"Lord of War" (USA 2005) Kritik – Nicolas Cage wird zum größten Waffenhändler

„Es befinden sich weltweit über 550 Millionen Schusswaffen in Umlauf. Das heißt auf diesem Planeten hat jeder 12. Mensch eine Schusswaffe. Das führt zu der einen Frage: Wie bewaffnet man die anderen 11?“

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Wenn wir uns heute vor den heimischen Fernseher setzen und die Nachrichten einschalten, dann begrüßen uns tagtäglich die gleichen Themen: Krieg, Verderben, Mord und Totschlag. An jeder Ecke der Welt gehen die Menschen ihrer verankerten Tötungssucht nach und verursachen ein schockierendes Massaker nach dem anderen. Teil dieser blutigen Kämpfe sind jedoch nicht immer Erwachsene, die eigentlich wissen müssen, was für ein Unheil sie da anrichten, sondern längst gibt es schon ganze Armeen von Kindersoldaten, die in frühster Kindheit aus ihren Familien gezogen werden, eine Gehirnwäsche bekommen und dadurch so manipuliert werden, dass jedes Mitleid und Gefühl für die Mitmenschen gänzlich aus den Körpern getrieben wird. Natürlich sind auch die Beweggründe für derartige Auseinandersetzungen immer verschiedene. Sei es aus religiösen Meinungsverschiedenheiten, politischen Ungereimtheiten oder auch einfach die alte Rivalität zwischen bestimmten Gruppen, die Zeit ihres Lebens den Hass ihrer Vorväter eingetrichtert bekommen haben, ohne selbst den genauen Grund zu kennen. Versteckter Teil dieser Blutbäder sind jedoch immer ganz bestimmte Personen: Die Waffenhändler. Und Regisseur und Drehbuchautor Andrew Niccol hat sich mit seiner Polit-Satire „Lord of War“ 2005 einem solchen Waffenhändler genommen.

Im Restaurant seiner Eltern will Sohnemann Yuri Orlov eigentlich nicht den Rest seines Lebens verbringen, allein deswegen nicht, weil ihm in Amerika ganz andere Möglichkeiten geboten werden, auch wenn die nicht immer im legalen Bereich zu finden sind. Als Yuri mit seinem Bruder Vitali Teil einer Schießerei wird, steht es für Yuri fest: Er muss Waffenhändler werden, um die dicke Kohle zu scheffeln. Nachdem er seine erste Uzi in einem kleinen Hotelzimmer verkauft hat, folgt der Aufstieg im Waffengeschäft schnell. Der Eiserne Vorhang fällt in sich zusammen, der kalte Krieg findet sein Ende und Yuri stehen alle Türen offen, um seine Ware an Diktatoren und sonstige Staatsoberhäupter in rauen Mengen zu verkaufen. Ihm ist es egal, für welche Zwecke seine Waffen eingesetzt werden, Hauptsache die Kasse stimmt am Abend. Als sein Bruder jedoch seiner Drogensucht verfällt, ist Yuri auf sich allein gestellt. Dazu kommt auch noch der Interpol-Agent Valentine, der sich Yuri an die Fersen heftet und nichts lieber tun würde, als ihn endlich hinter schwedischen Gardinen zu sehen…

Als äußerst interessant und gleichermaßen gelungen lässt sich auch die vielseitige Besetzung von „Lord of War“ bezeichnen. Für die Rolle des Yuri Orlov entschied sich Niccols, der auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat, für Nicolas Cage, dessen Ruf in den letzten Jahre ja gewaltige Schläge einstecken musste, sei es auf privater Ebene oder auch auf beruflicher. Mit Nicolas Cage bewegt man sich immer über einen extrem schmalen Grat, denn sein Schauspiel befindet sich entweder im Bereich des peinlichen Overacting („The Wicker Man“) oder er zeigt eine hervorragende Charakterdarstellung („Leaving Las Vegas“). In „Lord of War“ dürfen wir zum Glück Teil von einer seiner besten Karriereleistungen werden, denn selten hat ein Schauspieler die zynischen Spitzen derartig glaubwürdig rübergebracht, ohne auch nur einmal in die Unglaubwürdigkeit abzurutschen. Auch so glänzt Cage mit einer ungemeinen Leinwandpräsenz, die den Zuschauer sofort in seinen Bann zieht. In den Nebenrollen bleibt vor allem Ian Holm als erfahrener Waffenhändler Simeon Weisz im Gedächtnis, der in seinen wenigen Szenen wieder eine hervorragende mimische Präzision an den Tag legt. Aber auch Ethan Hawke als Agent Jack Valentine, Jared Leto als Bruder Vitali und Bridget Moynahan als Yuris Ehefrau Ava liefern gute Vorstellungen ab.

