Kritik: Pig (USA, UK 2021) – Liebe ist Grund genug

Eine Gastkritik von Sascha Böß

Pig-2021-Nicolas-Cage
© LEONINE

We don’t get a lot of things to really care about.

Es wird Abend. Die letzten Sonnenstrahlen dringen zwischen den Bäumen hervor und werfen langen Schatten. Ein bärtiger Mann und ein rötlich beharrtes Schwein machen ihre letzte Tour des Tages durch den Wald. Sie suchen nach wertvollen Trüffeln und werden fündig.

Rob (Nicolas Cage) wohnt seit über 10 Jahren ganz abgeschieden von jeglicher Zivilisation in einer kleinen Holzhütte in der Wildnis von Oregon. Er lebt allein mit seinem Trüffelschwein Apple zusammen. Ihre Betten stehen gleich nebeneinander. Der einzige Mensch, zu dem er regelmäßig Kontakt hat, ist Amir (Alex Wolff), bei dem er seine gesammelten Trüffel gegen lebenswichtige Waren tauscht. Es ist eine eigenartige Idylle, in der Rob hier lebt. Sie wird keinesfalls verkitscht dargestellt. Es ist schmutzig, nass, dunkel, nebelig. Es ist kein Paradies, in das sich Rob hier freiwillig begeben hätte. Der Zuschauer erfährt im Laufe des Films, dass er sich nach dem Tod seiner Ehefrau hierhin zurückgezogen hatte. Hier ist er allein für sich, in seiner nicht bewältigten Trauer. Die Hörkassette seiner verstorbenen Frau, auf dem ein Lied von ihr zu hören ist, kann er sich nicht anhören.

Und obwohl diese dreckige und drückende Stimmung auf den Bildern liegt, fühlt man die Wärme, die das Schwein ausstrahlt. Sein rötliches Fell überstrahlt die ganze Umgebung. Rob liebt das Schwein mit seinem ganzen Herzen. Die ganze Welt draußen existiert für ihn nicht mehr. Alles ist nichtig geworden. Das Schwein ist der einzige Grund geworden, zu leben. Seine Liebe ist absolut; – ja, heilig, weil keusch. Wir befinden uns hier nicht in Hochzeitsschlamm (1974) oder Max Mon Amour (1986). Doch dann dringt die Gewalt in die vermeintlich idyllische Umgebung ein. Zwei unbekannte Personen schlagen Rob nieder und entführen das Schwein. Gemeinsam mit Amir, der zu seinem Chauffeur wird, begibt sich Rob auf eine Odyssee in die nächstgelegene Stadt Portland, um sein Schwein wieder zu finden.

Michael Sarnoskis Debüt, ein kleiner Film, zitiert den Film Noir und bekannte Rachethriller. Natürlich sind auch Parallelen zu John Wick zu erkennen. Zu Beginn könnte man denken, Pig wäre tatsächlich eine John Wick-Kopie mit einem Schwein anstelle eines Hundes. Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig, denn der Film geht einen vollkommen anderen Weg. Gewalt findet ihn ein paar wenigen Szenen statt, aber sie ist kontrolliert und wird keinesfalls ästhetisiert. Sie wirkt aber dadurch umso realistischer, nahbarer und brutaler. Es geht aber keineswegs um Gewalt. Pig ist vielmehr ein einfühlsames Drama, in dem Worten mehr Bedeutung beigemessen wird als Schlägen, also ein Film, in dem der Protagonist in die Selbsttherapie geht, bevor er Tausend Menschen erschießt.

Pig verwundert auch auf einer anderen Ebene. Denn er arbeitet sich nicht an den klassischen Plotpoints ab, sondern entfaltet seine Wirkung und entwickelt seine Tiefe nach und nach auf eine andere Weise. Wir lernen hier und dort, manchmal sehr beiläufig, mehr über die einzelne Charaktere kennen, insbesondere natürlich Rob, der am Anfang für uns noch ein Fremder ist, auf dem eine mystische Aura liegt, dessen Vergangenheit und Gefühle sich für das Publikum aber im Laufe des Films erschließen. Manchmal wirkt das etwas chaotisch, unstrukturiert. Anderseits macht das den Film auch unvorhersehbar und spannend.

Rob ist nach mit dem Verschwinden seines Schweins das erte Mal seit über zehn Jahren gezwungen, unter die Menschen zu gehen und die Stadt zu betreten. Die Kamera vermag uns diesen verlorenen Eindruck Robs zu vermitteln, wenn wir die Straßen und die Gebäudefassaden der Stadt sehen. Die Bilder wirken wie Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit. Die Spur führt in die Restaurantszene. Ein Trüffelschwein ist dort viel wert und verspricht Reichtum und Einfluss. Rob kennt sich dort aus, weil er selbst einmal Koch war. Er kennt die Orte gut, an denen er suchen muss. Auf seinem gehetzten Weg lässt er sich für seine Liebe blutig schlagen, ohne jedoch zurückzuschlagen. In seiner Passion gleicht er einer Christusfigur. Auch die Musik lädt einige der Szenen mit einer religiösen Bedeutung auf, wenn z.B. Mozarts „Lacrimosa“ erklingt. Auf die anderen Menschen wirkt er aber nicht wie ein Heiliger, sondern eher wie ein Clown, denn keiner kann seinen stoischen Wahn nachvollziehen, mit dem er nach seinem Schwein sucht.

