabook auf 4K Ultra HD von Capelight Pictures.
Der Titel verweist auf Thomas Grays Gedicht Elegy Written in a Country Churchyard (1751), dessen berühmte Schlusszeile „The paths of glory lead but to the grave“ den zentralen Gedanken des Films bereits vorwegnimmt: Ruhm und militärischer Ehrgeiz führen letztlich nicht zur Größe, sondern in den Tod. Zugleich basiert Kubricks Film auf Humphrey Cobbs Roman Paths of Glory (1935), der wiederum von tatsächlichen Kriegsgerichtsverfahren während des Ersten Weltkriegs inspiriert wurde, bei denen französische Soldaten nach gescheiterten Offensiven willkürlich als Sündenböcke hingerichtet wurden. Die Handlung führt an die französische Front des Ersten Weltkriegs. Brigadegeneral Mireau erhält den Befehl, die nahezu uneinnehmbare Stellung „Höhe 19“ zu erobern. Obwohl jedem Beteiligten bewusst ist, dass die Offensive militärisch aussichtslos ist, setzt Mireau den Angriff aus persönlichem Ehrgeiz dennoch durch. Unter dem Kommando von Colonel Dax (Kirk Douglas) stürmen die Soldaten aus den Schützengräben direkt in ein tödliches Maschinengewehrfeuer. Als Teile der Einheit den sinnlosen Vormarsch abbrechen müssen, sucht die Armeeführung nicht nach den Verantwortlichen für das Scheitern, sondern nach Sündenböcken. Drei willkürlich ausgewählte Soldaten werden wegen Feigheit vor dem Feind vor ein Kriegsgericht gestellt. Dax, der vor dem Krieg als Anwalt tätig war, übernimmt ihre Verteidigung – und erkennt schnell, dass nicht Wahrheit oder Gerechtigkeit über ihr Schicksal entscheiden, sondern die Interessen einer militärischen Elite.
Die außergewöhnliche Stellung von Wege zum Ruhm ergibt sich vor allem aus seiner politischen Perspektive. Kubrick richtet seine Kritik nicht primär gegen einen bestimmten Gegner oder gegen den Ersten Weltkrieg als historisches Ereignis. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Militär selbst – seine Hierarchien, seine Machtmechanismen und seine Bereitschaft, individuelles Leben den Interessen einer Institution unterzuordnen. Der Film ist daher zunächst und vor allem ein entschiedener Anti-Militärfilm. Nicht die Deutschen bilden den eigentlichen Gegner, sondern ein militärischer Apparat, dessen Vertreter Karriere, Prestige und Gehorsam über Wahrheit und Gerechtigkeit stellen. Gerade deshalb lohnt sich jedoch auch eine differenzierte Betrachtung seiner Einordnung als Antikriegsfilm.
Ein Antikriegsfilm definiert sich nicht allein dadurch, dass Krieg gezeigt oder verurteilt wird. Entscheidend ist vielmehr, dass er dem Krieg jede heroische Sinnstiftung entzieht und ihn als moralischen wie gesellschaftlichen Bankrott erfahrbar macht. Diese Perspektive nimmt Wege zum Ruhm zweifellos ein. Der Krieg erscheint nicht als Ort des Heldentums, sondern als System organisierter Entmenschlichung, in dem Soldaten zu austauschbaren Objekten militärischer Planung werden. Dennoch verfolgt Kubrick diesen Gedanken weniger konsequent als andere klassische Antikriegsfilme. Werke wie Im Westen nichts Neues oder Komm und sieh richten ihre Anklage unmittelbar gegen das Phänomen Krieg selbst und machen dessen zerstörerische Wirkung auf Individuen und Gesellschaft zum eigentlichen Thema.
