Cannes 2021 – Rückblick & Kurzkritiken (u.a. zu Audiards Les Olympiades)

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Wie schnell ein elftägiges Filmfestival vergehen kann, davon legt auch die diesjährigen 74. Cannes-Ausgabe Zeugnis ab. Es macht mir einfach immer wieder eine Freude, den ganzen Festivaltrubel zu erleben und Diskussionen mit Leuten aus aller Welt über die diverse Masse an Filmen zu führen. Allerdings habe ich dieses Mal nur 33 Filme geschaut, um auch noch Zeit für andere Dinge zu haben. Zum Beispiel, um an den Strand zu gehen. Vor allem aber, um meine Eindrücke vor Ort mit euch als Instagram-Story zu teilen oder um auch mal mit Christian Eichler zu podcasten. Gemeinsam mit ihm werde ich dann heute nach der Spätvorstellung um 22:30 Uhr übrigens noch eine kurzen Einblick in den neuesten Film Gaspar Noé geben. In Vortex wird sich das französischen Enfant Terrible (Irreversibel, Climax*) den letzten Tagen eines an Demenz erkrankten älteren Paares widmen. Altmeister Dario Argento (Suspiria) spielt die Hauptrolle. Ein diskutabler Film ist damit zum Abschluss des Festivals vorprogrammiert.

Wahrscheinlich hätte ein Film wie Vortex (zeigen wird sich das natürlich erst heute Abend) dem Festival schon frúher gut zu Gesicht gestanden, da sich das diesjährige Programm leider hauptsächlich durch ziemlich mutlose Regiearbeiten auszeichnet. Die herausstechenden Highlights: Julia Ducournaus Titane (meine Kritik) und Paul Verhoevens Benedetta (meine Kritik). Auf die Filme, über die in Kürze eh keiner mehr sprechen wird, möchte ich gar nicht mehr eingehen. Stattdessen hier noch die kleineren bis größeren Highlights, welche ihr euch bedenkenlos für einen baldigen Kinobesuch vormerken könnt. Ein Meisterwerk gab es dieses Jahr bisher leider nicht in Cannes zu bestaunen. Eine komplette Übersicht meiner Bewertungen findet ihr übrigens auf Letterboxd und zu allen bisherigen Cannes-Artikeln gelangt ihr hier.

Asghar Farhadis A Hero

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Ethisches Kino, lebensnah, bewegend, mit ambivalenten Charakteren und ohne einfache Antworten: So lässt sich Asghar Farhadis bisherige Filmografie bestens zusammenfassen. Eingebracht hat ihm dies bereits zwei Oscars für den besten fremdsprachigen Film, 2012 für Nader und Simin – Eine Trennung. sowie 2017 für The Salesman. Ebenfalls sehr sehenswert, das französischsprachige Drama Le Passé – Das Vergangene aus dem Jahr 2013. Nun war es deswegen ja nicht anders zu erwarten, dass uns auch mit A Hero wieder besonderes Kino erwarten sollte, und Ashgar Farhadi ist wirklich ein weiteres äußerst sehenswerter Heimatdrama gelungen, welches von Rahim erzählt, der im Gefängnis sitzt, weil er seine Schulden nicht zurückzahlen konnte. Während eines zweitägigen Urlaubs versucht er, seinen Gläubiger davon zu überzeugen, die Klage gegen Zahlung eines Teilbetrags zurückzuziehen. Doch die Dinge laufen nicht wie geplant. Und dann spielt da auch noch Finderlohn eine zentrale Rolle. A Hero ist Irans sozialkritische, deutlich weniger unterhaltsame Antwort auf No Country for Old Men und überzeugt vor allem durch das Drehbuch sowie die fantastischen Schauspieler. Der Preis für den besten Schauspieler sollte in Cannes dieses Mal an Amir Jadidi gehen!