Nicolas Cage spielt den vereinsamten, melancholischen, getriebenen Rob meisterhaft. Schon in anderen Filmen wie Im Körper des Feindes (1997) oder Mandy (2018) hat er gezeigt, dass er ein fabelhafter Schauspieler ist. Aber noch nie hat man ihn so versunken, so subtil und leise spielen sehen. Falls man den Oscars überhaupt eine Bedeutung beimessen würde, müsste man für sein Schauspiel in diesem Film zurecht einen Oscar fordern.

Wir müssen uns nun auch noch der Frage stellen, wofür das Schwein stellt. Man kann, wie einige Filmkritiker, diesen MacGuffin existenzialistisch lesen. Das Schwein steht somit für den Sinn des Lebens, die Wahrheit, die Schönheit. Alles nicht ganz falsch, aber es sind große, leere Worte, die man allzu beliebig füllen kann. Ich halte mit einem ebenfalls großen Wort dagegen: Liebe.

Wie ich schon am Anfang ausgeführt habe, ist das Schwein alles für Rob. Die absolute, kompromisslose Liebe zu dem Schwein durchdringt Robs ganzes Sein, es bestimmt sein Handeln und führt ihn zu den Grenzen seiner psychischen und physischen Verfassung. Mit dem Schwein hat er das Wichtigste in seinem Leben verloren – er hat sich verloren. Das wird nochmal deutlich, wenn ihm sein ehemaliger Geschäftspartner Edgar zuflüstert: „Du hast keinen Wert mehr. Du existiert nicht mehr.“ Edgar meint hier Robs ökonomischen Wert: Ohne das Trüffelschwein kann Rob keine Trüffel mehr finden. Aber Rob wird es wohl richtigerweise ontologisch verstehen: Ohne seine Liebe auf das Schwein richten zu können, kann er tatsächlich nicht mehr sein.

Die Schlüsselszene ist aber ein kurzes Gespräch mit seinem Partner Amir. Nach all den Rückschlägen fragt Amir ihn: „Warum machst du das alles?“ – „Weil ich sie liebe.“ Robs kurze, präzise Antwort sind die wichtigsten Worte im Film. Liebe ist Grund genug, das alles zu erleiden, die Schmerzen zu ertragen, die Schläge einzustecken, die Hoffnung nicht aufzugeben, nicht mehr still zu stehen, bis man sie endlich wieder gefunden hat. Nebenbei vertraut Rob seinem Kollegen noch an, dass er das Schwein gar nicht für die Trüffelsuche gebraucht hat. Er selber hat die Plätze an der Farbe der Bäume erkannt. Seine Liebe zum Schwein war also völlig altruistisch.

„Weil ich sie liebe.“ Das „sie“ ist hier zweideutig. Neben der Liebe behandelt Pig auch vielfach das Thema der Trauerbewältigung. [Spoileranfang] Nachdem Rob wortwörtlich am toten Punkt angekommen ist, denn er muss erfahren, dass sein Schwein bei der Entführung gestorben war, muss er mit der Trauerbewältigung anfangen. Damit ist aber nicht nur der Tod des Schweines gemeint. Es spricht vieles dafür, dass er in dem Schwein seine verstorbene Ehefrau gesehen hat. Im Film wird beiläufig erwähnt, dass Rob ein Buddhist sei. Möglich, dass er glaubt, seine Frau wäre in dem Schwein wiedergeboren worden. Seine Worte „Weil ich sie liebe“ können sich demnach auch auf seine verstorbne Frau beziehen. Demnach kann er erst mit dem Tod des Schweines anfangen, den Tod seiner Frau zu verarbeiten. Anders als Amir, dessen Mutter seit vielen Jahren im Koma liegt, deren Tod er aber schon akzeptiert hat, hat Rob den Tod seiner Frau verdrängt, verleugnet, indem er seine Liebe auf das Schwein projiziert hat. Rob hat in dem Film die klassischen Phasen der Trauerbewältigung durchlaufen: Leugnung, Wut, Verhandlung, Depression und Akzeptanz.

Denn als Rob wieder niedergeschlagen und nun völlig allein in seiner dunklen, feuchten Hütte zurückkehrt, kann er sich zum aller ersten Mal die Kassette mit dem Lied seiner Frau anhören. Er hat den Tod seiner Frau endlich akzeptiert. Pig hat kein glückliches Ende. Der Schluss zeigt aber den hoffnungsvollen Beginn einer Heilung. [Spoilerende]

Fazit: Wer einen John Wick mit Schwein erwartet hat oder einen lauten, grellen, abgedrehten Film wie Mandy wird enttäuscht sein. Pig ist ein ruhiges, feinfühliges Drama über eine absolute Liebe und deren endgültigen Verlust. Statt Schüssen fallen hier Worte, an Stelle des Kunstblutes werden hier Männertränen vergossen. Pig ist mehr als eine bloße Dekonstruktion des Rachethrillers, auch mehr als ein arty-farty Therapieersatzfilm, sondern zeigt uns, wie stark und allumfassend eine Person trotz unserer vereinsamten und isolierten Gesellschaft von echter Liebe durchdrungen sein kann.

Pig erscheint in Deutschland am 19. November 2021 direkt auf DVD bzw. Blu-ray.* Als UK-Import ist der Film bereits ab dem 4. Oktober 2021 erhältlich.

Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

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