"American Psycho" (USA 2000) Kritik – Der Wahnsinn trägt Armani

„Ich habe alle Merkmale eines Menschen: Fleisch, Blut, Haut, Haare. Aber keine einzige klar identifizierbare Emotion, abgesehen von Gier und Abscheu.“

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Mit der Romanverfilmung ‚American Psycho‘ von Mary Harron kam 2000 ein Film in die Kinos, der nicht nur die Kritikermeinungen spaltete, sondern auch das Publikum ließ er nicht selten mit gemischten Gefühlen zurück. Die einen, hier natürlich auch die Fans des Romans, wurden maßlos enttäuscht. Die anderen kamen beim Psycho-Thriller auf ihre erwarteten Kosten. Zur zweiten Gruppe würde ich auch mich zählen, denn ‚American Psycho‘ ist spannendes und satirisches Kino, mit viel Interpretationsfreiheit, auch wenn ich dann doch etwas mehr erwartet hätte. Ein Meisterwerk ist der Film dennoch sicher nicht.

Die Welt, in die uns ‚American Psycho‘ zieht, ist vollkommen steril und befremdlich. Alles wirkt unvertraut und irgendwie unmenschlich. Die klaren und stilsicheren Aufnahmen von Andrej Sekula erzeugen eine der kältesten Atmosphären, die den Zuschauer schnell in ihren emotionslosen Rausch zieht. Der 80er Jahre Soundtrack, in denen der Film auch spielt, ist wirklich ganz fantastisch. Von Chris de Burgh über David Bowie bis Phil Collins und Genesis. Einfach punktgenau in die Szenen eingefügt und die einzelnen Momente bekommen so eine ganz besondere Wirkung verliehen. Aber auch der eigentliche Score von John Cale trägt seinen Teil zur Stimmung bei und unterstreicht den Film stark.

Christian Bale als gieriger und mordlüsternder Yuppie Patrick Bateman erweist sich als absolute Idealbesetzung. Die Rolle des Bateman, die zuvor von Brad Pitt, Tom Cruise und Leonardo DiCaprio abgelehnt wurde, spielt Bale mit seinem ganzen Können und Facettenreichtum bis in kleinste Detail aus. Der ganze Wahnsinn und die erschreckende Gefühlskälte werden wunderbar von ihm dargestellt. Die Nebenrollen können zwar nicht ansatzweise mit Bales einnehmenden Schauspiel mithalten, sind aber mit Willem Dafoe, Reese Witherspoon und Jared Leto namenhaft und gut besetzt.

‚American Psycho‘ verschlägt uns also in die 80er Jahre. Patrick Bateman arbeitet in New York an der Wall Street. Auf den ersten Blick ist er einer dieser arroganten reichen Schnösel, die sich mit „normalen“ Menschen nicht mehr abgeben und durch ihr Luxusleben stolzieren und nur noch mit wohlhabenden Leuten verkehren. Das stimmt auch. Allerdings unterscheidet sich Bateman dann doch noch von den andern Wall Street-Yuppies, denn er verbringt seine Abende nicht nur gerne mit Prostituierten, sondern schnappt sich ab und an auch mal eines seiner Mordinstrumente und gibt sich seinem Blutdurst hin.

Mit Patrick Bateman kriegen wir einen völlig gefühllosen und abgeschotteten Charakter. Misogynistisch, narzisstisch und ein absoluter Psychopath. Seinem Alltag verbringt er mit extremen Workout, Solarium und penibler Körperpflege, während er nebenbei Lesbenpornos und Horrorfilme über seinen Fernseher flimmern lässt. Wenn er sich dann Prostituierte in seine Wohnung eingeladen hat, geht es ihm in keiner Sekunde um den Sex. Vielmehr ist es ein ganz persönliches Machtspielchen. Er will bestimmen, regieren und in jedem Punkt überlegen sein. Sollte das aber mal nicht der Fall sein, dann bricht der Eisplatte in seinem Inneren und eine kochende Wut entflammt. Beim Sex selbst ergötzt er sich an seiner eigenen Perfektion und verfällt zunehmend in einen Rausch aus Wahnsinn, Selbstverliebtheit und dem unstillbaren Drang zu Töten. Doch wieso ist er so? Will er das Loch stopfen, bei dem andere Menschen normalerweise ein Herz haben? Befinden wir uns die ganze Zeit nur in einem nie enden wollenden Alptraum, in den wir unkontrolliert verfallen und unbemerkt wieder erwachen? Ein Zustand, der viel öfter Realität und Traum verknüpft, als wir es uns wirklich vorstellen können.

