"Die Frau in Schwarz" (GB 2012) Kritik – Glaubt ihr an Geistergeschichten?

„I believe the most rational mind can play tricks in the dark.“

null

Blickt der Horror-Fan auf die letzten Jahrzehnte zurück, muss er mit Bedauern feststellen, dass das Kino nur wenige sehenswerte Spukfilme hervorgebracht hat. An aller erster Stelle würden die meisten natürlich Tobe Hoopers Klassiker „Poltergeist“ aus dem Jahre 1982 nennen. Vielleicht würden auch noch die Namen „The Others“ oder „Bis das Blut gefriert“ fallen. Und dann, ja dann hat man bereits Schwierigkeiten, weitere gelungene Spukfilme aufzuzählen. Eine Ausnahme bildet nun ausgerechnet der Film, der im vornherein mit einer schlechten Erwartungshaltung bedacht wurde, was vor allem daran liegen dürfte, dass „Harry Potter“-Mime Daniel Radcliffe die Hauptrolle in „Die Frau in Schwarz“ übernommen hat. Jeder, der diese Einstellung hat, dürfte gleich doppelt enttäuscht werden, denn Radcliffe liefert eine sehr gute Leistung ab und Regisseur James Watkins bietet etwas, auf das man lange genug warten musste: Der Zuschauer darf sich mal wieder fürchten.

Der Junge Anwalt Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) erhält von seiner Kanzlei den Auftrag in ein Dorf zu reisen, um dort seltsame Vorkommnise zu untersuchen. Mehr und mehr kommt er den grauenvollen Geheimnissen des Ortes und seiner Bewohner auf die Spur. Dabei muss er jedoch seinen Fuß in ein verfluchtes Anwesen setzen, und das hätte er lieber bleiben sollen, denn von nun an wird ihn „Die Frau in Schwarz“ nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.

Die Story und der Look erinnern anfangs ein wenig an Tim Burtons Grusel-Komödie „Sleepy Hollow“. Das ist als Kompliment zu verstehen, denn Regisseur Watkins versteht es blendend eine sogartige Atmosphäre zu kreieren, voller lieblicher wie auch erschreckender Details, derer sich der Zuschauer die komplette Laufzeit nicht mehr entziehen kann. Daniel Radcliffe versteht es gekonnt zwischen der Neugier an und der Furcht vor den Geheimnissen zu spielen und recht bald, und das ist auch Tim Maurice-Jones Kameraarbeit zu verdanken, fühlt man sich eins mit der Figur und erlebt alles aus seinen Augen: Die Kleinigkeiten, welche das verfluchte Anwesen zu bieten hat. Die erdrückende Dunkelheit der Moorlandschaft. Ebenso die Ungewissheit, wann nun der nächste Schock ansteht, denn dieser ist vorprogrammiert.

Ein weitere grandiose Arbeit steuert Marco Beltrami mit seinem Score bei, der hier für jede Ecke und jedes Gefühl die richtigen Klänge gefunden hat und somit einen Großteil zu der tollen Atmosphäre beiträgt. Aber auch die Schauplätze an sich sind einfach nur wunderbar gewählt und so bekommt man mal wieder einen Horrorfilm geboten, der nicht nur Angst macht, sondern einen ins Schwärmen kommen lässt. Die tristen Moorlandschaften, das „tote“ Dorf, das Spukhaus… alles herrliche Locations.

Die Geschichte an sich ist, wie die Inszenierung, altmodisch gehalten. Es geht um die Ungewissheit, was hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Wie weit reicht unsere Vorstellung für Geistergeschichten und was sollen wir tun, wenn wir uns wirklich mal in Kipps Situation befinden. Eine eigentlich sehr abwegige Frage, aber das macht nichts, es ist ja schließlich Fantasy-Horror, oder nicht? Oder habt ihr tatsächlich schon mal im Dunkeln erlebt, wie sich etwas bewegt und ihr konntet keine Erklärung dafür finden. Irgendwie grandios, wie diese an sich altbackene Idee in „Die Frau in Schwarz“ dargestellt wird. Es wird den Kleinigkeiten das Interesse gewidmet, wie im Theater. Das dürfte die einen langweilen und die, die sich wirklich darauf einlassen, begeistern und gruseln. Gesellschaftskritik oder einen tieferen Sinn braucht es hier nicht und darauf wird hier auch zur Gänze verzichtet.

Fazit: Daniel Radcliffe glänzt in einem altmodischen Horrorfilm, der, gerade weil er so minimalistisch ist, unheimlich Spass und Schrecken verbreitet. Die Nebendarsteller sind ebenfalls mehr als solide, allen voran Ciarán Hinds. Das doppelte Finale hätte nicht sein müssen, stattdessen hätte man den Film eine Szene früher enden lassen sollen. So bleibt am Ende ein leicht fader Beigeschmack, weil der Regisseur nicht genug Interpretationsspielraum gelassen hat. Und dennoch: „Die Frau in Schwarz“ ist 1a Horror-Unterhaltung, die man im Kino oder in absoluter Ruhe erleben sollte, um sie vollends genießen zu können. Das ist Horror, wie er sein sollte, nicht mehr und nicht weniger.

Bewertung: 7/10 Sternen