"Quartett" (GB 2012) Kritik – 60 Jahre und kein bisschen leise

Autor: Stefan Geisler

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„This is not a retirement home, it is a madhouse!“

In Zeiten moderner Medizin, künstlicher Hüftgelenke und dritter Zähne kann man heute erfolgreicher denn je die Folgen des Älterwerdens bekämpfen. Wenn man scherzhaft anmerkt „60 ist das neue 40“, könnte man richtiger nicht liegen, denn wirklich „alt“ ist man mit 60 noch nicht, schließlich liegt die Lebenserwartung des Durchschnittsbürgers in Deutschland momentan bei 80+ Jahren. Viele Rentner sind dabei noch bis ins hohe Alter aktiv, treiben Sport und wollen auch am kulturellen Leben Anteil nehmen. Eine Entwicklung, auf die inzwischen auch die Kinoindustrie reagiert hat, denn noch nie gab es so viele Filme, in denen Menschen gesetzten Alters im Mittelpunkt stehen, wie in den letzten Jahren. Dabei scheint es egal, ob Drama („Liebe“), Action („R.E.D.“ und „The Expendables“), Komödie („Best Exotic Marigold Hotel”), Horror („Cockneys vs. Zombies”) oder Animationsfilm („Oben“), die Generation 50+ steht immer öfter im Fokus. Mit Dustin Hoffmans Regiedebüt „Quartett“ kommt nun die nächste Rentner-Komödie in die Kinos, die uns beweist, dass man auch im Seniorenheim das Leben noch in vollen Zügen genießen kann.

In Beecham House, einem Altersheim für pensionierte Musiker, ist die Aufregung groß, denn wie immer fehlt es am nötigen Geld, um auch in Zukunft die Pforten für Großbritanniens begabteste Alt-Musiker offen zu halten. Um für zusätzliche Einnahmen zu sorgen, planen die Bewohner eine große Gala mit musikalischem Programm, um musikaffine Spender dazu zu bewegen, ihre Geldbörsen zu zücken. Auch Cissy (Pauline Collins), Reginald (Tom Courtenay) und Wilfred (Billy Connolly) wollen sich am Programm beteiligen und proben bereits fleißig für den großen Abend. Doch die Ankündigung eines neuen Gastes bringt Unruhe in die altehrwürdige Seniorenresidenz, denn bei diesem soll es sich um niemand geringeren handeln, als um die berühmte Opernsängerin Jean (Maggie Smith). Diese Koryphäe auf ihrem Gebiet ist nicht nur Reginalds ehemalige Ehefrau, sondern auch das vierte Mitglied des berühmten englischen Opern-Quartetts, bestehend aus Cissy, Reginald und Wilfred. Um das Altersheim zu retten, soll nun das legendäre Quartett reaktiviert und noch ein letztes Mal gemeinsam vor Publikum aufgetreten werden…

Für sein Regie-Debüt hat sich Hollywood-Altstar Dustin Hoffman nicht lumpen lassen und mit Tom Courtenay („Doktor Schiwago“), Billy Connolly („Last Samurai”), Pauline Collins („Ich sehe den Mann deiner Träume”) und Maggie Smith („Harry Potter“) die Crème de la Crème der britischen Schauspielgarde verpflichtet. Hier stimmt einfach die Chemie und besonders Billy Connolly sorgt in seiner Rolle als charmant-lüsterner Sittenstrolch mit Krückstock ein ums andere Mal für ausgelassene Heiterkeit. Zu diesem hochgradigen Quartett gesellt sich eine muntere Truppe von Nebendarstellern, jeder von ihnen eine inzwischen pensionierte Persönlichkeit der englischen Musiker-Elite. Dass die Dreharbeiten Spaß gemacht haben müssen, ist den Schauspielern anzumerken, denn erstaunlich ausgelassen und fidel wirken die nicht mehr ganz jungen Musiker und stellenweise gleicht das muntere Treiben vor der Kamera einem ausgelassenen Klassentreffen.

„Quartett“ lebt von der Energie seiner Hauptdarsteller und die wissen ihre Aufgabe meisterlich zu schultern, glücklicherweise, denn außer einem starken Ensemble hat der Film wenig zu bieten. Die simple Geschichte um ein Altersheim, das mithilfe einer Talentshow gerettet werden soll, ist wenig originell. Statt um eine ausgefallene Handlung, sorgt sich Regisseur Hoffman eher um seine Figuren. Jeder von ihnen kämpft an seiner eigenen Front seinen aussichtslosen Kampf mit den Folgen des Alters. Egal, ob es sich dabei nun um Ereignisse aus der Vergangenheit handelt, die einen nach etlichen Jahren des Schweigens wieder einholen, die Schwere der Knochen, die nur noch von einem Krückstock getragen werden kann, die Trauer um die verflossenen Jahre oder die schleichende Demenz, die in ihrer Tragik nur mit einem Funken Humor genommen werden kann. Wie nah Glück und Trauer gerade an einem Ort wie dem Altersheim zusammenliegen, zeigt sich in „Quartett“ deutlich. Dennoch ist Dustin Hoffmans Regiedebüt ein lebensbejahender Film und eine Aufforderung, aus seinem Leben bis zum letzten das Beste zu machen und sich immer neue Herausforderungen zu suchen. Für diese Lehre dürfte Regisseur Dustin Hoffman wohl selber das beste Beispiel darstellen, hat er sich doch schließlich dazu entschlossen, sich im stolzen Alter von 75 Jahren auch einmal hinter der Kamera zu versuchen.

Fazit: Auch wenn man Dustin Hoffmans Regiedebüt keinesfalls einen originellen Film nennen kann und echte Höhepunkte Mangelware sind, ist und bleibt „Quartett“ ein charmantes Feel-Good-Movie, dass generationsübergreifend für Heiterkeit sorgen dürfte und uns daran erinnert, das Leben bis zum letzten Atemzug voll auszukosten.