Die besten Filme des Kinojahres 2015: Pascal stellt seine Lieblinge vor

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Des Deutschen Bedürfnis nach Ordnung lässt sich natürlich auch zum Jahresende nicht einfach abschalten: Dementsprechend überflutet sieht man sich mit Jahresabrechnungen, die noch einmal fein-säuberlich auflisten, was das Kino eigentlich so verehrenswert macht und was es, auf der anderen Seite, für manchen Geek so manches Mal auch zu einer unvorstellbaren Qual erklärt. Aber: So eine letztes Rekapitulieren der Siegeszüge und Blindgänger des vergangenen Jahres macht doch immer wieder deutlich, dass das Licht dem Schatten letztlich durchaus überlegen ist. Und auch 2015 war wieder ein Jahr, in dem das Cineastenherz gerne und laut jubilieren durfte, selbstverständlich nicht nur wegen „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ – aber auch! Meine kleine Top-10 soll an dieser Stelle einen kompakten Überblick dahingehend liefern, was sich 2015 in mein Herz vorgekämpft hat, während anschließend noch einige persönliche CinemaForever-Awards vergeben werden. Viel Spaß!

10. Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen

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© Zorro

von Dominik Graf

Dominik Grafs Essayfilm „Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen“ verbeugt sich vor der inständigen Filmliebe des renommierten Kritikers Michael Althen. Allerdings ist Dominik Graf nicht nur allein daran interessiert, seinem langjährigen Freund ein aufrichtiges Denkmal zu errichtet, es ist auch eine Hommage an die Kraft und die Vielfalt des Kinos, der man sich niemals verschließen sollte.

9. Love & Mercy

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© Studiocanal GmbH Filmverleih

von Bill Pohlad

„Love & Mercy“ fertigt eine ungemein feingliedrige Psychografie seiner Hauptfigur an, Bill Pohlad begnügt sich nicht damit, die obligatorische Genie-und-Wahnsinn-Plattitüde zu stimulieren, das Narrativ geht mühelos darüber hinaus und lässt jedwede tränenheischende Verzerrung in der Charakterbeschreibung hinter sich. Die Inszenierung findet einen ganz eigenen Rhythmus, ein vitales, von den Songs der Beach Boys motivisch katalysiertes Konstrukt.

8. Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex.

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© Weltkino Filmverleih

von Josh Lawson

Es zählt nicht, was in der Nachbarschaft hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, sondern nur die auf Kommunikation gründende Offenheit zu sich und seinem Partner, welche natürlich auch vollkommen ohne Verbalisierungen vonstattengehen kann. „Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex.“ jedenfalls ist sich darüber in seiner lebensklugen Feinfühligkeit vollkommen im Klaren und begeistert durch eine so bittersüße wie entlarvende Unverblümtheit.

7. A Most Violent Year

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© Universum

von J.C. Chandor

Gewalt ist neben ihrer archaischen Bestialität auch immer eine einschüchternde Option. Dass J. C. Chandor es größtenteils vermeidet, explizite Brutalitäten zu visualisieren und sie vielmehr, genau wie die entrückte Skyline von Manhattan, immer in den Hintergrund streut, macht ihren pulsierenden Charakter umso bedrückender, beschleicht den Zuschauer doch permanent dieses kratzende Gefühl eines ungeheuren Unwohlseins, als wolle dort etwas unter die eigene Haut krauchen.

6. Inherent Vice – Natürliche Mängel

The only thing shorter than her skirt is his memory

© Warner Bros.

von Paul Thomas Anderson

Die Dekonstruktion einer jeden narrativen Ordnung; ein gleißendes Fragezeichen, in dem sich alles bündelt, was Leben war, ist und sein wird. Es geht um das Nichts, es geht um das Alles, es geht um das Dazwischen und das Drumherum, um das Imitierte, Rekonstruierte und Persiflierte. Darum, wie die Dinge im Kern nun mal funktionieren und darum, wie sie den Geist aufgeben. „Was für Dinge?“, wird man sich da sicherlich fragen, „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ aber bleibt so subversiv, so kryptisch, so exzentrisch, um zu entgegnen: Jene Dinge eben.

5. Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

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© 20th Centruy Fox

von Alejandro González Iñárritu

Das Theater per se ist ein Ort, an dem sich Sündenbabel und Purgatorium kreuzen und die niemals stillstehende Kamera von Emmanuel Lubezki das kreiselnd-abtastende Instrument, welches sich durch die Eingeweide der Kunst bis in den wirren Kopf des ehemaligen Superhelden bohrt. Das polternde Drum-Arrangment, welches wie eine Lawine über die Tonspur rollt, akzentuiert nicht nur die formale Dringlichkeit von „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, sie symbolisiert das Seelenleben der Protagonisten, die Ruhelosigkeit und die Mobilisierung letzter Willenskraft.

