Schlagwort: Drama

Filmkritiken

Regisseure im Fokus: Einsamkeit, Sehnsucht und Gesellschaftskritik – Drei Werke des Ulrich Seidl

Autor: Pascal Reis Unangenehm und unverstellt. Zwei flüchtige Adjektive, die sich hervorragend für eine saloppe Beschreibung der gesamten Œuvre von Ulrich Seidl eignen. Warum aber berühren die Outputs des antizipierten Österreichers den Betrachter in einem solch schmerzhaften Ausmaß? Warum schafft Seidl es immer wieder in leibeigener Perfektion, den Zuschauer in seinem charakteristischen Fasson bis an die Grenzen zu führen? Die Brandmarkung „schwierig“ ist in Bezug auf seine Werke natürlich von äußerst bequemer Beschaffenheit zu wählen, um aber bis zum tatsächlichen Kern vordringen zu können, benötigt der Zuschauer nicht nur willensstarkes Durchhaltevermögen, er benötigt auch die autorisierte Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstreflexion, die sich eben auch direkt vor und hinter der ...
Filmkritiken

"Detachment" (USA 2011) Kritik – Adrien Brody auf der Suche nach sich selbst

Autor: Pascal Reis "A child's intelligent heart can fathom the depth of many dark places, but can it fathom the delicate moment of its own detachment?" Bei seinem Debütfilm aus dem Jahre 1998, kann der britische Regisseur Tony Kaye auch gleichzeitig vom persönlichen und bis dato einzigen Höhenflug in der Filmwelt sprechen. Die Rede ist dabei natürlich vom intensiven Neonazi-Drama „American History X“, bei dem Kaye auch Edward Norton – unvergesslich mit stählerner Physis und demonstrativen Hakenkreuz auf der Brust – zum großen Durchbruch verhalf, um seiner Karriere nur ein Jahr später in David Finchers „Fight Club“ bereits die frühzeitige Krone aufzusetzen. Kaye hat sich jedoch auch in einem anderen Fall im Filmgeschäft einen Namen gemacht: Der Engländer hatte das Privileg, mit dem unant...
Filmkritiken

Regisseure im Fokus: Rohe Gewalt, gezielte Provokation, menschliche Abgründe und liebevolle Subtilität – Fünf Werke des Michael Haneke

Autoren: Pascal Reis, Sebastian Groß "Funny Games" (AT 1997) Mutter, Vater, Sohn. Ein Urlaub im Ferienhaus. Zwei höfliche Fremde die sich ein paar Eier ausleihen wollen. So beginnt wohl einer der umstrittensten Filmes des Michael Haneke. Bereits im Vorspann, wenn die harmonische Mozartmusik plötzlich verdrängt wird von lauten, brachialen, musikalischem Gekreische, wird klar, dass die gutbürgerliche Urlaubsidylle etwas heimsuchen wird, etwas Verächtliches „Funny Games“ erzählt vom Bösen und macht kompromisslos klar, dass es überall sein kann. Was klingt wie ein Thriller erweist sich aber nach und nach als Reflexion. Nicht nur über menschliche Finsternis, sondern viel mehr über die Rolle der Medien in unserem Alltag. In der Schlüsselszene, wenn es so scheint dass Haneke uns, den Zuschaue...
Kritik: Das siebente Siegel (SE 1957) – Ein anachronisches Schachspiel um Leben und Tod
Drama, Filmklassiker, Filmkritiken

Kritik: Das siebente Siegel (SE 1957) – Ein anachronisches Schachspiel um Leben und Tod

Wisch die Tränen weg und gefall' Dir in Deiner Gleichgültigkeit. Philosophiestunde à la Ingmar Bergman, verknüpft mit den essenziellen Motiven des generalisierten Menschentums. Dabei kann der Schwede in „Das siebente Siegel“ von seiner leibeigenen Effizienz Gebrauch machen, die anderen Regisseuren in Anbetracht der demonstrativen Metaphorik und der allegorischen Laxheit die nicht den analytischen Kern beinhalten, den man von Bergmans psychologischen Sondierungen der menschlichen Verhaltensmuster durch andere Werke kennenlernte, gefehlt und so in die Knie gezwungen hätte. Ja, „Das siebente Siegel“ erhebt sich nicht durch seine spitzfindige Komplexität, die jedes optionale Charakter-Drama aus dem europäischen Raum in den Schatten stellen würde. Und doch schafft es der Meisterregisseur die...
Filmkritiken

"Wuthering Heights" (GB 2011) Kritik – Poesie und Liebe: Wenn die Natur zum Aushängeschild der Gefühle wird

Autor: Pascal Reis "Wenn du Frieden hast, bin ich in der Hölle." Yorkshire im 19. Jahrhundert: Auf einem tristen Landsitz findet der schwarze Waisenjunge Heathcliff sein neues Zuhause. Seit dem sechsten Lebensjahr schon ist Heathcliff Teil der Familie Earnshaw und lernt seitdem was Schmerz, aber auch liebevolle Nähe bedeutet. Von seinem großen Stiefbruder Hindley aufgrund seiner Hautfarbe fortwährend misshandelt, baut er zu seiner kleinen Stiefschwester Cathy eine leise Liebesbeziehung auf, die vollkommen ohne Worte lebt. Cathy und Heathcliff scheinen Seelenverwandte zu sein, doch die Zeiten auf dem Hofe ändern sich und als der Familienherr stirbt, muss Heathcliff nicht nur die Erniedrigung der neuen Führungsperson, Hindley, ertragen und der ihm auch den Kontakt zu seiner Cathy verbiet...
Filmkritiken

