"The Avengers 2: Age of Ultron" (USA 2015) Kritik – Elf Filme und kein bisschen leise

Autor: Jan Görner

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„I know you’re good people. I know you mean well. But you just didn’t think it through. There is only one path to peace… your extermination.“

Beseelt von den besten Absichten aktiviert Tony Stark (Robert Downey Jr.) ein außeriridisches Roboterprogramm, das als Friedensstifter die Avengers überflüssig machen soll. Das Resultat ist der kybernetische Übergegner Ultron (James Spader), der seine Mission als Vernichtung der Heldentruppe missversteht. Unterstützt von den mächtigen Mutantenzwillingen Quicksilver und Scarlet Witch, die ein erbitterter Hass gegen Stark mit Ultron vereint, macht dieser Jagd auf die Avengers, die diesmal jede Unterstützung gebrauchen können, die sie kriegen.

„The Avengers 2“ wirft den Zuschauer dabei ohne viel Federlesen gleich in die Action. Es scheint als wolle Whedon mit dem als Plansequenz realisierten Sturm auf eine Fenstung des exaltierten HYDRA-Schergen Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) eine Kerbe auswetzen, die ihm das etwas behäbige erste Drittel des ersten Teils eingetragen hat. Das Tempo dieses grandiosen Einstiegs vermag das Sequel dabei auf fast den gesamten 142 Minuten beizubehalten. Die Sequenz dient aber auch dazu die verschiedenen Teammitglieder, ihre Fähigkeiten und die Dynamik untereinander ins Gedächtnis zu rufen. Hier zeigt sich auch unmittelbar die große Stärke der Whedon’schen Inszenierung, denn die Chemie zwischen den Stars funktioniert weiterhin tadellos. Insbesondere die Beziehung zwischen Captain America/Steve Rogers (Chris Evans) und Tony Stark/Iron Man (Robert Downey Jr.) wird dabei mehr und mehr durch persönliche und professionelle Differenzen belastet. Hier leistet Whedon Vorarbeit für die Gebrüder Russo, welche 2016 mit „Civil War“ den offenen Bruch zwischen zwei Führungsavengers auf die Leinwand bringen werden. Auch wird Thor (Chris Hemsworth) in einer Vision einem erblindeten Heimdall (Idris Elba) gewarnt, dass nicht alles ist wie es scheint im Reiche Asgard.

Dass „Age of Ultron“ vor „Ant-Man“ (dem Schlussstein von Marvels Phase 2 im Sommer 2015) eine inhaltliche Brückenfunktion zukommt, belastet den Rhythmus des Films dann und wann. Nicht nur muss sich das Drehbuch mit Quicksilver (Andrew Taylor-Johnson), Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) und Paul Bettanys Vision um die Eingliederung des Superhelden-Zuwachses kümmern, auch die Voraussetzungen für die nächsten MCU-Projekte wollen geschaffen werden. Aufällig dabei ist einmal mehr, wie sorglos mit der Bezugnahme auf frühere Projekte umgegangen wird. Zwar bezieht sich einiges auf den Untergang von S.H.I.E.L.D. in „Winter Soldier“. Dass sich Tony Stark aber eigentlich in „Iron Man 3“ zur Ruhe gesetzt hatte, wird mit keiner Silbe erwähnt. Vielmehr wird bspw. Pepper Potts‘ (Gwyneth Paltrow) Abwesenheit in einer dahingeworfenen Schnurre abgehandelt. Eine verpasste Chance, gerade weil hier Tonys ambivalente Beziehung zu seiner Heldenpersönlichkeit hätte wiederspiegeln können, zumal ihn nun wieder der nur nicht so deutlich formulierte Wunsch umtreibt, die Superhelden-Rüstung an den Nagel zu hängen. Schließlich war es ursprünglich Ultrons Aufgabe, den Job der Avengers zu übernehmen.

In einem vorab veröffentlichten Interview sagte Regisseur Joss Whedon über „Avengers 2“, dass es ein kleinerer, intimerer Streifen sei als der Vorgänger. Dieser Eindruck will sich beim teils etwas aufdringlich wirkenden Auftrieb der Marvel-B-Riege jedoch nicht so recht einstellen. Peggy Carter (Haley Atwell), Erik Selvig (Stellan Skarsgård) oder Anthony Mackie als Falcon absolvieren Auftritte, die sich mal mehr, mal weniger homogen Handlung einfügen. Allein Don Cheadle als War Machine kommt eine etwas größere Rolle zu, welche im zweiteilgen „Infinity War“ (2018/19) hoffentlich noch wachsen wird. Andererseits beweisen Buch und Regie großes Gespür, wenn es um die Beziehung zwischen Natasha Romanoff/Black Widow (Scarlett Johansson) und Captain America sowie Bruce Banner/Hulk (Mark Ruffalo) geht. Diese wird elegant-unthetralisch in die Handlung eingebaut. Ebenso organisch ergibt sich die Charaktervertiefung, die Jeremy Renners Hawkeye erfährt. Zwischen den widerstrebenden Motivationen der Helden kommt ihm, nachdem er im vorherigen „Avengers“-Abenteuer die Hälfte der Zeit unter fremder Kontrolle stand und dabei naturgemäß blass geblieben war, der Part des Jedermanns zu. Wir lernen Clint Barton als einen Mann kennen, der einfach seine Arbeit tut und pünktlich zum Abendessen zuhause sein will. Allerdings leidet die Leichtfüßigkeit, welche „Avengers“ zum vergnüglichsten Kinoausflug 2012 werden ließ. Zwar ist „Age of Ultron“ bei weitem nicht so düster wie Marvels Netflix-Serie „Daredevil“, aber die One-Liner sitzen bei weitem nicht so locker wie im Vorgänger oder dem letztjährigen MCU-Triumpf „Guardians of the Galaxy“ (zu dem lediglich die After-Credit-Scene eine lose Verbindung etabliert).

Die Vertrautheit, welche der Zuschauer zu den Figuren aufgebaut hat, resultiert auch aus der Chemie der Charaktere und ihrer Darsteller untereinander. Denn trotz des oben beschriebenen Ballasts einer nicht zum Schluss durchgeplanten Kontinuität profitiert „The Avengers 2“ als elfter Eintrag in Marvels Kinokosmos auch enorm von der Aufbauarbeit seiner Erblasser. Die etablierten Darsteller pflegen ihre Rollen ansprechend und auch Taylor-Johnson und Olsen geliegt der Einstieg ins Team größtenteils reibungslos. Auch wenn gerade der „Godzilla“-Star Johnson weiterhin mit Händen und Füßen spielt.

Wie bereits erwähnt, ist „Avengers: Age of Ultron“ rasantes Spektakelkino, wie man es von einem geschätzen Budget von 250 Mio. Dollar erwarten darf. Der einstige Indie-Filmer Whedon kommt dabei zum Teil gefährlich nah an Überwältigungswerke wie Michael Bays „Transformers“-Reihe. Ein klarer erzählerischer Zugriff und effiziente Charakterpflege verhindern jedoch, dass das zweite All-Star-Treffen der Marvelhelden zu einer langweiligen Effekt-Kanonnade verkommt. „The Avengers 2“ mag der Humor und die Frische des ersten Teils zwar abgehen, insgesamt fügt er sich aber gut in die an Höhepunkten nicht armen zweite Phase des MCU ein. Ermüdungserscheinungen jedenfalls scheint dieses Comic-Multiverse auch mit der wachsenden Konkurrenz des ehemaligen Platzhirschen Warner-DC nicht zu kennen.