„Es gibt nichts Besseres für einen Waffenhändler als die Kombination von wütenden Soldaten und einem Warenlager voller Waffen.“

„Lord of War“ begrüßt uns mit einem Intro, welches zu den besten der jüngeren Filmgeschichte gehört: Yuri Orlov steht mit Rücken zur Kamera auf einem Meer von Patronenhülsen, dreht sich langsam dem Zuschauer zu, setzt sein zurückhaltendes Lächeln auf, lässt einen der zynischsten Sprüche der Filmgeschichte ab und wir machen uns danach auf den Weg von der Herstellung der Munition bis zum blutigen Einsatz der Menschen. Andrew Niccols zeigt uns in diesen gut fünf Minuten ohne Umschweife, in welche Richtung der Film gehen wird und wirft diese Art auch zu keiner Sekunde der folgenden 100 Minuten ab. Dabei erweist auch die Zeichnung des Hauptcharakters Yuri Orlov, eine fiktive Figur, die sich aus verschiedenen realen Vorbildern zusammensetzt, als äußerst gelungen. Yuri nimmt keinerlei Stellung ein, er ist auf keiner bestimmten Seite zu finden, denn eigentlich steht er nur zu sich selbst. Was bedeutet, dass wir uns als Zuschauer immer zwischen Sympathie und Antipathie für Yuri befinden. Er ist kein Protagonist und auch kein Antagonist, er ist einfach immer mittendrin. Wir begleiten Yuri dann 18 Jahre seiner Karriere, in der er vom kleinen Dealer zum größten Händler der Welt aufsteigt und sämtliche Gemetzel dieser Welt mit seinen Waffen unterstützt hat.

Die politische Kernthematik von „Lord of War“ ist natürlich kaum zu übersehen und setzt immer wieder zu neuen Schlägen gegen den amerikanischen Waffenhandel an, der seine Fühler über die ganze Welt ausstreckt. Allerdings weiß Niccols nicht nur bei dieser kritischen Brisanz zu punkten, sondern auch der hohe Unterhaltungswert ist durchgehend geboten, während „Lord of War“ niemals belehrend wirkt, sondern lediglich informieren möchte, ohne den Zeigefinger auch nur einmal zu schwingen. Die Lacher gehen dabei vor allem auf das Konto der wunderbaren Off-Kommentare, die eine gewaltige Menge Zynismus in sich tragen, den Nagel aber immer wieder auf den Kopf treffen. Der Waffenhandel ist ein dreckiges Geschäft, ohne Frage, aber es ist eben auch ein verdammt lukratives. Andrew Niccol spinnt ein Netz aus bitterbösem Humor, ernüchternder Aktualität und zwischenmenschlichen Problemen, die sich auf die Drogensucht oder die kriselnde Ehre zurückführen lassen. „Lord of War“ zeigt uns die grenzenlose Abartigkeit des Krieges und führt uns genauso vor Augen, dass die Waffenhändler nur die Spitze des Eisberges sind, denn das wahre Übel sitzt in den Regierungen und verschließt die Auge vor alldem, was schmerzen und schaden könnte.

Fazit: „Lord of War“ ist eine mehr als gelungene Polit-Satire, in der sich Unterhaltung, Kritik, Dauerflucht und Familienprobleme verknüpfen und einen großartigen Film erzeugen. Mit viel Zynismus, Humor, Aktualität und auch einer gewissen Prise Dramatik entfacht Regisseur Andrew Niccols ein ernüchterndes wie spannendes Werk, das vor allem von seinem hervorragenden Hauptdarsteller ohne Probleme getragen wird. Dazu gibt es noch die tollen Nebendarsteller, einige der besten Dialoge der letzten Jahre und viel Ehrlichkeit, ohne auf eine unnötige Moralschiene abzudriften.

„Osama bin Laden habe ich nie beliefert. Nicht aus moralischen Gründen, der ließ damals nämlich ständig seine Checks platzen.“

Bewertung: 8/10 Sternen