Jacques Audiards Les Olympiades

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Eines meiner absoluten Festivalhighlights ist dann doch wieder der neue Film von Meister Jacques Audiard geworden, der 2009 absolut verdient für das Meisterwerk Ein Prophet mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Weniger verständlich hingegen war die Verleihung der Goldenen Palme im Jahr 2015 für seinen bisher mit Abstand schwächsten Film Dheepan. Les Olympiades begeistert nun wieder ab der ersten Sekunde: Aus der Luftperspektive führt uns die Kamera in das multikulturelle 13. Pariser Arrondissement ein, es ist eine spektakuläre Momentaufnahme, welche an die Eröffnungsszenen von Ridley Scotts Blade Runner und Woody Allens Manhattan erinnert. Und auch insgesamt ist Les Olyampiades ein in famose schwarz-weiß-Bilder gehülltes Drama voller inszenatorischer Raffinessen und erzählt dabei ganz leichtfüßig von drei jungen Erwachsenen auf der Suche nach sich selbst. Bereits in Der Geschmack von Rost und Knochen widmete sich der französische Regisseur zwei verlorenen Seelen (Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts), die nur gemeinsam wieder zurück ins Leben gefunden haben. In Les Olympiades verhält es sich ähnlich: Die Protagonist*innen benötigen einander, denn nur mit gemeinsamen Erfahrungen wird jede*r zu sich selbst finden können. Les Olympiades erinnert in dieser Hinsicht sehr an einen weiteren Beitrag im diesjährigen Cannes-Wettbewerb: Joachim Triers The Worst Person in the World. Auch in diesem begleiten wir eine junge Erwachsene Frau bei der Suche nach sich selbst. Ein schöner Film, doch bei Les Olympiades zeigt sich einfach, dass Jacques Audiard ein Meister seines Fachs ist, denn er bringt die zwischenmenschlichen Abenteuer seiner Schützlinge inszenatorisch nochmal auf ein ganz anderes Level. Der letzte in solch betörend schöne Schwarz-Weiß-Bilder gehüllte Film war wahrscheinlich Michael Hanekes Das weiße Band (2009). Hier geht es zum ersten Trailer von Les Olympiades.

Apichatpong Weerasethakuls Memoria

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Ein Film, den man definitiv als einmalige Erfahrung ans Herz legen kann, ist Memoria von Apichatpong Weerasethakul. Doch muss man auch wirklich wissen, worauf man sich bei dem thailändischen Regisseur einlässt, nämlich auf meditatives Slow Cinema in seiner extremsten Form. Die obige Einstellung, in welcher eine brillant-minimalistisch aufspielende Tilda Swinton (wann ist sie eigentlich nicht fantastisch) auf einen kolumbianischen Bauern trifft und mit ihm über das Leben philosophiert, dauert bestimmt zehn Minuten an, ohne dass die Kamera die Perspektive wechselt. Eine der schönsten Filmszenen der letzten Jahre. Für mich war es die erste Erfahrung mit dem Kino Weerasethakuls (Cemetery of Splendour*) und ich möchte mehr von seinen Visionen sehen. Und das, obwohl Memoria teilweise echt so dermaßen anstrengend inszeniert ist und auch die eine oder andere Szene dabei ist, in welcher der limitierte Einsatz der filmischen Mittel argt selbstzweckhaft wirkt. Eine zweite Goldene Palme (2014 für Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben*) wird es dafür wohl nicht geben, trotzdem sollte man sich diese philosophische Grenzerfahrung nicht entgehen lassen, wenn man mal auf der Suche nach einem komplett anderen cineastischen Erlebnis ist. Hier geht es zum Trailer.

Sean Bakers Red Rocket

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Der us-amerikanische Independent-Regisseur Sean Baker ist dieses Jahr zum zweiten Mal in Cannes vertreten, dieses Mal sogar im Wettbewerb. Gut, die goldene Palme wird auch er nicht gewinnen, denn Sean Baker fehlen mit seinem dritten Film nach Tangerine L.A.* und The Florida Project* die neuen Höhen, welche er jetzt langsam erklimmen sollte. Es ist wieder ein Film, der von Außenseitern der amerikanischen Gesellschaft erzählt, ohne Beschönigungen, realistisch und lebensnah und mit dem typischen Humor, der bereits Bakers beide ersten Regiearbeiten auszeichnete. Mikey Saber ist ein gealteter Pornostar, der ohne Geld in der Tasche in seine kleine Heimatstadt in Texas zurückkehrt. Doch dort möchte ihn niemand wiedersehen. Dies bringt ihm jedoch nicht von seinem Traum ab: Um schnellstmoglich wieder Richtung Kalifornien abhauen zu können, beginnt er Gras für eine lokale Händlerin zu verkaufen. Als er dann auch noch auf die junge Strawberry trifft, die in einem Donutladen arbeitet und sich schnell in Mikey verliebt, glaubt er mit ihr sogar die Eintrittskarte gefunden zu haben, um im Pornobusiness von Los Angeles, gemeinsam mit ihr, erneuten Ruhm zu erlangen. Herausgekommen ist ein humorvoller Film, über Chancen im Leben, tief aus dem Herzen Amerikas erzählt. Jetzt darf Sean Baker gerne die nächste Stufe besteigen, er hat einfach das nötige Talent, um in Zukunft ganz große Filme zu drehen!

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