"Breaking the Waves" (NO/FR/SE/NL/DK 1996) Kritik – Lars von Trier und ein Opfergang der Liebe

Autor: Pascal Reis "Everyone has something they're good at. I've always been stupid, but I'm good at this." Die schottische Küstenlandschaft. Ein Ort der Entspannung und Selbstfindung, ein Ort, an dem die zügigen Brisen der Gesundheit neuen Antrieb geben, die jedem Besucher sorglos mit aller Frische um die Nasen pfeifen und mit der prächtigen Naturkulisse, durchzogen von idyllischen Postkartenmotiven, einen ungezwungenen Einklang findet. In „Breaking the Waves“ sind die äußerlichen Naturattribute natürlich gegeben, doch den ersehnten Seelenfrieden bekommt man hier nicht auf dem aseptischen Silbertablett serviert, sondern trifft auf eine Auskoppelung der Free Church of Scotland, puritanisch bis in Mark und apodiktisch auf die strikten Grundsätze des Calvinismus pochend. Im Klartext bedeut...
Filmkritiken

"Excision" (USA 2012) Kritik – Kontroverse Realitätsflucht in sozialer Abkapselung

Autor: Pascal Reis "Your girlfriends friend thinks you're gay." - "Excuse me?" - "You're not pretty enough." Man kann sie nur vermissen, die Zeit im Leben, in der man noch unbeschwert und mit tonnenschwerer Naivität auf den Schultern durch die Weltgeschichte spazieren durfte. Eine Zeit, in der es keine erdrückenden Vorurteile gab, in der man den eigenen Körper nicht als wollüstiges Instrument der Befriedigung erkannte und den infamen Fängen der (Geschlechts-)Reife noch getrost abwinken konnte. Doch machen wir uns nichts vor, die Lebenskonstellation verändert sich stetig, das muss sie natürlich auch, die Lügen über den Klapperstorch, der die Kinder bringt, werden durchschaut und die Hormone entpuppen sich als pochende Akkordarbeiter, die der Reizüberflutung durch die Umwelt hilflos die Hä...
Filmkritiken

"Schindlers Liste" (USA 1993) Kritik – Wenn Rettung zum Alibi wird

Autor: Pascal Reis "This is very cruel, Oskar. You're giving them hope. You shouldn't do that." Mit „Schindlers Liste“ konnte Steven Spielberg jede Aufmerksam der (Film)Welt lückenlos auf seine Person und das große Holocaust-Werk fokussieren. „Schindlers Liste“ entpuppte sich in Deutschland als einer der größten Kassenschlager. Ob Schulklassen, Cineasten oder Interessierte an der Thematik - alle rannten sie in die Lichtspielhäuser und waren hellauf begeistert von Spielbergs inszenatorischer Brillanz, die dem ergreifenden Kapitel der abstoßenden Kriegsgeschichte einen durch und durch würdigen Vertreter überreichte. Und zweifelsohne: Spielbergs Absichten waren/sind löblich, schließlich wollte er den Menschen auf aller Welt das Entsetzen, den Horror der inhumanen Judenverfolgung näherbringe...
Kritik: Der Soldat James Ryan (USA 1998) – Steven Spielberg im Kampf um Ehre und Mut
Filmkritiken, Kriegsfilm

Kritik: Der Soldat James Ryan (USA 1998) – Steven Spielberg im Kampf um Ehre und Mut

What I mean by that, sir, is if you was to put me and this here sniper rifle anywhere up to and including one mile from Adolf Hitler... with a clean line of sight... Pack your bags, fellas. War's over. Amen. Normandie, Omaha Beach, 6. Juni 1944: Die Invasion der Amerikaner gegen die deutschen Truppen. Nach einem unerbittlichen Strandkampf bekommt die kleine Soldatentruppe rundum John Miller (Tom Hanks) den brisanten Sonderauftrag den Gefreiten James Ryan hinter den feindlichen Linien zu finden und zu retten, denn dessen drei Brüder sind allesamt auf dem Schlachtfeld ums Leben gekommen. Eine nicht nur gefährliche Aufgabe, sondern auch eine beinahe Unlösbare, mitten im Herz der Finsternis. Die acht Männer ziehen los und versuchen zu verstehen, wieso sie alle ihr Leben für einen einzigen Sol...
Filmkritiken

"Mad Circus" (FR/ES 2010) Kritik – Ein humorfreies Debakel

Autor: Sebastian Groß "Jetzt geht der Spaß erst richtig los." Er galt als Enfant Terrible des spanischen Films: Alex de la Iglesias. Mit Filmen „Perdita Durango“, „El dia della Bestia“ oder „Aktion Mutante“. Nach seinem Versuch mit dem Thriller „Oxford Murders“ sich abseits des spanischen Filmmarkts zu behaupten, kehrte nun mit „Mad Circus“ zurück zu seinen irrwitzigen, absurden Wurzeln. Sein seltsamer wie brutaler Mischmasch aus Kriegswirren, leicht dadaistischer Revue und Liebesgeschichte wurde auf vielen Festivals gefeiert. Wir gönnen ihm den Erfolg, können uns dem Jubel aber nicht anschließen. Während des Spanischen Bürgerkrieges, in den späte 1930er Jahren, werden die Mitglieder eines Zirkus von Regierungssoldaten kurzerhand und gegen deren Willen rekrutiert. Bei einem Gefecht ...