"Leaving Las Vegas" (USA 1995) Kritik – Eine etwas andere Liebesgeschichte

„Ich bin nur hier um mich totzusaufen.“

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Für manche Filme braucht man einfach eine gewisse Stimmung. Manchmal lässt diese erhoffte Stimmung auch unendlich lang auf sich warten, so lang dass man einen Film Monatelang vor sich herschiebt nur um auf den passenden Moment zu warten. Dann ist dieser Moment plötzlich da und man ist trotzdem nicht in der Laune für diesen Film. Nach und nach verstaubt die Filmhülle im hintersten Filmregal und der Weg in die heiligen Player rückt von Tag zu Tag ins unerreichbare. ‚Leaving Las Vegas‘ von Mike Figgis ist einer dieser ganz besonderen Fälle, denn mit guter Laune ist dieser Film kaum erträglich und annehmbar. Auch mit richtig schlechter Laune kann man sich dem Film nicht wirklich hingeben, viel zu sehr zieht er einen runter. Denn was Figgis 1995 aus seinem Liebes-Drama ‚Leaving Las Vegas‘ gemacht hat zählt zum depressivsten und bittersten Filmerlebnissen überhaupt.

‚Leaving Las Vegas‘ wird durch seine groben und trostlosen Bilder getragen. Kameramann Declan Quinn fängt das glanzvolle und bunte Las Vegas in den dunkelsten und bittersten Bildern der Filmgeschichte ein. Hier gibt es keine frohen Farben oder Wärme. Der Soundtrack wird durch ausgewählte Lieder bestimmt. Vor allem dominiert hier der Song „Come rain or come shine“ von Don Henley der immer und immer wieder eingespielt wird und dem Film immer wieder den bitteren Nachgeschmack in seinen Szenen verleiht. ‚Leaving Las Vegas‘ besitzt eine der unangenehmsten Atmosphären überhaupt. Nie wurde dieses Thema in solch bedrückende Bilder gepackt. Bilder, die den Zuschauer noch lange verfolgen werden.

Schauspielerisch fährt ‚Leaving Las Vegas‘ die ganz großen Geschütze auf. Mit Nicolas Cage in der Hauptrolle hat Figgis genau den richtigen Mann für die Rolle des hoffnungslosen Alkoholikers Ben gefunden. Cage legt hier seine beste Leistung hin und meistert die lauten Momente und die leisen tragischen mit beeindruckender Perfektion. Nie wurde ein solcher Charakter so fesselnd und tragisch Dargestellt wie von Cage und er konnte seinen Oscar für den besten Hauptdarsteller völlig verdient in die Wohnzimmervitrine stellen. Den weiblichen Gegenpart übernimmt Elisabeth Shue. Shue spielt die geplagte Prostituierte Sera die immer wieder von ihrem Freier verprügelt wird und einen Ausweg aus ihrer furchtbaren Lage sucht. Auch Shue beweist grandioses Schauspiel und kann ihren gefallenen Charakter unglaublich viel Leben einhauchen.

‚Leaving Las Vegas‘ lebt von Figgis zielstrebiger Inszenierung die einmalig von Nicolas Cage getragen wird. Der Film will uns keinen Mut zusprechen. Er will uns nicht hoffen lassen oder das wir ein besseres Ende für alle Beteiligten, also auch für den uns selbst, erwarten. ‚Leaving Las Vegas‘ geht straff seinen Weg, ohne auch nur Ansatzweise einen Blick zur letztmöglichen Ausfahrt zu werfen. Der Entschluss ist gefasst, das Ziel ist vor Augen und der Weg dorthin hochprozentig.

Mit Ben bekommen wir einen der hoffnungslosten und verlorensten Charaktere der Filmgeschichte vorgesetzt. Ben trinkt nicht, er säuft. Ohne Alkohol hält er es keine Stunde aus und er fängt an zu zittern oder bricht in einen Wutausbruch aus. Ben säuft. Warum weiß keiner. Bens Vergangenheit bleibt völlig im Dunkeln, ein undurchsichtiger Charakter. Doch wir leiden mit Ben, folgen ihm und beben mit ihm. Auf der anderen Seite Sera, die sich als Prostituierte durch die Nacht schlägt. Sera hat es sicher nicht leicht, nicht nur dass sie diesen furchtbaren Job machen muss, sie wird auch noch von ihrem Zuhälter verprügelt und mit Schnitten bestraft. Wer sind diese Menschen und wie konnten sie nur in diese Lage geraten? Das kann wohl niemand beantworten, aber irgendwie finden diese beiden Menschen, die von der Gesellschaft nicht mehr angenommen werden zueinander. Was am Anfang nur eine gemeinsame Nacht werden sollte entwickelt sich zu Gefühlen. Gefühlen, die beide so noch nie erlebt haben, denn sie sind ehrlich. Zwei Menschen die sich wohl oder übel im Finden verlieren. Die Versuche Ben von seinem Selbstmordplan abzubringen sind zwecklos. Nichts kann ihn davon abbringen und mit jedem Schluck kommt er seinem Ziel näher. Was diese beiden Menschen so verbindet kann man auch nicht beschreiben. Es sind die Umstände und die Unkompliziertheit der extremen Lage. Denn Ben verlangt nichts von Sera, er will seine letzten Tage nur nicht allein verbringen.

‚Leaving Las Vegas‘ ist ein durch und durch depressiver Film, aber dennoch besitzt er diese besonderen Momente in denen man vergessen kann in welcher Lage sich Ben und Sera befinden. Momente, die so ehrlich erscheinen dass man sie fast schon zu ernst nimmt, nur um sich immer wieder dabei zu erwischen wie man selber hofft, dass Ben doch noch die Kurve bekommt. Irgendwie muss es doch gehen! Dabei gibt Figgis dem Zuschauer zu solchen Gedanken zu keiner Zeit auch nur einen Funken Anlass. Figgis bleibt sich treu, verzichtet auf typische Liebesfilmelemente die uns die heilste Welt vorspielen, ganz nach dem Motto „Am Ende ist eben doch immer wieder alles gut, egal wie schwer es vorher auch war“. Von wegen.

Und dann ist man als Zuschauer an dem Punkt angekommen, an dem wirklich jeder von uns bemerkt dass es kein Zurück mehr gibt. Der Punkt, an dem wir die Grenze überschritten haben und der Abgrund immer näher kommt. Es war doch alles so absehbar, alles verlief nach Plan und wir bekamen genügend Zeit uns auf das Ende vorzubereiten. Doch alles hat nichts gebracht, denn das Ende trifft uns wie ein Stich mitten ins Herz. Ein Moment der Abgründigkeit, Schönheit, Liebe und Schmerz verbindet und den Zuschauer schmerzhaft zurücklässt.

Fazit: ‚Leaving Las Vegas‘ ist der trostlose Abschied von einer verlorenen Existenz. Und obwohl es ein Abschied ist, finden sich doch genügend Aspekte für einen Anfang, von etwas Neuem. Durch seine wirklich hervorragenden Darsteller, die bedrückende Inszenierung, die glanzlosen Bilder und natürlich die bestechende Atmosphäre wird ‚Leaving Las Vegas‘ zu einem der schwersten und depressivsten Filme überhaupt. Ehrlich, hart, schmutzig und konsequent. Ein grandioser Film, der trotz seinem durchgehenden Todesthema immer voller Leben und Liebe ist.

„Ich soll aufhören zu trinken? Vielleicht sollte ich auch aufhören zu atmen?“

Bewertung: 9,5/10 Sternen