"Boulevard der Dämmerung" (USA 1950) Kritik – Billy Wilders Abrechnung mit Hollywood

„Ich war ein Star? Ich bin größer als je zuvor!“

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Viele Kinder und Jugendlichen wünschen sich in ihrem Leichtsinn, irgendwann mal ein großer Star zu sein, der auf der ganzen Welt berühmt ist, Unmengen von Geld verdient und sich vor Fans gar nicht mehr retten kann. Sänger, Fußballer, oder Filmstar. Man will die Anerkennung der Masse, man will geliebt und verehrt werden, doch sich selber verändern, das hat natürlich niemand vor und schon gar nicht wird die eigene Familie vergessen. In Wahrheit sieht das Ganze dann doch etwas anders aus, aber wer will das schon mit unschuldigen, oder betäubten Äugen sehen? Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass jeder Star, ob Leonardo DiCaprio, Lionel Messi oder Phil Collins, schon Teil der Kehrseite des Erfolgs wurde, denn das kann sich ja schon durch versessene Paparazzos auszeichnen, die immer wieder in das Privatleben der Stars und Sternchen eindringen. Filme über das wahre Gesicht von Hollywood gibt es dementsprechend natürlich auch, ein gutes Beispiel wäre David Lynchs „Mulholland Drive“, in dem Naomi Watts Teil des schweren Fassadensturzes wird. Jedoch ist der Grundsteinleger für diesen Filmbereich ein ganz anderer, nämlich Billy Wilders legendärer Film „Boulevard der Dämmerung“, aus dem Jahre 1950.

Joe Gillis ist Drehbuchautor, allerdings ein erfolgloser und sitzt ziemlich auf dem Trockenen. Er braucht ziemlich schnell Geld, denn die Gläubiger rücken ihm immer näher auf die Pelle und wollen ihm das Auto nehmen. Bei der Flucht vor diesen Gläubigern, landet er bei einer einsamen Villa auf dem Sunset Boulevard. In dieser Villa lebt der vergessene Stummfilmstar Norma Desmond mit ihrem Butler Max, der auch gleichzeitig ihr Ex-Mann ist. Norma ist längst nicht mehr angesagt, doch das will sie nicht einsehen und bereitet ihr Comeback akribisch vor. Und da sieht Joe seine Chance, endlich wieder an Geld zu bekommen, denn als er das von ihr verfasste Script von ihr in die Finger bekommt, macht er sich an die Arbeit, dieses zu überarbeiten, um sich selbst die Taschen mit Geld zu füllen und dem ehemaligen Star wieder auf die Bühne zu verhelfen. Joe zieht in die Villa ein und wird schnell Teil der Abhängigkeit von Norma, die sich nicht nur in Joe verliebt, sondern ihn auch nicht mehr gehen lassen will…

Ganze 11 Oscar Nominierungen sprangen im Jahre 1951 für „Boulevard der Dämmerung“ heraus, darunter auch für Wilders Regie und für den Besten Film. Nicht, das der Film diese Auszeichnungen nicht verdient hätte, doch es ist schon erstaunlich, dass die Academy einem Film derart viele Preise in Aussicht stellt, der doch die dunklen Seiten der Traumfabrik offenbart. Bis heute wird offenkundig gemunkelt, dass das nur einen Zweck hatte: Nämlich Wilder in seine Schranken zu weisen und zu beweisen, wie wenig er ausrichten kann, selbst wenn er die Wahrheit erzählt. 11 Goldjungen gab es am Ende zwar nicht, dafür aber drei: Bestes Szenenbild, Beste Musik und Bestes Originaldrehbuch. Natürlich vollkommen zu Recht. Das Drehbuch, verfasst von Charles Brackett, D.M. Marshman Jr. und Billy Wilder persönlich, ist schlichtweg eine Offenbarung und zählt zu den scharfsinnigsten und ehrlichsten der Filmgeschichte. Der Score von Franz Waxman zählt ebenfalls zu den besten, die je in einem Film zu hören waren und kann jedes Gefühl und jeden Augenblick so bravourös untermalen, dass sich die Emotionen der Momente nur noch weiter entfalten. Dazu natürlich auch die wunderbare Kameraarbeit von John F. Seitz, der die Villa, die großen Räume mit dem verfallenden Äußeren, in ebenso unheimliche wie ansprechende Fotografien verpackt.

