"Jonas" (DE 2012) Kritik – Christian Ulmen muss die Schulbank drücken

„Wir sind hier nicht im Kasperle Theater!“

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„Streng dich in der Schule an, damit später mal was aus dir wird!“
Den Spruch werden wir sicher alle kennen, denn wie oft haben unsere Eltern oder Großeltern uns diesen Satz eingetrichtert, wenn man mal wieder keine Lust auf die Schule hatte, oder mit einer schlechten Note nach Hause kam. Mit dem heutigen Wissen werden wir wohl alle zugeben, dass sie natürlich Recht hatten, was natürlich auch eine Frage der Lebenserfahrung ist, nur als Kind oder Jugendlicher will man so was nicht hören und auch ganz bestimmt nicht einsehen. Mit Angst und Schrecken würde wahrscheinlich dennoch jeder Erwachsene reagieren, der gesagt bekäme, er müsse die Schulbank nochmal drücken. Nicht jeder. Christian Ulmen ist die Ausnahme, doch das dieser Mann keinerlei Schamgrenzen kennt, hat er mit seiner großartigen Serie „Mein neuer Freund“ bewiesen, in der Ulmen in verschiedenste Rollen geschlüpft ist und den beteiligten Personen das Leben richtig schwer gemacht hat. Das war auch der Grundgedanke von Ulmens neustem Kinofilm „Jonas“, unter der Regie von Robert Wilde, in dem er in die Rolle eines 18 jährigen schlüpft und erneut die 10. Klasse besucht.

Jonas ist schon zweimal sitzengeblieben. Er hat nur noch eine Chance, seinen Realabschluss zu machen, denn viermal eine Klasse zu wiederholen, ist nicht drin. Der Weg führt Jonas an die Gesamtschule Paul-Dessau, in dem er sechs Wochen Zeit hat, von seiner Leistungsbereitschaft zu überzeugen und die Probezeit so zu überstehen, denn sonst muss er die Schule vollständig an den Nagel hängen muss und ohne Abschluss in seinen Leben klarkommen. Die typischen Schulprobleme schleichen sich in den Alltag und auf Hausaufgaben hat man keinen Bock, Logarithmus kann man kaum Buchstabieren und wenn man sich dazu noch in seine Musiklehrerin verguckt, wird alles noch schwerer. Aber Jonas will ihr Herz gewinnen und gründet eine Schulband…

Christian Ulmen ist ein Verwandlungskünstler, dem keine Peinlichkeit zu viel ist. Das hat er in der besagten Serie „Mein neuer Freund“ bewiesen, die sich zu Anfang kaum verkaufen wollte und keinerlei Aufmerksam bekam, bis sie sich schließlich zum großen Liebling und Kult mauserte. Zu Recht. Denn wie Ulmen seine „Opfer“ dort durch die Hölle gehen ließ, war nicht nur urkomisch, sondern hatte auch immer wieder ganz eigene Kritikpunkte in sich. Auch seine Internetshow Ulmen.Tv wusste auf diesem Niveau zu überzeugen, einfach weil er eine ganz eigene Art hat, die man entweder hasst oder über alles liebt. Doch der Neuwiedener hat sein schauspielerisches Talent auch schon in größeren Produktionen bewiesen. Man denke nur an die Kinofilme „Elementarteilchen“ und „Herr Lehmann“, in denen er vollkommen überzeugte und sich auch als ernstzunehmender Darsteller erwies. In „Jonas“ kann Ulmen jedoch nicht auf seinen genialen Humor zugreifen und nimmt sich nicht nur gewaltig zurück, sondern scheitert immer wieder daran, Witz in die Situationen zu bringen, was seinen Jonas ziemlich schnell zum Störfaktor macht, der nicht selten die eigenen Nerven strapaziert und zum Fremdschämen einlädt, auch wenn er natürlich seine guten Momente hat, die nur deutlich zu spärlich gesät sind. Ulmen wird zum Fremdkörper, doch das ist kein humoristischer Vorteil wie in seinen Serien, sondern ein schwerwiegender Nachteil.

Mit „Jonas“ werden wir wieder in die Schulzeit gezogen, dürfen uns den Matheunterricht anschauen und mal wieder kein Wort verstehen, oder über den Ursprung des Menschen im Religionsunterricht debattieren. Jedoch verliert der Film seinen dokumentarischen und authentischen Reiz dadurch, dass jedem der Beteiligten, ganz demonstrativ die Kamera mitten ins Gesicht gehalten wird, und da kann Regisseur Wilden predigen wie er will, denn wenn man in jedem Augenblick in eine Kamera blickt, gibt man sich nicht so ehrlich, wie man es unbeobachtet im vertrauten Kreis tun würde. Aber das ist nicht der einzige dicke Negativpunkt, den Jonas zu bieten hat. Man stellt sich auch durchgehend die Frage, was Ulmen und Wilde sich hier eigentlich zum Ziel gemacht haben. Kritik am heutigen Schulsystem? Wenn ja, dann ist das hier aber so was von fehlgeschlagen, denn es kommt einfach zu keiner kritischen Auseinandersetzung und jede Bösartig Ulmens wird gänzlich vermisst. Eine Komödie, die uns in Erinnerungen schwelgen lässt und in die „gute alte Zeit“ zurückversetzt? Vielleicht im Ansatz, doch dafür ist „Jonas“ auch zu simple und offensichtlich gestrickt. Vom pädagogischen Standpunkt ist „Jonas“ ebenfalls höchst fragwürdig, denn unser Hauptdarsteller macht nie die Hausaufgaben, versteht nicht, was die Lehrer ihm eigentlich beibringen wollen und schafft es trotzdem, sich durchzusetzen. Eine Szene ist jedoch recht interessant: Eine hitzige Diskussion über die mündlichen Bewertungen beginnt und schaukelt sich immer weiter hoch, bis die Lehrerin keinerlei Argumente mehr findet und ihren Stoff stur durchziehen möchte. Und es ist genau die Szene, in der Ulmen keinerlei Einfluss hat und still beobachtet. Was bleibt sind einige amüsante und viele nervige Momente, die zwar einen harmonischen Schlusspunkt gesetzt bekommen, aber Jonas nicht vor der unkoordinierten Belanglosigkeit retten, denn mehr ist dieser Film wirklich nicht.

Fazit: „Was hat dich bloß so ruiniert?“ singen die Die Sterne im Soundtrack von „Jonas“. Was den Film ruiniert hat, ist die extreme Aussagelosigkeit, die sich durchgehend durch den Film zieht und die immer wieder nervigen Auftritte von Christian Ulmen, dem man äußerlich den 18 jährigen zwar abnimmt, aber viel zu oft im Bereich des Fremdschämen taumelt und mit seinen erzwungenen Witzen nur Kopfschütteln erntet. Das Einleben in das Schülerleben ist nicht wirklich glaubwürdig, die Gespräche wirken erzwungen, wie soll es auch anders sein, wenn man immer eine Kamera im Blickfeld hat, und das Klassenklima stellt sich als viel zu verfälscht dar. Einige erheiternde und gute Momente gibt es dennoch, aber die machen das dokumentarische Einerlei mit komödiantischen Elementen zu keinem guten Film, denn jeder kritische Gedankenanstoß wurde gänzlich vergessen. Wilde und Ulmen hatten sicher gute Absichten und wollten etwas erreichen, doch was, das wird hier nicht deutlich und beide scheitern mehr als deutlich.

Bewertung: 3/10 Sternen