Die schönsten Filmschauplätze: Südfrankreich

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Filmschauplatz_Nizza
David Niven, Mylène Demongeot und Jean Seberg in Otto Premingers Bonjour Tristesse (1958)

Nach meinen ersten beiden Filmschauplatz-Specials zu Venedig und Rio de Janeiro folgen nun, passend zu den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Cannes (6. – 17. Juli), meine Lieblingsfilme, welche an der französischen Mittelmeerküste spielen. Immerhin findet dort nicht nur alljährlich das prestigeträchtige Filmfestival statt, ebenso wurden in unmittelbarer oder weiterer Entfernung ein paar wirklich unvergessliche Filme gedreht, auch wenn es nicht annähernd so viele sind, wie man aufgrund der hohen Anzahl an französischen, aber auch internationalen Produktionen, welche alljährlich seit über 100 Jahren im Hegaxon gedreht werden, erwarten könnte. Ich habe für diese Liste übrigens nur Filme berücksichtigt, welche direkt an der französischen Mittelmeerküste gedreht wurden. Bevor ich zu meiner Top 10 komme aber erst noch…

… die dort gedrehten Filme, welche, abgesehen von ihren Filmkulissen, heutzutage leider vergessenswürdig sind: So beispielsweise Roger Vardims Und immer lockt das Weib (1956) mit Brigitte Bardot, Liebe um jeden Preis (2006) mit Audrey Tautou, French Kiss (1995) mit Meg Ryan und Kevin Kline, Grace of Monaco (2014) mit Nicole Kidman als Grace Kelly, Woody Allens Staraugebot Magic in the Moonlight (2014) und die Roadmoviekomödie Mr. Bean macht Ferien (2007)

… lobende Erwähnungen: Otto Premingers Bonjour Tristesse, Jean Vigos Stummfilmdoku À propos de Nice (1930, könnt ihr euch auf Youtube anschauen) über soziale Ungleichheiten in der französischen Küstenstadt, der Louis de Funès-Klassiker Der Gendarm von Saint Tropez (1964), Francois Truffauts Liebeskomödie Eine amerikanische Nacht (1973), John Frankenheimers hauptsächlich in Marseille und Umgebung gedrehter Actionfilm Ronin (1998) mit Robert De Niro und Jean Reno, sowie die Marseille-Komödie Taxi (1998) mit Marion Cotillard in einer ihrer ersten Rollen.

… witzige Zufälle in dieser Liste: Drei der zehn Filme wurden von Regisseuren mit dem Vornamen Jacques gedreht und gleich sechs Filme sind in den 60ern enstanden.

Platz 10: Christian Petzolds Transit (2018)

Transit_Christian_Petzold

Ein Kino der Verblassenden. Ein Kino der Verlassenen und Verlassenden. Die Antwort, wer mehr zu leiden hat, die Verlassenen oder die Verlassenden, beantwortet Christian Petzold in diesem von aufwühlender Ungewissheit beseelten kleinen Geniestreich für sich gewohnt unkonventionell. Im Brennglas der Gegenwart jedenfalls hallt das Echo der Vergangenheit noch lange nach. Viele warten, viele sind rastlos, irgendwie unentschlossen, aber vielleicht, wenn man seinen Kopf zur Tür dreht, steht sie da, die Liebe, die es eigentlich gar nicht gibt. Vor der Kulisse Marseilles (wirklich unvergesslich an Originalschauplätzen in Szene gesetzt) erzählt Transit die berührende Geschichte eines Mannes, der aus dem besetzten Frankreich fliehen will und sich auf seiner Odyssee in die Frau des toten Autors verliebt, dessen Identität er angenommen hat. Transit könnt ihr euch aktuell gegen eine geringe Gebühr bei Amazon Prime* anschauen.

Platz 9: Éric Rohmers Die Sammlerin (1967)

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Wundervoll-poetische Romantikkomödien vor nicht weniger einnehmenden Landschaftsaufnahmen kann bis heute wohl kaum ein Regisseur so ausgezeichnet drehen wie seinerzeit Éric Rohmer. Nicht grundlos ist der französische Filmemacher u.a. für seine Vier-Jahreszeiten-Filme (darunter das Meisterwerk Sommer) bekannt. Im Fokus des sommerlichen Die Sammlerin steht, vor der Kulisse der Côte d’Azur, die Dreiecksbeziehung zwischen einem Kunsthändler und einem Maler, dessen Urlaubsruhe von einem dritten Gast gestört wird: der temperamentvollen Haydée, die für ihre lange Liste männlicher Eroberungen bekannt ist. Die Sammlerin ist der beste Film von Rohmers ersten drei moralischen Erzählungen*, noch brillanter waren später Meine Nacht bei Maud (1969) sowie Claires Knie (1970).

