Kritik: Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger (USA 2012)

All of life is an act of letting go but what hurts the most is not taking a moment to say goodbye.

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Seit der äußerst gewaltsamen und erfolgreichen Einführung des digitalen, speziell, des 3D-Kinos, warten Publikum wie Feuilleton auf einen Film, der den ästhetischen Möglichkeiten einer dritten Dimension gerecht wird. Die Technik ist zwar uralt, doch erst seit der Digitalisierung ohne Ungereimtheiten möglich. Dennoch birgt die Filmgeschichte bereits zahllose 3D-Filme, deren qualitative Spitzen aber leider sehr rar gesät sind. Selbst Altmeister Alfred Hitchcock distanzierte sich später von seinem einzigen 3D-Film „Bei Anruf Mord“. Selbst angesehene, zeitgenössische Filmemacher wollen nicht so recht auf Tuchfühlung mit der Extra-Dimension gehen. Für viele ist es bloß ein Gimmick. Für andere ist es nur eine Möglichkeit mehr Geld für das Kinoticket zu verlangen. Erst James Cameron wollte alles ändern und bestätigte dennoch die Klischees. Seine 3D-Innovation „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ wurde zum erfolgreichsten Film aller Zeiten und verhalf dem 3D-Kino zu seiner nun anhaltenden Renaissance. Viele Leute lobten zwar die sensationelle Technik, übersahen aber in dem Kontext absichtlich den sehr schwachen Inhalt und so landete Camerons geplantes „Citizen Kane“ des 3D-Films wieder beim Gehalt eines Gimmicks, das den höheren Kartenpreis rechtfertigt. Seit „Avatar“ werden wir mit 3D-Filmen überhäuft, sei es mit nachkonvertierten 2D-Filmen wie „Marvels The Avengers“ oder „Titanic 3D“ oder aufwendig stereoskopisch gedrehten, echten 3D-Filmen wie „Resident Evil 4: Afterlife“ oder nun Ang Lees „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“.

Pi Patel (Suraj Sharma) lebt in Pondicherry, Indien. Seine Familie besitzt einen Zoo. Als die Patels aus politischen Gründen nach Kanada auswandern müssen, landen sie mit ihren Zootieren auf einem Schiff, welches aber leider bei einem schweren Unwetter kentert. Doch Pi kann sich rechtzeitig auf ein Boot retten zusammen mit einem bengalischen Tiger. Beide sind nun ganz auf sich allein gestellt und das auf hoher See.

Wie so viele Bücher in letzter Zeit galt auch Yann Martels gleichnamiger Bestseller als unverfilmbar, doch ganz im Sinne von Stanley Kubrick: „If it can be written or thought, it can be filmed.“, traf das Gegenteil ein und auch kaum ein anderer Regisseur schien geeigneter für dieses Projekt zu sein als Ang Lee, einer der wenigen Künstler, die gänzlich im Hollywood-Kosmos leben können, sich von ihm aber nicht verschlingen lassen und irgendwie immer ihren eigenen Weg finden. Lee konnte sich dieser ungewöhnlichen Geschichte öffnen und besaß gleichzeitig das nötige Know-How um die schieren technischen Ausmaße des Projekts bewältigen zu können. Der enorme Aufwand hat sich definitiv gelohnt. „Schiffbruch mit Tiger“ ist der lang erwartete erste richtige 3D-Film.

Schon der Vorspann zeigt deutlich mit wie viel Sorgfalt Lee und sein Team die dritte Dimension nutzen. In farbenfrohen Zoo-Panormanen voller Vorder-, Mittel- und Hintergründe erscheinen die Schriftzüge nicht wie sonst auf der Leinwand-Ebene, sondern immer mit einer anderen Tiefe und schon die reich verzierte, märchenhafte Schrift signalisiert die Richtung in die Ang Lee mit seinem Film gehen wird. 1938 befand sich das Kino an einem ähnlichen Umbruch. Das Aufkommen des Farbfilms brachte neue Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich. Der Klassiker „Der Zauberer von Oz“ nutzte die neue Technik mit Bravour. Sobald Dorothy das schwarz-weiße Kansas hinter sich gelassen hat und mit ihrem Haus im Land von Oz gelandet ist, wird der Film farbig und zwar so farbig wie es nur Technicolor konnte. „Schiffbruch mit Tiger“ orientiert sich stark an Dorothys Abenteuer. Pi wird ebenso durch einen Sturm aus seiner gewohnten Welt gerissen. Beide Filme handeln nicht nur vom Erwachsenwerden, sondern spielen auch mit den Kräften der menschlichen Vorstellungskraft. Dorothys Kumpanen und ihre Widersacher sind Avatare von Leuten aus ihrer realen Welt. Ähnlich verhält es sich bei „Schiffbruch mit Tiger“, doch geht das Buch wie auch der Film weitaus nachdenklicher mit dieser Prämisse um.

