Kritik: The Wailing: Die Besessenen (KOR/USA 2016)

© Alamode Film

Not everything that moves, breathes, and talks is alive.

Wow. Fast anderthalb Jahre nach seiner Europa-Premiere auf dem Cannes-Filmfestival 2016 hat Na Hong-jins neuster Film The Wailing (im deutschen zusätzlich noch mit dem schrecklich reißerischen Beititel „Die Besessenen“ versehen) doch noch einen Verleih gefunden, der die Eier hat, das Ausnahmewerk des koreanischen Regisseurs in unsere Kinos zu bringen. Respekt dafür. Es ist ja nicht so, als sei Na Hong-jin ein Unbekannter, denn mit The Chaser und The Yellow Sea hat der Regisseur bereits zwei von Kritikern hochgelobte Filme abgeliefert. Ein wenig Verständnis muss für die vorsichtige Haltung der Verleiher aufgebracht werden, denn The Wailing ist kein leicht zu vermarktender Film. Na Hong-jins drittes Werk fristet ein Dasein fernab jeglicher Genre-Konventionen, bedient buddhistische und christliche Angstmotive, gewährt den in Korea grassierenden sozialen und politischen Spannungen den nötigen Raum und funktioniert zeitweilig sowohl als wunderbar groteske Horror-Komödie, als auch als beklemmendes Familiendrama.

Eine schreckliche Mordserie versetzt die kleine Gemeinschaft Goksung in helle Aufregung. Scheinbar aus dem Nichts heraus greifen bis dato unbescholtene Dorfbewohner Familienmitglieder und Freunde an und fallen danach in eine unheimliche katatonische Starre. Einzige Gemeinsamkeit der Vorfälle ist ein großflächig wuchernder Ausschlag, der die Tatverdächtigen zu befallen scheint. Schnell machen sich Gerüchte breit, dass der neu in die Gegend gezogene Japaner (Jun Kunimura) etwas mit den Vorkommnissen zu tun haben muss. Zwar will der Polizist Jong-gu (Kwak Do-Won) diesen Worten keinen Glauben schenken, doch als auch seine Tochter (Hwan-hee Kim) von dem Ausschlag befallen wird, sie unter schrecklichen Fieberattacken Todesqualen ausstehen muss und die moderne Medizin keine Antwort zu finden scheint, gibt es für den Familienvater nur eine Möglichkeit: Er muss den Japaner aufsuchen und ihn zur Rede stellen…

Welche ungeheuren Dimensionen der Schrecken annehmen wird, der die kleine Gemeinde Goksung heimsucht, lässt sich weder für den übergewichtigen und äußerst tollpatschigen Polizisten Jong-gu noch für den Zuschauer erahnen. Ein großer Teil des Schreckens geht dabei jedoch nicht von den übernatürlichen Kräften aus, sondern von den Bewohnern des verschlafenen Örtchens. Im Original heißt der Film übrigens Goksung, wodurch der Fokus bereits hier klar auf die Ortschaft und deren Bewohner gelegt wird. Diese verwandeln sich von liebenswert-naiven Taugenichtsen zu einem zornigen, abergläubischen und auch rassistisch motivierten Mob, der auch vor drastischen Maßnahmen nicht mehr zurückschreckt. Diese Entwicklung wird vom gemütlichen Polizisten und Familienvater Jong-gu vorangetrieben, der mit fortlaufender Spielzeit zunehmend seinen Halt in der Realität zu verlieren scheint, sich gegen diese Entwicklung jedoch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren versucht. Es ist ein hoffnungsloser und beklemmender Kampf, den der planlose Polizist hier auf der Leinwand austrägt und ein Glück für den Kinozuschauer. Kwak Do-Won liefert mit seiner Darstellung des einfältigen Polizisten, der wohl aufgrund seines wenig heldenhaften Auftretens in anderen Produktionen zu einem typischen Sidekickdasein als „lustiger Dicker“ verdammt gewesen wäre, eine der intensivsten Darstellungen des aktuellen Kinojahres ab.

Dem Wahnsinn der Handlung angemessen ist dabei stets die Soundkulisse des Films: Düster brummt und dröhnt es aus den Boxen, steigert sich zunehmend und entlädt sich mit ganzer Wucht in einer ekstatischen Exorzismus-Sequenz – ein vorgeschobenes Finale. Albtraumhaft vereinen sich hier Trommelgeräusche, markerschütternde Schreie und gesprochene Beschwörungsrituale zu einer beklemmenden Klangcollage, die im Zusammenspiel mit der rauschhaften Inszenierung der Dämonenaustreibung einen hypnotischen Sog entfaltet, an dessen Ende der Zuschauer ebenso ausgelaugt und erschöpft ist, wie die Protagonisten, die der Zeremonie beigewohnt haben. The Wailing wird hier zu einem körperlichen Belastungstest, der am besten im Kino genossen werden sollte.

The Wailing macht aber auch deshalb so viel Spaß, weil er sich nicht durch Genre- oder kulturelle Folklore-Grenzen einengen lässt. Während Schamanen Hühner köpfen und Messer wetzen, um dem Bösen Herr zu werden, versuchen stocksteife Priester in dunklen Hinterzimmern Lösungen für die diabolischen Probleme zu finden. Vereint in ihrem Glauben an eine übernatürliche Ursache des Schreckens, behaupten sich die religiösen Erklärungsansätze in den Köpfen der Dorfbewohner gegen die nüchterne Betrachtungsweise einer wissenschaftlichen Analyse, die hintergründig und ungehört eine andere Lösung des Rätsels offenbart. Diese Erklärungs-Trichotomie führt den Zuschauer in eine Welt, die von pilzbefallenen Wahnsinnigen, Geistern, Zombies, buddhistischen Sagengestalten und dem wohl vulgärsten Mädchen seit Linda Blair als Regan Teresa MacNeil in Der Exorzist bevölkert wird. Allein schon deshalb sollten sowohl europäische/amerikanische als auch asiatische Horrorfilmfeinschmecker mit diesem filmischen Clash der Kulturen zufriedengestellt werden können.

The Wailing startet am 12.10.2017 in den deutschen Kinos.