Man muss sich einmal vor Augen führen, wer für die Rolle des Joe Gillis vorgesprochen hat, der schließlich mit William Holden besitzt wurde: Montgomery Clift, Marlon Brando, Fred MacMurray und Gene Kelly. Über die Qualitäten dieser Schauspieler braucht man wohl kaum noch sprechen, was gesagt werden muss, ist das der damals aufstrebende William Holden als Joe Gillis eine fantastische Leistung zeigt und die namhaften Vorsprecher ohne weiteres vergessen lässt. Ebenfalls großartig, wenn nicht sogar besser, ist auch Gloria Swanson als Norma Desmond, die ihre Stummfilmdiva langsam zerfallen lässt. Eine exzellente Leistung, in der Mimik und Gestik einen präzisen Einklang finden und gerade im großen Finale beeindrucken. Auch der in Österreich geborene Erich von Stroheim liefert eine exzellente Darstellung als Butler Max von Mayerling und lässt den Zuschauer immer mehr und mehr in sich blicken. Und dann wäre da noch Nancy Olson, die das Oscar nominierte Quartett als Nancy Olson stark abrundet, und als wahre Liebe von Joe Gillias ebenfalls eine feine Performance abliefert.

„Ich habe niemals Angst.“

Billy Wilder seziert die Vergänglichkeit des Hollywoodglanzes und lässt die einstigen Stars der Traumfabrik an ihrem eigenen Narzissmus und Realitätsverlust zerfallen. Eine Diva, ehemals ein prägendes Gesicht des Stummfilmes, wird fallen gelassen, weil in der Filmwelt nicht mehr die Stille gefragt ist, sondern der Ton. Eine Annahme vom ihrem freien Fall kommt nicht in Frage und Norma Desmond verkrampft sich in einer Illusion, in der sie die größte Schauspielerin der Welt ist und ihrem Comeback fantastisch entgegenfiebert. Ein erfolgloser Schreiberling stolpert in diese Welt, in der die Tragödie vorprogrammiert ist und uns sogar zu Beginn des Films mit aufgerissenen Augen entgegentreibt, und wird Teil der Urbanität, voller falschem Glanz und aufgesetztem Glamour. Zwischen Verzweiflung, Erfolgszwang, Isolation, Zerbrechlichkeit, Suizidgefährdung und dominantem Wahnsinn, spricht Billy Wilder Tacheles und war seiner Zeit mit dieser ehrlichen, zynischen, faszinierenden, anziehenden, hochintelligenten und konsequenten Art meilenweit voraus. „Boulevard der Dämmerung“ entführt uns in ein brennendes Paradies, wo die Träume begraben liegen und die Ratten sich über die letzten Hoffnungen hermachen. Wenn Besessenheit und Geldnot einen falschen Einklang finden, dann ist das Chaos greifbar und die Schattenseite des Ruhmes hat längst jeden Beteiligten in sich aufgesaugt. Schönheit und Berühmtheit werden zum trügerischen Schein aller Dinge, der Fassadensturz zieht seine tödlichen Wellen und der unheimliche Stillstand, der sich in dem gespenstischen Anwesen breitgemacht hat, bekommt seinen letzten großen Auftritt im blitzenden Licht der Kameras.

Fazit: „Boulevard der Dämmerung“ ist die konsequente, dramatische und ebenso realistische Abrechnung mit der Traumfabrik und den Menschen, die für jeden Profit ihre einstigen Sternchen fallen lassen und in den selbstzerstörerischen Wahn rennen lassen. Ein hervorragendes Drehbuch, ein brillant aufspielender Cast, die exzellente musikalische Untermalung und die ausgezeichnete Optik machen „Boulevard der Dämmerung“ nicht nur zu einem Meisterwerk des Film noir, sondern auch zu einem Klassiker, den jeder mal gesehen haben sollte, um zu verstehen, wie es sich wirklich hinter den Kulissen von Hollywood abspielt und wie tragisch Existenzen in ihrer eigenen Besessenheit zerbrechen. „Boulevard der Dämmerung“ ist für jeden ein Muss.

Bewertung: 9/10 Sternen