Auf den ersten Blick erzählt sich der Film auf zwei Ebenen, am Ende sind es sogar drei. Das Alter-Ego Yann Martels trifft in Kanada auf Pi Patel, der ihm seine abenteuerliche Geschichte erzählt. Am Anfang springt Lee noch oft zwischen den beiden Ebenen, zum einen um die lästige Exposition hinter sich zu bringen und zum anderen um ein starkes Geflecht zwischen Erzähler und Erzähltem zu erzeugen. Sobald Pi zusammen mit dem Tiger auf dem Rettungsboot ist, taucht der Erzähler gar nicht mehr auf. Erst am Schluss bricht die Erzähler-Ebene wieder in den Film hinein.

Im Vergleich zu seinen vorherigen Arbeiten ist „Schiffbruch mit Tiger“ Lees verspieltester Film, der seinen ganzen Spaß am visuellen Erzählen hat. So verbindet der Schnitt gerne beide Erzählebenen mit komplexen Blenden und Übergängen. Die völlig dynamische Kamera sucht ständig ungewöhnliche Perspektiven und begeistert mit vielen dreidimensionalen Überraschungen. Für Ang Lee ist die 3D-Technik nicht nur ein Schritt hin zu mehr Spektakel. Das Publikum sieht nicht nur länger auf die Leinwand. Es kann sie jetzt auch betreten, wie im Theater. Pis Reise auf dem Meer ist ein bisher ungesehenes visuelles Ereignis, welches nur durch 3D verstanden werden kann. Die Kamera holt uns ins Boot zu Pi und dem Tiger. Wir sind auf dem Meer und unter Wasser. Nichts ist unmöglich.

Erzählerisch ist die reine Survival-Geschichte doch genug, mag man denken. Ganze Filme lassen sich mit der bloßen Frage „Stirbt er/sie oder stirbt er/sie nicht?“ realisieren, wie zuletzt der hocheffektiv gedrehte Thriller „Buried“ mit Ryan Reynolds, doch darum geht es „Schiffbruch mit Tiger“ nur zum Teil. Die Figur des Pi ist kein Durchschnittstyp, der als Projektionsfläche für unseren eigenen Überlebenskampf dient. Die Reise auf dem Meer ist nur ein Teil der Geschichte. Es geht mehr um die Beziehung zwischen dem Tiger und Pi, über den Umgang mit Verlust und die Erforschung der eigenen Seele. Dieser introspektive Zugang ermöglicht auch die äußerst künstliche Inszenierung. Keine Einstellung macht einen Hehl daraus, dass sie aus dem Computer stammt. Realistische Darstellungen interessieren Ang Lee hier nicht. Es gibt leuchtende Quallen, apokalyptische Sonnenuntergänge und surreale Inseln voller Erdmännchen. Diese künstliche Überhöhung erinnert ebenso an den „Zauberer von Oz“ der mit seinen farbenfrohen Studiobauten auch kein Geheimnis aus seiner Künstlichkeit machte.

Ein interessanter Effekt ist sowieso, dass aufgrund der artifiziellen Außenwelt die computeranimierten Tiere umso realistischer aussehen. „Schiffbruch mit Tiger“ steht und fällt mit Richard Parker, dem bengalischen Tiger und das Animationsteam hat hier eine wahre Meisterleistung vollführt, die sogar den erfolgreichen „Planet der Affen: Prevolution“ weit hinter sich lässt.

Ang Lees Film fordert einfach die staunenden Blicke und offenen Münder. Der angeblichen Unverfilmbarkeit der Vorlage begegnet er mit Surrealismus und visuellem Erfindungsreichtum. Man darf sich ohnehin darüber freuen, dass es so eine ungewöhnliche Geschichte überhaupt auf die große Leinwand geschafft hat. Zumal der wunderbare Hauptdarsteller Suraj Sharma hier sein Debüt gibt und völlig unbekannt ist. Bis auf Gerard Dépardieu in einer kleinen Nebenrolle verzichtet der Film völlig auf Stars. Die Geschichte steht im Vordergrund, eine Geschichte über das Erzählen und was Geschichten grundsätzlich mit uns machen, wie sie uns verändern und täuschen können. Ja, wie wir an ihnen wachsen oder zugrunde gehen, aber wenn schon, dann in echtem 3D.