"The Place Beyond the Pines" (USA 2012) Kritik – Ryan Gosling und die väterliche Pflicht

Autor: Pascal Reis

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„I want to do something with him that’s his first time. I’m going to look in his face when he tries ice cream. Every time he has ice cream for the rest of his life, he’s going to see my fucking face.“

Seit dem Jahre 2010 ist der Name Derek Cianfrance dem indieaffinen Publikum zu Recht kein Unbekannter mehr. Sein Beziehungs-Drama „Blue Valentine“ erblickte das Licht der Kinolandschaft, heimste unzählige Festivalpreise ein und durfte sogar dank Michelle Williams aufopferungsvoller Darstellung im Oscar-Rennen ein kleines Wörtchen mitsprechen. Cianfrance verdeutlichte dabei, das er nicht unbedingt der Regisseur ist, der dem Zuschauer etwas vollkommen Neues bieten und eine explosive Vielfalt an Kreativität evozieren möchte, sondern sich einem universellen Thema annimmt, welches er daraufhin mit der nötigen Reife und Authentizität abhandelt – Ohne sich in einer unsäglichen Pseudo-Psychologisierung des zerbrechenden Paares zu wälzen. Als der amerikanische Autorenfilmer für das Jahr 2013 sein nächstes Werk mit dem Titel „The Place Beyond the Pines“ ankündigte, war die Vorfreude natürlich dementsprechend hoch, allerdings würde es sich in diesem Fall lohnen, seine Erwartungen vor der Filmsichtung doch einen Gang zurückschaltet.

Luke verdient sein Geld mit waghalsigen Motorradkunststückchen auf einem Wanderjahrmarkt. Als er in einer Stadt Romina wiedertrifft, mit der er früher einen One-Night-Stand hatte, erfährt Luke, dass er Vater von einem mittlerweile einjährigen Jungen ist. Wie aus dem Nichts erschlägt Luke die Verantwortung und er versucht, Romina irgendwie unter die Arme zu greifen. Er tut sich mit dem Mechaniker Robin zusammen und raubt mit ihm gemeinsam sämtliche Banken aus. Nach einigen geglückten Überfällen, wird Luke leichtsinnig und arbeitet risikoreicher, als er es vorher mit seinem Kumpanen abgesprochen hat. Als er eines Tages wieder einmal eine Bank ausgeraubt hat, wird er von dem engagierten Kleinstadtpolizisten Avery verfolgt, der ebenfalls Vater von einem kleinen Jungen ist und mit der Überführung des langgesuchten Verbrechers Luke einen großen Sprung auf der Karriereleiter machen könnte…

Wer „Blue Valentine“ gesehen hat, der weiß, über welch brillante Schauspielführung Derek Cianfrance verfügt; Ryan Gosling und Michelle Williams wurden schließlich zu den besten Leistungen ihrer Karriere angetrieben und erzeugten eine beeindruckende Intensivität. Auch „The Place Beyond the Pines“ lebt von seinen namhaften Darstellern, auch wenn die eindringliche Klasse des Vorgängers in diesem Sinne nicht erreicht werden konnte. Ryan Gosling leistet als Luke Großes. Mit blonden Haaren, zerfetztem Metallica-Shirt und einem von amateurhaften Tattoos gezierten Körper wird der Shootingstar schnell zum unausweichlichen Blickfang – Und bringt auch gleichzeitig die beste Performance des Filmes. Während Bradley Cooper („Silver Linings“) als Polizist Avery ebenfalls einen sehr guten Auftritt hinlegt, aber nie das Interesse wecken kann, welches Ryan Gosling bereits ab der ersten Minute entfacht. Ray Liotta („GoodFellas“), Eva Mendes („Bad Lieutenant“) und Rose Byrne („Brautalarm“) dienen einzig als prominentes Stückwerk, dafür weiß Nachwuchstalent Dane DeHaan („Cronicle“) als Lukes Sohn Jason einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Vorweg lässt sich über „The Place Beyond the Pines“ vor allem eine Sache ganz klar pointieren: Es ist das Beste, wenn man von vornherein rein gar nichts über den Film weiß. Diese Aussage lässt sich natürlich auf jeden neuen Film projizieren, doch Cianfrance hält zwei eklatante Überraschungen für den informationslosen Zuschauer bereit, die in dieser Form so nicht zu erwarten sind. Wer sich jedoch schon etwas offenkundiger mit der Handlung auseinandergesetzt hat, der muss an dieser Stelle die Schultern nicht niedergeschlagen hängenlassen, es sind lediglich zwei mutige Spielchen mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, mit denen Cianfrance seine Narration immer wieder in eine neue Richtung lenkt. Es muss natürlich nicht ausufernd erwähnt werden, dass „The Place Beyond the Pines“ einfach wunderbar fotografiert wurde, allein die Aufblende, in der Ryan Gosling mit Zigarette im Mundwinkel über den Jahrmarkt läuft, seine James-Dean-Gedächtnis Lederjacke überstreift und bereit für eine neue Show das Motorrad besteigt, ist eine unglaublich stilsichere „Drive“-Referenz.

