"Viva Riva" (Kongo 2010) Kritik – Auf den Straßen der Gewalt

„Geld ist wie Gift. Es bringt dich um.“

null

Wenn man Afrika aus filmischer Sicht betrachtet, dann wird man lange Zeit keine großen Erfolge finden. 2005 machte sich Südafrika mit ‚Tsotsi‘ bemerkbar und der Oscar für den besten ausländischen Film folgte. Fünf Jahre später, im Jahr 2010, dürfen wir uns wieder über ein afrikanisches Highlight freuen. Dieses Mal aus dem Kongo. Mit dem Crime-Thriller ‚Viva Riva‘ inszeniert Djo Tund wa Munga seinen ersten Langfilm und kann mit viel Authentizität auffahren, muss allerdings klare Abstriche in der Charakterzeichnung machen.

Das dreckige kongolesische Straßenleben wird von Kameramann Antoine Rooh in grobe und kraftvolle Bilder verpackt und überträgt den brodelnden Alltag der Hauptstadt stark auf den Zuschauer. Die Musik von Louis Vyncke & Congopunq passt sich genau dem Film an und zeichnet sich vor allem durch die typischen Buschtrommeln aus, die mit einem elektronischen Touch unterlegt wurden. Die Atmosphäre selbst lässt keine Wünsche offen und schafft es schnell, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Munga setzt bei seinen Darstellern auf Laien. Dabei legte er besonderen Wert darauf, Menschen direkt von den Straßen zu engagieren. Patsha Bay Mukuna darf die Hauptrolle Riva spielen. Mukuna zeigt eine durchaus gute Leistung, man merkt ihm allerdings an, dass er keine Erfahrung im Spielfilmbereich hat und manchmal nicht recht weiß, wie er nun mit der geforderten Emotion umgehen soll. Manie Malone als Schönheit Nora kann zwar durch ihr Aussehen schnell die Blicke auf sich ziehen, schauspielerisch kommt allerdings wenig von ihr und sie bleibt so eher blass. Am stärksten kann Hoji Fortuna als betrogener und kompromissloser Gangsterboss Cesar aufspielen und füllt seinen widerlichen Charakter überzeugend aus. Als lesbische Commandate, die vor allem am Ende eine wichtige Rolle spielt, ist Marlene Longage zu sehen. Sie kann sich in ihrer Rolle allerdings nur bedingt entfalten und bleibt auch eher unauffällig.

Riva kehrt nach 10 Jahren Angola wieder zurück in seine Heimatstadt Kinshasa. Mit den Taschen voller Geld schlägt er sich nachts durch die verschiedensten Clubs der Stadt. Das Geld hat er jedoch seinem ehemaligen Chef Cesar unterschlagen und dazu hat er noch einen ganzen LKW voller Benzinfässer mitgehen lassen. Und Benzin ist in Kinshasa von unbezahlbarem Wert. Das lässt sich Cesar natürlich nicht gefallen und will Riva ausfindig machen. Zudem will Riva auch noch die schöne Nora für sich gewinnen, obwohl die mit einem der größten Gangster der Stadt zusammen ist.

Wir tauchen mitten in das Straßenleben ein. Hier badet alles im Schmutz und Abfall. An jeder Ecke stehen Prostituierte, darunter auch viele Minderjährige und Kinder, die ihren Körper für mieses Geld missbrauchen lassen, nur um irgendwie über die Runden zu kommen. Für sein Essen muss man hier kämpfen, die eigene Familie kann man nur mit einem 20 Stunden Arbeitstag gerade so ernähren. Das Land ist gezeichnet durch Kriege, verschiedene Engpässe im Lebensmittel- und Energiebereich und die Armut. Diesem Elend wollte Riva einst entkommen und ging nach Angola. Zwar kam er mit Geld zurück, doch rechtmäßig ist es nicht.

Im Kongo gibt es nur zwei Arten von Menschen. Die Armen und die Reichen. Eine Mittelschicht ist nicht vorhanden, während die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Riva, einer der armen Träumer von damals, wollte immer zur gehobenen Klasse gehören. Das hat er nun geschafft. Ein gemachter Mensch ist er jedoch sicher nicht. Nachts zieht er durch die Clubs und lässt sich vom flackernden Licht und harten Beats hypnotisieren, um dann im Schoß einer Prostituierten zu versinken. Doch wenn der Tag wieder anbricht, ist Riva nur noch einer von vielen. Ein Niemand. Ziele im Leben hat er keine, er will die hübsche Nora für sich gewinnen. Mehr nicht. Cesar und seine Schergen gehen jedoch ohne Probleme über Leichen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Riva den Kopf in Cesars Schlinge hat.

Dass Regisseur Munga aus dem Dokumentarfilmbereich kommt, merkt man ‚Viva Riva‘ schnell an. Ohne zu verurteilen zeigt er das trostlose und menschenunwürdige Leben. Kriminalität gibt es überall. Hier schreckt niemand vor Mord zurück, denn das Leben selbst hat nur noch für wenige eine Bedeutung. Riva gehört da auch nicht mehr dazu. Ob er stirbt oder nicht, ist ihm letztendlich egal. Sein Familienleben ist zerstört, Liebe hat keinen Platz und sein bester Freund verrät ihn.

Als Zuschauer haben wir so auch keine richtige Bezugs- und Identifikationsperson. Wir können uns weder in diese Menschen hineinversetzen, noch verstehen. Wir sehen diese furchtbaren Umstände und sind schockiert von der Sache selbst. Doch das Mitfühlen wird uns an dieser Stelle nicht erlaubt. Dafür ist Mungas Charakterzeichnung auch noch zu unausgereift und etwas zu abgeharkt, wie der Film in manchen Momenten auch. Richtige Vielschichtigkeit können wir hier also nicht erwarten, kalt lässt uns der Film aber sicher auch nicht. Das liegt aber vor allem an der authentischen und realistischen Umsetzung, die den Zuschauer immer packen kann. Man merkt, dass Munga dieses Leben bekannt ist und er in seiner expliziten Darstellung nicht übertreibt.

Damit sind sowohl Gewalt- als auch Sexszenen gemeint. Die Brutalität ist schonungslos und der Sex ist freizügig. Wobei man an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen muss, dass die Sexualität klar überhandnimmt und klar gezeigt wird. Irgendwo muss die FSK 18 ja auch herkommen. Das Ganze wirkt dabei aber niemals aufgesetzt oder gezwungen, sondern passt zu dem Bild, welches uns der Film vermitteln will. Ein realistischer Blick auf ein Land, das von Korruption, fehlenden Strukturen, Leid und schlimmer Armut regiert wird. Das verdeutlicht ‚Viva Riva‘ in jedem Fall. Vielleicht schafft er es auch, irgendetwas zu bewirken, wobei das dann wohl eher verlorenes Wunschdenken ist.

Fazit: ‚Viva Riva‘ ist brutales und freizügiges Crime-Kino voller Impulsivität und Kraft. Mit guten und größtenteils glaubwürdigen Darstellern, einer tollen Atmosphäre, passender Musik und Mungas guter Inszenierung wird ‚Viva Riva‘ zu einem ehrlichen Film, der uns keine heile Welt vorspielen will oder irgendetwas verfälscht. Leider ist die Charakterzeichnung zu unausgeglichen und wackelig. Dennoch bleibt ‚Viva Riva‘ ein guter Film und bringt etwas frischen Wind in das inzwischen angestaubte Genre.

„Ich will nichts damit zu tun haben.“

Bewertung: 7/10 Sternen

Kinostart ist der 15. März.