"Lone Survivor" (USA 2013) Kritik – Im afghanischen Dickicht lümmeln die Patrioten

Autor: Pascal Reis

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„We wanted that fight at the highest volume. The loud fight. The loudest, coldest, hottest, most unpleasant of the unpleasant fights.“

Amerika gilt als verheißungsvoller Auftakt für die Verwirklichung großer Träume; Amerika steht aber auch ebenso für die letzte Ruhestätte jener Illusionen, denen man leichtgläubig Zeit seines Lebens hinterherjagt. Der amerikanische Traum fungiert als Metronom für den dumpfen Takt im Herzen der zähnefletschenden Leistungsgesellschaft und mediale Parolen sind der Inbegriff für den Irrglauben, der unzählige Menschen im Schatten der Nationalflagge zerbrechen ließ. Um sich in einem solch imperialistischen Land durchzusetzen, benötigt man nicht nur Glück, das die lose Phrase „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ in die Tat umsetzen kann, sondern auch die bedingungslose Charakteristik eines echten Patrioten, mit der man indessen natürlich beständig hausieren geht. Und wenn sich zu dem sich oftmals in einem absurden Ausmaß bewegenden Vaterlandstolzes noch eine grobschlächtige Handvoll zünftig sprießende Egomanie gesellt, dann ist der flotte Status des Volkshelden oder Leinwandstars eigentlich vorbestimmt. Das soll nun natürlich nicht implizieren, dass es in Hollywood keine Künstler an die Spitze geschafft haben, die sich nicht dieser Formel verschrieben haben.

Man hat es nur irgendwie leichter, beugt man sich den nationalistischen Gesetzen der eigenen Wurzeln und fügt sich der Sehnsucht des Großteils der Bevölkerung, die regelrecht danach fleht, das stolze Amerika durch simpelste Propaganda über den grünen Klee zu hebeln. Mark Wahlberg („Ted“) ist das Paradebeispiel an dieser Stelle, denn er trägt die geforderten Attribute in sekkanter Attitüde aus und lässt sein Bankkonto jedes Jahr aufs Neue Purzelbäume schlagen. Wie unausstehlich seine Filme inzwischen geworden sind, merken wohl nur die Rezipienten, die kein inniger Teil Amerikas sind und über Machwerke wie „Pain & Gain“, „Broken City“ und „2 Guns“ nur entrüstet die Köpfe schütteln können. Dabei hat Wahlberg durchaus schauspielerisches Talent und mit seinen Performances in David O. Russells Milieu-Drama „The Fighter“ wie auch Paul Thomas Andersons exquisiter Martin Scorsese-Hommage „Boogie Nights“ den Eindruck erwecken, auch irgendwann nur noch als profilierter Charakter-Darsteller seine Schäfchen ins Reine zu bringen. Wer aber dachte, der Negativtrend der Karriere Wahlbergs kann nicht extremer werden, der wird nun mit Peter Bergs Militärdebakel „Lone Survivor“ eines Besseren belehrt.

Mit Peter Berg bekommen wir also einen Regisseur, der sich mit seinem (Möchtegern-)Blockbuster „Battleship“ gewaltig verhoben hat und eine 200 Millionen teure Kinoversion des Spieleklassikers „Schiffe versenken“ inszenierte, die in ihrer debilen, propagandistischen Navy-Stilisierung ein peinliches und natürlich ohrenbetäubendes Desaster darstellte, das sich nicht mal den Ruf eines amüsanten Trashfilmes aneignen durfte. In „Lone Survivor“ steht nun die auf wahren Begebenheiten beruhende Navy SEAL-Mission des Marcus Luttrell (Mark Wahlberg) im Fokus, der im Jahre 2005 den durch den Nachrichtendienst ausfindig gemachten Talibananführer Ahmed Shahd zusammen mit drei Kameraden (Emile Hirsch, Ben Foster, Taylor Kitsch) exekutieren sollte. Basierend auf den Erinnerungen des Elite-Soldaten, der diese in seinem Bestseller „Lone Survivor: The Eyewitness Account of Operation Redwing and the Lost Heroes of SEAL Team 10“ niederschrieb, nimmt das auf Zelluloid gebannte Chaos auf fremden Terrain schließlich seinen brutalen Lauf. Allein das Opening des Films zeigt überdeutlich, in welche Richtung sich der Film noch bewegen wird, wenn Originalaufnahmen des unmenschlichen Trainings der Navy SEALS mit wabernden Militärtrommeln begleitet wird.