Platz 8: Alfred Hitchocks Über den Dächern von Nizza (1955)

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Über den Dächern von Nizza erzählt vom ehemaligen Juwelendieb John Robie (Cary Grant), der seit einigen Jahren ein ehrliches Leben in seiner Villa in Cannes führt. Doch plötzlich taucht ein neuer Dieb auf, der Robies Arbeitsweise nachahmt. Um nicht selbst verurteilt zu werden, muss Robie den Täter möglichst auf frischer Tat ertappen. Alfred Hitchcocks vor der wunderschönen Mittelmeerkulisse gedrehte Thrillerkomödie zählt zwar nicht zu den besten Filmen des britischen Regisseurs, dennoch sorgt diese bis heute allein aufgrund der glamourösen Settings (auch Monaco, Nizza und bildgewaltige Küstenstraßen dienten als Handlungsorte) und dank der Chemie zwischen Grace Kelly und Cary Grant für gute Unterhaltung. Diese leichtfüßige Romantikkomödie kann man sich immer wieder anschauen. Über den Dächern von Nizza könnt ihr euch bei Amazon* ausleihen oder bestellen.

Platz 7: Stanley Donens Zwei auf gleichem Weg (1967)

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Nizza, Cap Valéry, Saint-Tropez und viele mehr… dieser mit Audrey Hepburn und Albert Finney starbesetzte Roadtrip fährt gefühlt alle sehenswerten Schauplätze ab, die der Südfrankreich-Reisekatalog zu bieten hat. Regie führte dabei niemand Geringeres als Stanley Donen. Und auch wenn der Film sicherlich nicht ganz zu den besten Arbeiten des US-Regisseurs zählt (Singing in the Rain, Charade), die Romantikkomödie über eheliche Konflikte sorgt auch heute noch für unglaublich gute Laune. Solch wundervolle Komödien werden heute leider nur noch selten gedreht. Leider kann ich euch keinen Tipp geben, wo ihr euch am besten Zwei auf gleichem Weg anschauen könnt. Die deutsche DVD ist überteuert und die britische Blu-ray mittlerweile Out of Print. Am günstigsten ist aktuell der Import der spanischen Blu-ray*.

Platz 6: Agnès Vardas 101 Nacht – Die Träume des M. Cinema (1995)

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Catherine Deneuve, Michel Piccoli, Marcello Mastroianni, Jean-Paul Belmondo, Anouk Aimée, Alain Delon, Robert De Niro, Harrison Ford und mehr in einem Film von Agnès Varda… kaum zu glauben, dass dieser fantastische Tribut an das Kino heutzutage nicht bekannter ist. Der Film erzählt vom hundertjährigen Monsieur Cinema, der allein in einer großen Villa lebt und dessen Lebenserinnerungen immer mehr verblassen. Also beauftragt er eine junge Frau, die ihm Geschichten über alle Filme, welche jemals gedreht wurden, erzählen soll. Dabei trifft er auch auf eine Reihe von Filmstars, die ihm die Freude am Leben zurückgeben sollen. Gedreht wurde der Film hauptsächlich in Südfrankreich. Leider kann man sich dieses imaginäre Kinoerlebnis aktuell aber nur anschauen, wenn men stolzer Besitzer der The Complete Films of Agnès Varda Collection von Criterion ist.

Platz 5: Jacques Demys Die blonde Sünderin (1963)

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Der stillvolle  La baie des anges (übersetzt Die Bucht der Engel) war Jacques Demys erst zweiter Langfilm, bevor er sein erstes Meisterwerk Die Regenschirme von Cherbourg (1964) drehte. Als Handlungsorte wurden hauptsächlich Monte Carlo und Nizza gewählt, jedoch überzeugt der Film nach wie vor nicht nur mit seinen Schauwerte, sondern vor allem auch mit einer charmanten Geschichte. Schlicht und zugleich elegant erzählt Die blonde Sünderin von Jean (Claude Mann), einem Bankangestellten, der von seinem Kollegen Caron mit der Spielsucht angesteckt wird und sich daraufhin auf Casino-Tour in Südfrankreich begibt. Dort verliebt er sich obendrein in die attraktive Jackie (Jeanne Moreau). Leider ist der Film bis heute nicht in Deutschland für das Heimkino erhältlich (auch nicht als Stream), bei Interesse könnte ihr auch den Film als UK-Import bestellen.

