Kritik: The Salesman (FR, IR 2016)

© Memento Films

I like to bring a loader and ruin all of this city.

Das iranische Kino fristet in unserer westlichen Gesellschaft schon seit Jahren ein Schattendasein. Viele ansprechende Beiträge finden ausschließlich auf Festivals statt, doch abseits einiger namhafter Regisseure trifft man auch dort kaum auf relevantes Material. Umso schwerer wiegt dabei der letztjährige Verlust Abbas Kiarostamis, einem der großen Visionäre des Weltkinos. Diese geringe Präsenz liegt natürlich nicht nur an unseren Sehgewohnheiten, sondern auch an den erschwerten Produktions- und Vertriebsbedingungen im Nahen Osten. Man denke nur an Jafar Panahi, der es trotz Berufsverbot geschafft hat den letztjährigen Berlinale Gewinner Taxi Teheran zu drehen und anschließend außer Landes zu schmuggeln. Leichter hat es da Asghar Farhadi, der nach seinem Oscargewinn mit Nader und Simin – Eine Trennung sogar zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres gewählt wurde. Mit The Salesman hat er nun die Chance seinen Triumph zu wiederholen, denn dieser gilt als Hauptkonkurrent der deutschen Oscarhoffnung Toni Erdman bei der diesjährigen Verleihung.

Ob nun mit oder ohne Goldjunge, seine Qualitäten kann man dem Beziehungs-/Rachedrama kaum absprechen. Gewohnt ruhig gewährt uns Farhadi einen Einblick in das alltägliche Leben im Iran, erzählt von der Beziehung der beiden jungen Schauspieler Emad (Shahab Hosseine) und Rana (Taraneh Alidoosti) und findet dabei schnell passende Konflikte, die zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt wirken. Gleich in der ersten Szene bricht ein Tumult los, ihr Wohnhaus droht einzustürzen und so machen sich eine Vielzahl von Familien an die Evakuierung. Schon ihr Umgang mit der Situation offenbart massive Unterschiede zu unserer Gesellschaft, die Suche nach einem neuen Heim und der Verlust des gewohnten Lebensraums wird ohne großes Aufsehen hingenommen. Das zeugt einerseits von einer gewissen Normalität, einer Regelmäßigkeit aufgrund derer man stets mit solchen Eventualitäten zu rechnen hat und andererseits auch von einem nicht sonderlich stark ausgeprägten Heimatgefühl.

Diese Entwurzelung zu Beginn speist den zentralen Konflikt des Films. In ihrer neuen Wohnung angekommen, kommt es zu einem Unglück. In der Erwartung ihres Mannes lässt Rana die Haustüre offenstehen und zieht sich daraufhin ins Badezimmer zurück. Als Emad dann kurze Zeit später wirklich nach Hause kommt, findet er Blutspuren vor und erfährt von seinen Nachbarn, dass seine Frau mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Verantwortlich dafür ist ein unbekannter Mann, der, so die Annahme, zur Vormieterin der Wohnung wollte, die ihr Geld durch Prostitution verdient hat. Schnell offenbart sich hierbei ein politischer Diskurs, den Farhadi ansonsten sehr beiläufig und subtil verhandelt hat. Fortan geht es stark um die Rolle der Frau im Iran, wie geht sie und ihr Umfeld mit der Situation um? Erneut kommt dem Film dabei Farhadis feinfühlige und realitätsnahe Charakterzeichnung zu Gute, welche den Film über weite Strecken zu einer mitreißenden und glaubhaften Angelegenheit macht.

Lediglich gegen Ende verliert sich der Film immer mehr in der männliche Perspektive und konzentriert sich verstärkt auf Emads Rachegedanken. Mit der Ausführung der selbigen scheint Farhadi jedoch etwas übers Ziel hinauszuschießen und so drängt er seinen Film in eine Richtung, die ihm augenscheinlich weniger guttut. Zwar sind diese Momente in ihrer Stimmung nicht weniger bedrückend als der restliche Tenor des Films, doch findet die Zuspitzung der Ereignisse auf eine Art statt, die weniger natürlich als der vorangegangene Film wirkt. Auch die Einbindung des titelgebenden Theaterstücks, welches die beiden Protagonisten aufführen, erweist sich als fragwürdig. Denn obgleich sich durchaus bestimmte Motive decken, so hat Der Tod eines Handlungsreisenden doch sehr wenig mit der eigentlichen Geschichte des Films gemein.