Obwohl Wege zum Ruhm den Ersten Weltkrieg erzählt, spricht er über Mechanismen, die weit über militärische Konflikte hinausreichen. Kubrick beschreibt eine Welt, in der Verantwortung konsequent nach unten weitergereicht wird, während diejenigen an der Spitze ihre Entscheidungen hinter Uniformen, Vorschriften und Autorität verbergen. Die Willkür des Kriegsgerichts erscheint deshalb weniger als Ausnahme denn als logische Folge eines Systems, das seinen moralischen Kompass längst verloren hat. Dass der Film in Frankreich über viele Jahre verboten blieb, verdeutlicht, wie unbequem seine Aussagen zur Zeit seiner Veröffentlichung wirkten – und wie scharf Kubrick die Verbindung von Nationalstolz, militärischer Macht und institutioneller Gewalt offenlegte. Diese Perspektive findet ihre Entsprechung in der Inszenierung. Bereits in seinem frühen Schaffen entwickelt Kubrick jene visuelle Präzision, die sein ganzes Schaffen prägen sollte.
„If those little sweethearts won’t face German bullets, then by God, they’ll face French ones!“
Die berühmten Kamerafahrten durch die Schützengräben gehören bis heute zu den eindrucksvollsten Momenten der Filmgeschichte. Während Colonel Dax an seinen Soldaten vorbeigeht, folgt ihm die Kamera in langen, fließenden Bewegungen durch enge Gänge voller erschöpfter Männer. Jeder Blick, jede Bewegung und jedes Gesicht erzählen von Angst und Resignation. Der Schützengraben wird zu einem Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg gibt. Dem gegenüber stehen die großzügigen Räume der Generäle. Ihre Schlösser, Marmorböden und weitläufigen Säle wirken wie eine andere Welt. Zwischen beiden Orten liegen nicht nur wenige Kilometer Frontlinie, sondern ganze moralische Dimensionen. Kubrick nutzt Architektur, Perspektive und Bildkomposition, um Macht sichtbar zu machen. Während die Soldaten im Schlamm versinken, bewegen sich ihre Vorgesetzten in einer nahezu sterilen Umgebung, in der Krieg lediglich auf Karten und in Befehlen existiert. Kaum ein anderer Film verdeutlicht den Abstand zwischen Entscheidung und Konsequenz so eindringlich. Licht und Schatten verleihen den Bildern eine beinahe dokumentarische Strenge, ohne jemals ihre ästhetische Kraft einzubüßen. Explosionen, Rauch und zerstörte Landschaften besitzen eine greifbare Körperlichkeit, während die Gerichtsszenen durch ihre kühle Symmetrie fast beklemmend wirken. Kubrick verzichtet weitgehend auf pathetische Musik oder heroische Inszenierung. Statt emotionaler Überhöhung dominiert eine nüchterne Beobachtung, die den Schrecken des Geschehens umso eindringlicher erscheinen lässt.
Kirk Douglas als Colonel Dax ist weder unfehlbarer Held noch revolutionärer Rebell. Er ist ein Mann, der an Recht und Moral glaubt und gerade deshalb erkennen muss, dass beides innerhalb dieses Systems keine Bedeutung besitzt. Douglas verleiht der Figur eine Mischung aus Entschlossenheit, Mitgefühl und zunehmender Verzweiflung, ohne jemals ins Melodramatische abzurutschen. Besonders während der Gerichtsverhandlung wird sichtbar, wie präzise Kubrick und Douglas zusammenarbeiten. Jeder Versuch von Dax, Vernunft gegen Macht auszuspielen, scheitert an einer Institution, deren Urteil längst feststeht. George Macready verkörpert General Mireau mit erschreckender Selbstverständlichkeit. Seine Grausamkeit entspringt keinem persönlichen Sadismus, sondern einem Weltbild, in dem Menschen lediglich Mittel zum Zweck sind. Adolphe Menjou ergänzt dieses Machtgefüge als General Broulard mit höflicher Eleganz und kalter Berechnung. Gerade weil Kubrick seine Gegenspieler nicht als eindimensionale Monster zeichnet, sondern als überzeugte Vertreter eines korrupten Systems, entfaltet der Film seine nachhaltige Wirkung.