Platz 4: Jacques Derays Der Swimmingpool (1969)

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Über 50 Jahre hat Jacques Derays psychologischer Thriller auf dem Buckel. Doch das fast ausschließlich an einem Swimmingpool spielende Erotikdrama strahlt nach wie vor eine Faszination und Spannung aus, wie sie das Publikum damals Ende der 60er erlebt haben muss. Der Swimmingpool ist ein atemberaubend fotografiertes Beziehungsspiel, mit den beiden Sexikonen Alain Delon (Der eiskalte Engel) und Romy Schneider (Die Dinge des Lebens*) auf der Höhe ihres Schaffens. Gedreht wurde hauptsächlich auf dem Grundstück einer Villa in der Gemeinde Ramatuelle bei Saint-Tropez. Ein unvergessliches, perfektes Setting für dieses psychologische Drama.

Unsere Kritik zu Der Swimmingpool.

Platz 3: Henri Verneuils Lautlos wie die Nacht (1963)

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Ein absoluter Klassiker. Lautlos wie die Nacht lässt sich ohne weiteres als einer der besten Heist-Krimis überhaupt betiteln. Dabei legt Regisseur Henri Verneuil (Der Clan der Sizilianer) sein Hauptaugenmerk jedoch nicht auf den Überfall des Palm Beach Casinos in Cannes, sondern auf die beiden Charaktere Charles und Francis und die präzise Planung des Coups, die bis in das kleinste Detail genauestens durchdacht wurde. Ohne die Spannungsschraube in krachenden Szenen explodieren zu lassen, behält Henri Verneuil über 120 Minuten stetig sein ruhiges Tempo und arbeitet sich Stück für Stück bis zum finalen Raubzug vor, der dann wiederum zu den besten der Filmgeschichte gehört. Minimalistisches Kino wie dieses entfaltet am Ende doch meistens die größte Wirkung. [Unsere Kritik] Lautlos wie die Nacht ist aktuell übrigens kostenfrei bei Amazon Prime* enthalten.

Platz 2: Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen (2012)

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Mittlerweile habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich Jacques Audiards Streich Der Geschmack von Rost und Knochen gesehen habe. Die Geschichte ist simpel: Zwei gestrandete, auf sich allein gestellte Menschen finden zusammen wieder zurück ins Leben. Doch die raren zwischenmenschlichen Töne, das Gefühl für Emotionen und die gleichzeitig nötige kritische Distanz zum Geschehen machen Der Geschmack von Rost und Knochen zu einem weiteren Ausnahmewerk des talentierten französischen Regisseurs, der schon mit den beiden Dramen Ein Prophet und Der wilde Schlag meines Herzens Kritiker und Publikum gleichermaßen verstummen und nicht schlecht staunen ließ. Dabei hat bis heute kein anderer Regisseur so passend die Schicksale der Menschen hinter der schillernden Facette des Tourismus ins Rampenlicht gerückt. Gedreht wurde hauptsächlich in der Region Alpes-Maritimes. Ganz besonders in Erinnerung bleiben hier zwei Szenen: Eine der beiden wurde im Marineland von Antibes gedreht, die andere direkt an einem Strandabschnitt von Cannes.

Meine Kritik zu Der Geschmack von Rost und Knochen.

Platz 1: Jean-Luc Godards Elf Uhr nachts (1965)

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Aus der Zusammenarbeit von Regisseur Jean-Luc Godard, Kameramann Raoul Coutard und den beiden Protagonisten Jean-Paul Belmondo und Anna Karina entstand an der französischen Riviera diese farbenfrohe Mixtur aus Crime-Story, Musical, Melodrama und grotesker Komik, hinter deren Fassade sich die eigentliche Handlung abspielt. Narrheiten der Gesellschaft, das unabdingbare Scheitern der Liebe, die Suche nach dem Glück, Romantik und Existenzialismus sind die Hauptthemen, denen dieses sommerliche Kunstwerk auf den Grund geht. Dabei schuf Godard ein Zitat, welches als eine der berühmtesten Hommagen an das Kino gilt: „Der Film ist wie ein Schlachtfeld. Liebe, Hass, Action, Gewalt, Tod. In einem Wort: Emotionen.“ Gedreht wurde Elf Uhr nachts hauptsächlich an der Mittelmeerküste im Département Var. Nie wieder wurde diese traumhafte Region zwischen Marseille und Cannes  gleichermaßen poetisch als Filmkulisse genutzt. Für eine geringe Leihgebühr könnt ihr euch Elf Uhr nachts aktuell bei Amazon Prime* anschauen.

Auch einer meiner liebsten Sommerfilme.

Falls ihr noch nicht genug von Bestenlisten habt, hier geht es zu:

– meiner Top 25 der besten Horrorfilme

– meiner Top 25 der besten Western

– meiner Top 20 der besten Musicals

– meinen liebsten Weihnachtsfilmen

– meinen französischen Lieblingsfilmen von 2000 – 2019

– meiner Top 50 der besten franz. Filme von 1895 – 1999

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