"Tyrannosaur" (GB 2011) Kritik – Eine vernarbte Liebesgeschichte

„Gott ist nicht mein beschissener Daddy.“

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Immer häufiger wird man heute in der Filmwelt mit dem Begriff „kontrovers“ konfrontiert. Aber was versteckt sich hinter besagtem „kontroversem Kino“? Nun, dass könnte mehrere Bedeutungen haben, doch in einem Fall kann man es immer auf einen Nenner bringen: es handelt sich dabei grundsätzlich um schwere filmische Kost. Tabuthemen werden nicht nur angedeutet, sondern ausgeleuchtet. Abgründe offenbaren sich, verstören den Zuschauern, treffen ihn dort, wo es weh tut und doch sind diese Filme extrem ehrlich. Man kann über sie Diskutieren oder ihnen einfach aus dem Weg gehen. Keine aufgesetzte Rührseligkeit und kein feiger Selbstschutz. Gemeint sind damit zum Beispiel Sachen wie ‚Ex Drummer‘, ‚Mysterious Skin‘ oder auch ‚Irreversibel‘. 2010 kam diese besondere Reihe einen neuen Vertreter: ‚Tyrannosaur‘. Und auch er hat sich seinen kontroversen Titel redlich verdient, denn Regisseur Paddy Considine inszenierte hier ein intensives wie unverblümtes britisches Kraftpaket.

Joseph kann sich nicht kontrollieren und seine Wutausbrüche zerstören all das, was er sich versucht aufzubauen. Jede zwischenmenschliche Beziehung und gerade sich selbst zerbricht er damit. Als er jedoch Hannah kennenlernt, scheint sich das Blatt endlich zu wenden und beide finden ineinander jemanden, dem sie sich nähern können. Doch Hannah führt ebenfalls ein schweres Leben und lebt in einer äußerst demütigenden und gewalttätigen Ehe…

Als Joseph begeistert ein unglaublich vielschichtiger Peter Mullan, der hier zur Hochform aufläuft und jede Facette seines Charakters mit einmaliger Intensivität ausspielt und den Zuschauer mit seiner aufopferungsvollen Darstellung einfach mitreißt. Ebenfalls fantastisch ist auch Olivia Colman als Hannah, die den genialen Gegenpart zu Mullan gibt und sich mit ihm grandios ergänzt. Ihre Verletzlichkeit und Sensibilität machen ihre Figur zu einer ganz besonderen und Colman bleibt mit ihrer sensiblen Darstellung nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen. Als Hannahs Ehemann James ist ein großartiger wie abstoßend sadistischer Eddie Marsan zu sehen, der seine recht kleine Rolle sehr stark entfaltet.

Jeder von uns ist einmal richtig wütend. So wütend, dass er seine Aggressionen sind selten einfach an unschuldigen oder leblosen Dingen auslassen muss. Wir alle tragen Gewalt und Zorn in uns, das hat uns auch schon Stanley Kubrick in ‚Uhrwerk Orange‘ unmissverständlich verdeutlicht. Zwar lassen wir diese im besten Fall nicht richtig raus und besinnen uns auf die Ruhe, doch immer klappt das natürlich nicht. Manchmal muss man ausrasten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Doch was ist, wenn man immer Hass in sich trägt? Wenn man seine Wut nicht mehr kontrollieren kann und seine Mitmenschen mit in seinen eigenen tobenden Strudel zieht? Man zerbricht einsam und elendig an sich selbst. Hass ist Ballast. Das war so und wird immer so sein.

Mit Joseph bekommen wir es mit einem solchen Menschen zu tun, dessen Inneres erdrückt von Tonnenschweren Felsbrocken ist. Er prügelt sich, hat seine Wutanfälle längst nicht mehr im Griff und besäuft sich immer wieder hemmungslos. Nicht nur Menschen leiden unter ihm, sondern auch unschuldig Tiere, die er ohne Rücksicht in seiner Tobsucht bestraft. Am meisten leidet Joseph jedoch unter sich selbst und es scheint so, als hätte er jede Ausfahrt für eine Besserung verpasst. Bis er Hannah kennenlernt, die in einem christlichen Laden arbeitet und keine Vorurteilte gegen Joseph hat. Sie betet für ihn, er verspottet sie und verschwindet wieder. Doch er kehrt zurück zu ihr wegen seiner Schuldgefühle. Selbsthass und Reue. Eine zarte, fast unbemerkbare Liebe entwickelt sich zwischen den beiden. Was Joseph noch nicht weiß: Hannah hat es ebenfalls nicht leicht im Leben und leidet unter ihrem Ehemann James Höllenqualen. Wenn James auf Hannah uriniert, während sie auf der Couch schläft, zählt das zu den schlimmsten Szenen überhaupt, denn diese emotionale Demütigung, die dieser Moment ausstrahlt, ist kaum in Worte zu fassen. Doch das ist nicht alles. Er verprügelt sich brutal und vergewaltigt sie. Immer wieder. Diese beiden geplagten Menschen finden im eigenen, aber unterschiedlichen Schmerz zueinander.

‚Tyrannosaur‘. Eine Geschichte über die Liebe, jedoch ohne jegliche Liebesgeständnisse, gespitzte Lippen, Kitsch oder verträumte Liebkosungen. Viel mehr erweist sich der Film als eine Studie über zwei zerrissene Menschen, die allein durch Blicke erzählt wird. Ein angedeutetes Lächeln und eine kleine Regung sind hier die Auslöser für eine emotionale Lawine. Wir begleiten die beiden Verlorenen auf eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelt. Der Schmerz, die Erniedrigungen, die Ehrlichkeit und der winzige Hoffnungsschimmer, der zwar nur selten aufkommt, aber vertreten ist, bestimmten den Film. Das hässliche Leben in seiner ganzen Bitterkeit nimmt sich was es will und wer denkt, diese Menschen würden sich im Laufe der Geschichte grundlegend verändern, der täuscht sich. Man wird immer wieder zurück in die alten Muster gedrückt und ein Schlag in die Magengrube folgt dem nächsten. Gerade die Szene, in der Joseph erzählt, warum er seine Frau nach einem Dinosaurier genannt hat, erscheint auf den ersten Blick wie ein Beleidigung, doch wer sich auf den Film eingelassen hat und ihn auch verstanden hat, wird bemerken, dass dies wohl eine der intimsten Szenen überhaupt war. ‚Tyrannosaur‘ ist mit Sicherheit kein leichter Film, denn die tiefe emotionale Härte und die eindringliche Kompromisslosigkeit schmerzen. Aber es ist auch ein Film, der uns, egal wie brutal die Zeit war, den letzten Schritt selbst machen lässt und die Schlusseinstellung zählt hier zu den besten überhaupt.

Fazit: ‚Tyrannosaur‘ ist die erhoffte schwere Kost. Kein Film den man ich zwischendurch mal anschauen kann, sondern viel mehr ein tiefgängiges und aufrüttelndes Drama über zwei hilflose Menschen, die sich finden und zusammen kämpfen. Man muss wissen, worauf man sich mit ‚Tyrannosaur‘ einlässt, doch wer sich mit dem Film auseinandersetzt, der bekommt ein kraftvolles Geschenk mit tollen Darsteller und unverblümter Inszenierung. Ein schwerer Ritt durch die Gefühle.

Bewertung: 8/10 Sternen