"Frantic" (US, FR 1988) Kritik – Harrison Ford erlebt seinen schlimmsten Urlaub

„Das ist doch reiner Unfug! Warum sollte meine Frau nicht wollen, dass ich weiß wo sie ist?!“

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Wir schreiben das Jahr 1988. Roman Polanskis letzter Kinofilm ‚Piraten‘ von 1986 war ein derber Flop. Der Name Polanski verlor, nicht nur allein durch ‚Piraten‘, langsam an glänzendem Schimmer und lockte kaum noch jemanden an. Seine Karriere stand am Scheidepunkt und Polanski musste endlich wieder die Kritiker und das Publikum von seinem Können überzeugen. Mit dem Thriller ‚Frantic‘ inszeniert er einen Film der an die großen Hitchcock-Zeiten erinnert und Polanski hatte sein persönliches Comeback. Zum ganz großen Meisterwerk reicht er jedoch auch noch nicht ganz.

An einem mangelte es Polanskis Filmen noch nicht: an der visuellen Klasse. Polanskis treuer Kameramann Sobociński leistet exzellente Arbeit. Er klebt an Ford, fast durchgehend, und baut so die emotionale Nähe zu ihm ungemein auf. Aber auch die Actionsequenzen sind wunderbar festgehalten. Ganz besonders die meisterhaft inszenierte Szene, in der Ford über die rutschigen Dächer von Paris klettert und kurz vor dem Absturz steht. Die musikalische Untermalung gibt es vom einzigartigen Ennio Morricone und die ist schließlich über jeden Zweifel erhaben. Morricones Musik schmiegt sich wieder brillant an die kühlen Bilder und begleitet diese wie immer fantastisch.

Mit Harrison Ford in der Hauptrolle hat ‚Frantic‘ eigentlich keinen Charakterdarsteller, aber Ford leistet hier wirklich großes. Als verzweifelter Ehemann Richard gerät er in einen kriminellen Strudel aus dem es kaum entkommen gibt. Zwischen Überforderung, Angst und purer Aussichtlosigkeit meistert Ford jede Emotion und bringt eine seiner besten Karriereleistungen. Polanskis Ehefrau, damals noch Freundin, Emmanuelle Seigner kann an erster Stelle durch ihr Aussehen und bloßes auftreten überzeugen. Das nuancierte Schauspiel von Ford erreicht sich jedoch nicht, bringt als Michelle an Fords Seite aber eine gute Leistung.

Roman Polanski ist ein Meister seiner Klasse. Das hat er 1988 schon unlängst bewiesen. Aber auch die Besten könnten mal ins Stolpern geraten und einem Karrieretief bevorstehen. Polanski wäre nicht Polanski wenn er nicht einen neuen Versuch starten würde, um seine Vielseitigkeit in den verschiedensten Genres wieder zu beweisen. Mit ‚Frantic‘ begibt er sich in den Bereich des Suspense-Kinos. Das Interesse des Zuschauers liegt nicht auf dem was er sieht, sondern immer auf dem was er nicht sieht.

Der Film beginnt wie ein ganz normaler Urlaub in Frankreich an. Wir sehen die Walkers wie im Pariser Hotel einchecken und sich auf ihre gemeinsame Zeit freuen. Ruhe vor den Kindern und zusammen entspannen. Es vergehen keine 15 Minuten nach der Ankunft und Richard steht plötzlich alleine im Zimmer. Ohne jegliche Anhaltspunkte, Nachrichten, oder sonst etwas ist seine Frau von jetzt auf gleich verschwunden. Das schlimmste was einem im Urlaub passieren kann tritt ein. Eine geliebte Person verschwindet von einem Augenblick auf den anderen. Als wäre das nicht das einzige Problem kommt natürlich noch dazu, dass Richard sich kaum verständigen kann da er der französischen Sprache nicht mächtig ist. Seine Zeichensprache wird falsch gedeutet und er steht alleine da. Die Hilfe von der Polizei nimmt er nicht für voll und auch das Hotel kann ihm keine wirklich hilfreichen Informationen geben. Auf eigene Faust schlägt er sich durch Paris auf der Suche nach seiner Frau. Immer mehr winzige Informationen erreichen ihn, die sich nach und nach zusammensetzen und Richard gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Verbrechen und Verschwörungen. Aber wem kann Richard überhaupt noch glauben? Was ist wirklich mit seiner Frau passiert? Lebt sie noch oder ist sie längst tot? Wurde sie entführt und wenn ja, warum? Fragen über Fragen die auch Michelle nicht beantworten kann, mit der er bei seiner Suche zusammenstößt.

‚Frantic‘ wird von seinem ruhigen und nicht überschlagenden Erzähltempo gesteuert. Nie wirkt der Film überhastet oder zu schnell. Polanski inszeniert zwar zurückhaltend zieht daraus aber fast den vollen Ertrag. Der Film an sich ist durchgehend spannend, allein weil der Zuschauer wissen will was es mit der entführten Frau denn nun wirklich auf sich hat. Dazu kommen die ganzen Details die man sich selber Stück für Stück zusammensetzen kann und genügend Zeit zum miträtseln hat. Immer mehr zieht Polanski die Spannungsschrauben enger, bleibt sich dabei aber durchgehend selber treu. Er tritt nicht aufs Tempo und schlägt seinen Film immer wieder zum emotionalen Drama um. Ob es nun Richards Gespräche mit den Kindern am Telefon sind, bei denen er sich stark zurückhalten muss damit kein Verdacht aufkommt oder wenn er völlig verwirrt und verzweifelt durch die fremden Gassen läuft und auf jeden Menschen angewiesen ist der ihm auch nur minimal helfen kann. Angst und Verzweiflung regieren ‚Frantic‘. Wir als Zuschauer leiden mit Richard und können ihn absolut verstehen. Wenn man sich selbst in diese Situation versetzt ist es einer dieser Momente dem man eindeutig völlig unterlegen wäre. Ob nun eine Sprachbarriere besteht oder auch nicht. Polanski macht mit ‚Frantic‘ fast alles richtig, hier und da lassen sich natürlich kleine Schwächen feststellen und auch das zwar löbliche Erzähltempo verliert ab und an doch den richtigen Drall und verirrt sich gelegentlich in Nebensächlichkeiten. Nichtsdestotrotz ist ‚Frantic‘ in jedem Fall ein überdurchschnittlicher Thriller den man so heute leider nur noch sehr selten zu sehen bekommt.

Fazit: ‚Frantic‘ ist hochspannendes und unterhaltsames Thriller-Kino, das an vergangene Zeiten erinnert. Mit einem bärenstarken Harrison Ford in der Hauptrolle, fantastischen Bildern, einem grandiosen Soundtrack und Polanskis feiner Inszenierung wird ‚Frantic‘ zu einem Ausnahme-Thriller, den man sich nur entgehen lassen sollte, wenn man sich mit dem ruhigen Tempo nicht anfreunden kann oder gar etwas gegen die Darsteller hat. ‚Frantic‘ zählt zwar nicht zu Polanskis großen Meisterleistungen, ist aber in jedem Fall einer seiner starken Filme, die man sich als Fan des Mannes sowieso unter keinen Umständen entgehen lassen sollte.

„Ich war schon bei der Polizei. Ich hab schon eins von diesen Dingern ausgefüllt! Und es geht nicht um eine vermisste Person. Es ist Kidnapping!“

Bewertung: 8/10 Sternen