Kritik: Hereditary – Das Vermächtnis (USA 2018)

„You didn’t kill her. She isn’t gone.“

Die Pressevorführung von Hereditary – Das Vermächtnis hielt eine Überraschung für die anwesenden Filmkritiker bereit, denn neben dem üblichen Freigetränk stand ein frischgebackener Kuchen im Kinofoyer, in dem ein großer Zettel mit der Aufschrift „Kann Spuren von Nüssen enthalten“ steckte. So recht wollte sich keiner an die wohlig dampfende Köstlichkeit wagen. Kuchen im Vorfeld einer Horrorfilm-Pressevorführung? Irgendetwas konnte da nicht stimmen. Nachdem jedoch die ersten Kollegen probiert hatten und nicht mit Bauchkrämpfen auf der Toilette verschwunden waren, griff ich beherzt zu. Ein gewisses Grundmisstrauen jedoch blieb zurück. Was sollte der Nusskuchen mit dem nun folgenden Screening zu tun haben? Die unappetitliche Antwort darauf sollte ich während des Films erhalten (Ich hätte den Kuchen aber auch nach besagter Szene gegessen). Somit hat der köstliche Einstiegswitz im Vorfeld der Pressevorführung bereits den ersten von vielen Foreshadowing-Momenten geliefert – eine Kunst, die selten so gut eingesetzt wurde, wie im Regie-Debüt des Regisseurs Ari Aster. Der Newcomer legt seinen Zuschauern eine Spur von kryptischen Hinweisen, die Handlungs- und Figurenentwicklungen vorwegnehmen und einen dennoch nicht vollständig auf das Chaos vorbereiten können, das letztlich über die Protagonisten hereinbricht. Hereditary – Das Vermächtnis ist ein filmisches Puzzlespiel, in welchem der Teufel wahrlich im Detail steckt.

Durch den Tod ihrer Mutter wird die Modelbauerin Annie Graham (Toni Collette) gehörig aus der Bahn geworfen. Eigentlich hätte die Beerdigung der dominanten Matriarchin auch ein Moment der Befreiung sein können, doch stattdessen versinkt die Familie Graham zunehmend im Chaos. Während Annie unfähig scheint, sich der eigenen Trauer zu stellen, droht Sohnemann Peter (Alex Wolff) den Boden unter den Füßen zu verlieren und unter Schul- und Familiendruck zu zerbrechen und auch im Haus häufen sich die mysteriösen Vorkommnisse. Über der Familie scheint ein Fluch zu liegen, ausgelöst durch den Tod der Großmutter, deren furchterregendes Vermächtnis langsam ans Tageslicht dringt…

Hereditary – Das Vermächtnis fühlt sich ein wenig so an, als hätte Regievirtuose Wes Anderson das Genrefach gewechselt. Perfekt symmetrische Bildkompositionen schmeicheln dem Auge ebenso wie langsame Kamerafahrten und unsichtbare Schnitte. Die skurrile Figurenzeichnung der Familie Graham und die im Haus stetig präsenten Miniaturwelten, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und unausweichliche Zukunft der Protagonisten abzubilden scheinen, tun ihr übriges, um die Parallelen zwischen Ari Aster und Wes Anderson vollkommen zu machen. Anders als Anderson gelingt es Aster jedoch nur bedingt, diese wunderbar in Szene gesetzten Skurrilitäten dem eigenen Film zuträglich zu machen und daraus einen atmosphärischen Effektgewinn zu generieren. Zieht Anderson seinen Humor größtenteils aus der verschrobenen Bildsprache, bewegen sich die schrägen Figuren und Bilder in Hereditary – Das Vermächtnis immer nah an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, womit sich der Film letztlich den größten Schaden zufügt. Nicht selten entlädt sich die zuvor mühsam aufgebaute Spannung in einem grotesk überzeichneten Höhepunkt, der bei dem Zuschauer eher ein irritiertes Lächeln als Angst und Schrecken hervorrufen dürfte.

Dabei setzt Hereditary – Das Vermächtnis seinen Zuschauern durchaus dem Terror aus, dieser generiert sich aber eher im Alltäglichen und weniger durch übernatürliche Schreckgespenster. Der Verlust eines geliebten Familienmitglieds wirft hier unerträglich düstere Schatten, die selbst die geschützte Atmosphäre des eigentlich Halt und Zuflucht gewährenden Familienkonstrukts zunehmend vergiftet. Unbändige Trauer ruft unerträglichen Hass hervor, die gemeinsamen Abendessen der Familie Graham werden für Protagonisten und Zuschauer mit zunehmender Dauer des Films zu einer qualvollen Geduldsprüfung, die letztlich nur den Gedanken an Flucht zulässt. Doch selbst nach einem schicksalhaften Fehltritt kann es kein Entkommen geben, die Rückkehr in das Vertraute kommt einer Ohnmachtsbekenntnis gleich. Der einzige Rückzugsort ist der Wahnsinn, der langsam um sich zu greifen scheint.

Fazit: So ganz kann und will ich nicht in die schier grenzenlose Lobhudelei der internationalen Presse auf Hereditary – Das Vermächtnis einstimmen, dennoch gehört das düster-schwarzhumorige Regiedebüt von Ari Aster sicherlich zu den interessantesten Horrorfilmen der letzten Jahre.

Hereditary – Das Vermächtnis startet am 14. Juni 2018 in den deutschen Kinos.

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