Mit dem gleichnamigen Roman hat sich Harron einen äußerst brutalen Stoff ausgesucht. Bret Easton Ellis geht in seinem Roman jedoch viel mehr auf blutigen Taten von Bateman ein, erschreckend genau beschrieben, bis in kleinste Detail ausgeführt. Hier geht Harron jedoch einen etwas anderen Weg. Die Morde an und für sich sind sicher brutal festgehalten, dennoch nicht schockierend. Wenn Bateman einen Arbeitskollegen mit der Axt bearbeitet, dann ist nur die Tat, die mit lockerer Normalität ausgeführt wird, erschreckend. Dargestellt wird es jedoch ganz anders. Es wirkt fast stylisch in Szene gesetzt, wie Bateman seinen Trieben folgt und uns von jedem neuen Mord eine Theoriestunde durch die Musikgeschichte gibt. Auch die gelegentlichen Sexszenen fallen verhältnismäßig zahm aus und fallen kaum aus dem Rahmen. Sicherlich nichts für Kinder, soviel sollte klar sein. Aber Angst vor extremer oder gar vollkommen übertriebener Gewaltdarstellung braucht man nicht haben. Bales blutverschmierter Körper mit knurrender Kettensäge in der Hand bleibt trotzdem im Gedächtnis.

Vielmehr geht es Harron um die Zeichnung dieser geleckten Welt. Hier zählen keine Gefühle, keine Worte oder gutes Benehmen. Hier wird eine erstarrte Welt präsentiert, in der nur Oberflächlichkeit, Geld und das Erscheinungsbild zählen. Jeder will der Größte und Beste sein. Jeder will ein Sieger sein und niemand könnte mit einer Niederlage leben. Das wird in der brillanten Visitenkartenszene deutlich. Wer sich jedoch jetzt auf einen todernsten Film einstellt, der liegt falsch. Harron lässt in ihre Inszenierung reichlich bissigen Zynismus und tiefschwarzen Humor einfließen. Das veranlasst natürlich nicht nur einmal zu Lachern. Natürlich nur, wenn man überhaupt gefallen an dieser Art von Humor finden kann, denn wenn nicht, ist man hier an der falschen Filmadresse und einiges an Unterhaltung und Feeling geht verloren.

„Ich muss ein paar Videos zurückgeben.“

Wie ich erwähnte, wandeln wir durch eine verschmolzene Welt, in der sich Realität, Gedankenwelt und Traum paaren und keine Antwort auf die Auflösung geben. Es liegt so am Zuschauer selbst, wie er sich den Film erklären und zusammenpuzzeln will. Auf einen klaren gemeinsamen Nenner kommt man aber sicherlich nur selten. Das wird vielen nicht gefallen und eher verärgern, als das sie sich noch nach Filmende mit dem eben gesehenen beschäftigen.

Natürlich ist ‚American Psycho‘ auch nicht ganz ohne Schwächen, denn irgendwie hat man doch den Eindruck, vor allem wenn man den Roman kennt, als würde man das Ganze irgendwie noch viel mehr ausreizen und viel drastischer darstellen können. Sind auch erst mal die ersten genialen 45 Minuten vorüber, baut der Film etwas ab und das großartige Tempo verliert leider an Fahrt. Nichtsdestotrotz bleibt der Film in jedem Fall überaus sehenswert.

Fazit: ‚American Psycho‘ ist spannendes Psycho-Kino, tief aus dem verschanzten Innenleben einer träumerisch mordlüsternen Existenz. Besetzt mit einem fantastischen Christian Bale, toller Atmosphäre und genialem Soundtrack. Zwar schleichen sich immer wieder Inszenierungsschwächen ein und so richtig traut sich Harron auch nicht alles zu geben, aber ‚American Psycho‘ bleibt ein guter Film, mit viel Interpretationsstoff, den man nicht nur einmal sehen kann.

„Mein Schmerz ist gleichbleibend und heftig. Und ich hoffe für niemanden auf eine bessere Welt. Ich möchte sogar, dass mein Schmerz auch anderen zugefügt wird. Ich will, dass niemand davonkommt.“

Bewertung: 7/10 Sternen