"Kill Bill: Vol. 1" (2003) Kritik – Tarantinos Opus Magnum

„Mit 25 war sie beteiligt am Mord von 9 unschuldigen Menschen. Einschliesslich meiner ungeborenen Tochter. In einer kleinen Hochzeitskapelle in El Parso, Texas. Doch an diesem Tag vor 4 Jahren, unterlief ihr ein gewaltiger Fehler… Sie hätte 10 umbringen sollen.“

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Viele Filme würden genannt werden, wenn man Filmfans nach einem ihrer ersten „Wow“-Filmerlebnisse fragen würde. Einer aber wohl eher selten. Zu meinen ersten besonderen Filmerlebnissen, welche mich absolut sprachlos zurückgelassen und meine Liebe von der ersten Sekunde an gewonnen haben, welche bis heute eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens sind und bei denen ich jedes Mal einfach nur denke „wie geil ist denn bitte das“, dazu zähle ich keine geringere Geschichte als Quentin Tarantinos kultige Rache-Ballade ‚Kill Bill: Volume 1‘.

Nun möchte ich versuchen dieses Erlebnis ohne viel überschwängliches Lob in Worte zu fassen. Ausdrücke wie „einzigartig, hyperstilisiert, abartig, brutal, detailverliebt und meisterhaft“ werden dem Film ebenso gerecht wie „gestört, sinnfrei, idiotisch und unlogisch.“ Und jeder wird mit seiner Kritik Recht behalten, denn selten konnte ein Film die Kinolandschaft dermaßen in die Parteien „Hass“ und „Liebe“ spalten.

Hinzu kommt, dass „Rache“ durchaus eine schwierige Thematik ist, so komplex, dass viele Regisseure an ihrem zu simpel gehaltenen Ansatz scheitern. Ob Tarantino daran gescheitert ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Meiner Meinung nach ist ihm dabei nicht mehr und nicht weniger als die „Mona Lisa“ der Gewalt gelungen. Teils verstörend und widerwertig, teils wunderschön und zum heulen. Gewalt wird zu Poesie, Action zur Kunst, Dialoge zum Vorschlaghammer, nicht viele Regisseure können von sich behaupten, dies gemeistert zu haben. Tarantinos Spiel mit den Farben, sein Ideenreichtum (nur um die Anime-Episode als Beispiel zu nennen), seine Zitierwut (ob aus alten Western-, Samurai- oder Kung-Fu-Klassikern), all das wird kameratechnisch perfekt eingefangen.

Viele sehen ‚Pulp Fiction‘ als das Höchste aller Maße in Sachen Soundtrack-Auswahl. Auch hier muss ich wiedersprechen, denn wo in ‚Pulp Fiction‘ die Auwahl zwar herausragend, aber sehr einseitig gehalten wurde, bekommt man hier alles, sowohl gefühlvolle und poetische, als auch temporeiche und coole Musik geboten, und wirklich jeder Song scheint für ‚Kill Bill‘ geschrieben worden zu sein.

Ein Künstler und ein Hirn voller unsterblicher Ideen! Tarantino, dafür vergöttere ich dich! Eine Sache fehlt jedoch noch. Nämlich sein stets richtiges Gefühl für die optimale Besetzung seiner Figuren. Uma Thurman beweist nach ihrer Rolle als Mia Wallace in ‚Pulp Fiction‘ ihre unglaubliche Wandelbarkeit und wird hier zur Queen of Revenge, zur Kampfgöttin, zur Samurai, zu einer Frau, die ich für ihre erbarmungslose Rolle einfach nur Liebe. Sie spielt nicht nur die Braut, sondern sie ist die Braut.

„Diese Frau verdient ihre Rache. Und wir verdienen den Tod!“

Und auch in ‚Kill Bill‘ zeigt sich, dass gute Dialoge die halbe Miete sind. Bereits seit meinen Lieblingen wie ‚Der Pate‘ oder ‚Taxi Driver‘ zähle ich sie zum wichtigsten Bestandteil eines Films. Oft genug wurde schon bewiesen, dass die richtigen Sätze ausreichen, um das Publikum zu begeistern. Mit ‚Kill Bill‘ bekommt der Zuschauer non-stop witzige, emotionale, verdammt coole und auch gefühllose Sätze vorgelegt, die allesamt eines gemeinsam haben. Einzigartigkeit!

Ein Film, den man erlebt haben muss, um ihn zu glauben. Sinnlos, brillant, blutig schön und hypnotisierend, oder kurz: ‚Kill Bill’… Dieser Film lässt sich nicht mit Tarantinos voran- und nachkommenden Werken vergleichen, bei denen er mehr auf Realismus, denn auf überbordende Fantasie Wert legte. Allerdings teilt sich dieser Film eine simple Gemeinsamkeit mit allen anderen: Ich hatte beim ersten Mal das Gefühl, etwas Neues zu erleben und diesem Neuen, Unkonventionellen zuzuschauen macht einfach nur höllischen Spass. Mit unkonventionell meine ich die überzogene und unwirkliche Brutalität, die alleine Tarantino in dieser ungesehenen Brillanz zeigen kann (und darf), welche sich bis zum Ende immer mehr zuspitzt und in einem „what the fuck“- Showdown ihren Höhepunkt erreicht. Das tolle daran ist, man kann darauf immer und immer wieder abfeiern, denn erst nach mehrmaligem Schauen fallen einem wunderschöne Details und Querverweise auf.

Bewertung: 10/10 Sternen