„Lone Survivor“ ist so ein Film, über den es im Nachhinein nicht genügend Worte zu geben scheint, die den persönlichen Unmut über das Gezeigte adäquat formulieren. Es wäre eine schlichte Untertreibung, würde man behaupten, Peter Berg würde den Krieg als bestialischen Kampf um Leben und Tod glorifizieren. Es ist vielmehr so, dass sich Peter Berg wenig darum schert, hier wirklich politische Bezüge zum realen Konflikt aufzubauen, es ist ihm offensichtlich viel wichtiger, Actionszenen im afghanischen Hinterland über den beinahe gesamten Zeitraum in fetischistischer Zelebration zu stilisieren. Wenn unser 4-köpfiger Trupp seine Stellung im Geröll bezogen hat und einige Minuten später von zwei Ziegenhirten entdeckt wird, entflammt ein Moment, der kurzzeitig auf eine ambivalente Auseinandersetzung mit dem Krieg in Afghanistan hoffen lässt. Reflektiert man genau diese Szene gegen Ende des Films noch einmal, dann ist sie nicht nur aufgrund der angestauten Wut über den verwerflich-vaterlandliebenden und kriegsbefürwortenden Dampfhammer ein einzige Katastrophe, sondern nur aus einem Grund in den Film gewandert: Die Selbstdarstellung der Navy-SEALs, die sich noch eine Menschlichkeit bewahrt haben, die den afghanischen Gegenspielern vollkommen abhandengekommen ist.

Peter Berg lässt, nachdem der erste Schuss gefallen ist, seine Protagonisten durch ein unerschöpfliches Dauergefecht jagen, andauernd wird aus allen Rohren gefeuert, aus irgendeinem Busch lugt immer eine bärtige Fratze, deren Schädel am liebsten in der Nahaufnahme durchsiebt wird und wenn es keine andere Lösung mehr gibt, dann stürzen sich die vier tapferen Helden einfach die nächste Klippe runter und rollen ihrer nächsten Station entgegen. In diesen Szenen zeigt „Lone Survivor“ seine größte Stärke: Das Make-Up macht wirklich einiges her und die blutverschmierten Verletzungen erwecken eines äußerst authentischen Eindruck. Für mehr Realismus hat es dann aber auch nicht gereicht, denn der Zuschauer darf nicht vergessen, dass wir es hier mit Amerikanern zu tun haben, die sich für ihr Land in die Höhle des Löwen gewagt haben und in ihrem Mut und Edelhaftigkeit einfach nicht zu überbieten sind. Fällt also ein Taliban dem Kugelhagel zum Opfer, dann wird das gefeiert und für selbstverständlich und absolut richtig erklärt. Trifft es einen der furchtlosen US-Boys, dann steht die Welt kurz still und der Heldentod wird genüsslich in dramatische Zeitlupeaufnahmen verpasst, die in ihrer Debilität kaum zu überbieten sind.

Fazit: Wer also Spaß am Töten hat und auch nach Bestätigung des Abzugs mit erhobenen Haupt postulieren kann, das absolut Richtige getan zu haben, weil er es doch für sein Land und seine bereits verstorbenen Kameraden tat, der ist bei „Lone Survivor“ genau richtig. Hier gibt es Militärpropaganda ohne Ausweg und eine Heldenstilisierung, die jedem Menschen bei klarem Verstand die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ein in seiner Botschaft so verquerer und gefährlicher Film sollte strikt gemieden werden, erklimmt aber natürlich schnurstracks die Spitze der Kinocharts. In diesem Sinne: Hip-Hip-Hurra, Amerika. Hoffentlich kannst du mit den Folgen derartiger Manipulation leben.