Wer bei der Betrachtung des Trailers mit einer inoffiziellen Fortsetzung von „Drive“ gerechnet hat – Ryan Goslings Figur gibt diese Vermutungen natürlich problemlos her – der täuscht sich. „The Place Beyond the Pines“ ist nicht auf ästhetische Coolness getrimmt, sondern verschreibt sich ganz seiner elliptischen Familiengeschichte, in der es sowohl um Verantwortung und Einsicht, als auch um Schuld und Sühne geht. Der erste Handlungsabschnitt, also die ersten 50 Minuten, sind auch gleich das große Highlight des genreunspezifischen Filmes und beinhaltet wohl die besten und erinnerungswürdigsten Szenen. Allein die Kirchenszene muss erwähnt werden, in der Ryan Goslings innerer Kampf bei der Taufe seines Sohnes enthüllt wird und sich all die Zerrissenheit direkt in seinem Gesicht wiederspiegelt. Gerade diese Szenen verdeutlichen vorbehaltlos, was es bedeutet, seine Pflichten als Vater zu erkennen, wenn man nicht mehr sorglos in den Tag hineinleben kann und schlagartig für eine weitere Person zuständig wird, egal ob man konträr zueinander steht, Polizist oder Stuntfahrer ist, Vater werden heißt auch Opfer bringen.

Es steht dabei ganz außer Frage, dass „The Place Beyond the Pines“ ein authentisches Werk geworden ist, das die zwischenmenschlichen Töne in den differenten Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen wunderbar trifft, gefühlvoll und keinesfalls weltfremd, selbst wenn hier ein Motorrad zum letzten familiären Bezugspunkt stilisiert wird. Allerdings sorgen die narrativen Brüche für den Schimmer einer in diesem Kontext stehenden Inhomogenität. Interessante Charaktere werden durch neue Figuren ersetzt, diese können die Klasse ihrer Vorläufer zuweilen aber nur bedingt einholen. Das führt dazu, dass sich die 140 minütige Spieldauer – gerade im Mittelteil – bemerkbar macht, dabei nie wirklich aus dem Rahmen fällt, das Erzähltempo der sprunghaften Umsetzung aber wiederholend hinderlich wechselt. Selbst wenn das überlange Familien-Drama über Verbundenheit und Verpflichtungen durchgehend überzeugen kann, die Ansammlung und turnusmäßige Einbindung der Ideen sind in diesem Fall doch etwas zu viel des Guten gewesen und hätten am Ende für drei Filme gereicht.

Fazit: Die Qualität von „Blue Valentine“ holt Derek Cianfrance mit „The Place Beyond the Pines“ nicht ein, dafür ist der Film zu überladen und entfacht eine leichte narrative Disharmonie, die sich auf das angesammelte Personenspektrum nicht unbedingt positiv überträgt. Darüber hinaus ist Cianfrance aber ein tolles Familien-Drama gelungen, mit wunderbaren Bildern, tollen Darstellern und der nötigen Emotionalität, die eben nicht aufgesetzt wirkt, sondern Cianfrances große Stärke in Sachen Authentizität nochmals unterstreicht. Kein Meisterwerk, aber starkes Indie-Kino.