4. The Guest

DAN STEVENS stars in the action thriller THE GUEST, opening in September.

© Picture House

von Adam Wingard

„The Guest“ ist unfassbar stimulierendes Kino aus einem künstlerischen Guss; ein audiovisueller Luzidtraum, niemals darauf bedacht, seine zündenden Ideen einer forciert nerdigen Verweiskette unterzuordnen. Deshalb muss das vermeidlich „Böse“ auch nicht pedantisch aufgedeckt werden, um dessen Unwägbarkeit zu veranschaulichen, vielmehr legt sich der suggestive Gast David als ein so aphrodisierendes wie destruktives Prinzip über die doppelbödige Szenerie.

3. Mad Max: Fury Road

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© Warner Bros. Pictures Germany

von George Miller

Was George Miller hier in all seiner sich vollends auszahlenden Erfahrung auf die Beine gestellt hat, ist ein von der ersten bis zur letzten Einstellung brillant rhythmisierter Sinnesrausch, paralysierendes Bewegungskino, ein fetziger Tanz der Partikel, intensiviert durch die drängende Kraft kreischender E-Gitarren-Soli und dem dröhnenden Grollen, wie es sich einzig im Herzen einer Gewitterfront bündelt. „Mad Max: Fury Road“ ist einer der Filme, bei dem man wirklich glaubt, ein jedes Blinzeln reiße sich zusehends ein Stück zu viel dieser durch und durch archaischen Brillanz unter den Nagel – Eben ein Paradebeispiel dafür, wozu Bilder in der Lage sind zu erzählen, wenn man ihnen nur das Wort erteilt.

2. Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht

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© The Walt Disney Company Germany GmbH

von J.J. Abrams

Mit der glattpolierten Digitaloptik eines „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ und Co. hat „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht nichts mehr gemein. J. J. Abrams hat erkennbaren Wert darauf gelegt, die Physis zurück ins „Star Wars“-Universum zu bringen, was nicht nur bedeutet, dass wir uns über den abgenutzten Look der Sternenjäger, Frachter und Raumstationen erfreuen können, der uns an das verbogene Metall eines „Krieg der Sterne“ gemahnt. Die Charaktere sind wieder aus Fleisch und Blut, sie leiden, mühen ihre abgekämpften Körper durch die Wüste, durch den Wald, über das Eis – und handeln auch mal aus eigennützigem Antrieb.

1. Whiplash

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© Sony Pictures Releasing GmbH

von David Chazelle

Am Ende siegt nicht der Drill, nicht die niederen Triebe, nicht die falschen Männlichkeitsideale. Es siegt die väterliche Zuneigung, die Fürsorge im Moment der totalen Demütigung, der noch einmal aufzeigt, warum Männer so vollkommen zum Kotzen sind (simple Gemüter sprechen da gerne mal selbstentlarvend von faschistischen Tendenzen – ist natürlich Quatsch zum Quadrat). Und formal ist die Nummer hier ein rhythmisiertes Ultra-Ultra-Ultra-Meisterwerk.

Das waren meine zehn liebsten Filme des Jahres. Nun vergebe ich meine persönlichen CinemaForever-Awards…

Beste Schauspielerin: Charlize Theron in Mad Max: Fury Road

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Bester Schauspieler: Paul Dano in Love & Mercy

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Lieblingsszene: Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstaufgabe wird. Jeder Schlag führt hier näher an den Herzstillstand. Und doch: Ein Moment des Sieges. Der Überlegenheit. Der Zerschlagung von Entmenschlichung.

Beste Kamera: Birdman (Emmanuel Lubezski)

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Bester Schnitt: Mad Max: Fury Road (Cutter: Margaret Sixel)

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Lobende Erwähnung: The Walk (Robert Zemeckis)

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Größte Enttäuschung(en): Alles steht Kopf (Pete Docter & Ronald Del Carmen) und Horns (Alexandre Aja)

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Schlechtester Film des Jahres: American Sniper (Clint Eastwood)

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Das war meine kleine, aber (hoffentlich) feine Liste und das offizielle Filmjahr darf langsam ausklingen. In diesem Sinne: Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Freude mit den Meisterwerken, die uns 2016 dort mit Sicherheit beehren werden.