Zu den eindrucksvollsten Momenten des Films gehört jedoch sein Schluss. Nach den Schrecken des Kriegsgerichts und den Hinrichtungen versammelt sich eine Gruppe französischer Soldaten in einer Schenke. Eine junge deutsche Gefangene wird gezwungen zu singen. Aus anfänglichem Spott entwickelt sich langsam stille Anteilnahme. Für wenige Minuten verstummen Hass, Nationalität und militärische Disziplin. Kubrick beendet seinen Film nicht mit einem Sieg und auch nicht mit einer Niederlage, sondern mit einem seltenen Moment gemeinsamer Menschlichkeit. Gerade weil dieser Augenblick so klein wirkt, besitzt er eine umso größere emotionale Kraft.
Mit dem limitierten 2-Disc-Mediabook legt Capelight Pictures diesem Klassiker nun eine Veröffentlichung vor, die seiner filmhistorischen Bedeutung auch für den deutschsprachigen Raum gerecht wird. Obwohl Wege zum Ruhm zu Stanley Kubricks bedeutendsten Frühwerken zählt, nahm der Film im Heimkino lange eine Sonderstellung ein. Aufgrund der Rechteverhältnisse fehlte er in den meisten Kubrick-Gesamtausgaben und war stattdessen nur über Einzelveröffentlichungen von MGM, Criterion oder Masters of Cinema erhältlich. Oder eben seit 2022 erstmals beim US-Label Kino Lorber auf 4K Blu-ray. Für die nun vorliegende 4K-Auswertung greift Capelight Pictures auf dieses von Kino Lorber auf Basis eines neuen Scans des Originalnegativs erstellte Master zurück und verpasst diesem zusätzlich ein HDR10- sowie ein Dolby-Vision-Grading. Dies bringt die feinen Grauabstufungen der Schwarzweißfotografie eindrucksvoll zur Geltung und bewahrt zugleich die natürliche Filmkörnung. Ergänzt wird die UHD-Edition durch eine restaurierte Blu-ray, ein hochwertiges 24-seitiges Booklet sowie umfangreiches Bonusmaterial mit Audiokommentar von Filmwissenschaftler Adrian Martin, Interviews mit Peter Krämer, Richard Ayoade und Richard Combs sowie dem Originalkinotrailer. Der Ton wird in Deutsch und in Englisch jeweils in PCM 2.0 Mono präsentiert.
Wege zum Ruhm ist eine der schonungslosesten filmischen Studien über Machtmissbrauch, Verantwortung und die Zerbrechlichkeit menschlicher Würde. Gerade weil der Regisseur jede Form patriotischer Verklärung verweigert, entfaltet sein Werk bis heute eine beklemmende Aktualität. Die 4K-Edition ist ab dem 13. August 2026 exklusiv im Shop von Capelight Pictures erhältlich und bietet den idealen Anlass, diesen außergewöhnlichen Film neu zu entdecken – als zeitlose Anklage gegen jedes System, das den Wert eines Menschen dem Ehrgeiz seiner Vorgesetzten unterordnet.
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Weiterführend:
Jung, Fernand / Seeßlen, Georg: Stanley Kubrick und seine Filme. Marburg: Schüren 2008.
Klein, Thomas / Stiglegger, Marcus / Traber, Bodo (Hg.): Filmgenres: Kriegsfilm. Stuttgart: Reclam 2006.
Trappendreher, Marc: „Die meisten Kriegsfilme sind keine Antikriegsfilme“. Interview mit dem Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. In: Tageblatt, 29. April 2025. Online abrufbar hier (zuletzt abgerufen am 7. August 2026)
Dt. Kinostart: 25. Oktober 1957
Auf 4K Blu-ray erhältlich ab: 13. August 2026
Verleih 4K Blu-ray: Capelight Pictures
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: u.a. mit Kirk Douglas und George Macready
FSK-Freigabe: ab 12
Laufzeit: 1 St. 28 Min.
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