"All Beauty Must Die" (USA 2010) Kritik – Ryan Gosling wird zum femininen Psychopathen

„Sie kennt dich noch nicht.“

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Wahre Fälle haben in der Filmwelt ihren ganz eigenen Reiz, ganz besonders die Fälle, die nie wirklich aufgeklärt wurden und als ungelöster Kriminalfall in die Geschichte eingehen. Das beste Beispiel ist der berühmte Zodiac-Fall, auf den David Fincher 2004 im gleichnamigen Meisterwerk einging. Es ist einfach interessant, seine eigenen Gedanken und Spekulationen in ein Thema einzumischen, welche vielleicht sogar in die richtige Richtung weisen, oder einfach nur einen passenden neuen Denkansatz geben, um einen längst zu den Akten gelegten Fall wiederaufleben zu lassen, wobei sich viele Regisseure bei einer solchen Thematik gerne in dem Satz „basierend auf einer wahren Geschichte“ verrennen und genügend Zuschauer an der Nase herumführen. 2010 nahm sich aber auch der Filmemacher Andrew Jarecki einem solchen bis heute ungelösten Fall an: Und zwar der Geschichte von Robert Durst, der in Deutschland natürlich wirklich niemandem ein Begriff sein sollte und auch in Amerika keinen Ted Bundy oder Ed Gein-Status besitzt. „All Beauty Must Die“ bringt uns diesen Menschen näher, allerdings macht Regisseur Andrew Jarecki bei seiner Inszenierung vieles falsch.

Die Geschichte um Robert Durst, der im Film David Marks genannt wird, zieht sich über einen Zeitraum von den 70er Jahren bis ins neue Jahrtausend. Alles beginnt mit der erwachenden Liebe zwischen David Marks und Katie McCarthy, die sich nur durch einen Zufall kennenlernten und aus diesem Zufall eine Beziehung und Ehe aufbauten. Dabei erweisen sich die ersten Unterschieden schon bei den Lebensverhältnissen der beiden. Während David aus einem reichen Haushalt kommt, ist Katie in durchschnittlichen Verhältnissen aufgewachsen und den Luxus der Marks nicht gewohnt. Dennoch freuen sich beide auf ihr gemeinsames Leben auf dem Land, wo sie einen kleinen Laden betreiben wollen, dabei allerdings auf das Missfallen von Davids Vater stoßen. Eigentlich hatte er ganz andere Pläne und David sollte das Erbe seines Vaters, ein Immobilienhändler, übernehmen. Davids Vater schafft es schließlich auch, das junge Paar zurück nach New York zu holen, doch dort gerät die Beziehung ins Wanken, denn der eh schon eigenartige David wird immer seltsamer…

Um den kanadischen Schauspieler Ryan Gosling herrscht seit dem Jahre 2011 ein regelrechter Hype, der sich unhaltbar um den Menschen, als auch um seine Filme klammerte. Was an dieser Stelle gesagt werden muss: Gosling ist ein fantastischer Schauspieler, sicher nicht der Gott, zu dem er manchmal ernannt wird, aber ein mehr als nur talentierter Darsteller, was sich vor allem in Nicolas Winding Refns „Drive“ zeigte, in dem er eine minimalistisch-explosive Glanzleistung ablieferte. In „All Beauty Must Die“ spielt Gosling die Hauptrolle des David Marks und zeigt auch in dieser Figur eine überdurchschnittliche starke Vorstellung. In seinen besten Momenten erinnert seine wandlungsfähige Performance sogar an den legendären Auftritt von Anthony Perkins in Hitchcocks-Klassiker „Psycho“. Aber auch die weiteren Rollen sind hochkarätig besetzt. Zum einen ist es Kirsten Dunst als Katie McCarthy, in der Dunst ihre Natürlichkeit mit dem schauspielerischen Können verbinden kann und im Zusammenspiel mit ihrem Schauspielkollegen Gosling voll aufgeht. Und auch der charismatische Altstar Frank Langella weiß als besitzergreifender Vater in seiner Rolle gewohnt zu überzeugen. An den Leistungen der Schauspieler liegen die Schwächen von „All Beauty Must Die“ also sicher nicht. Auch atmosphärisch weißt Jarecki durch seine düstere Inszenierung zu gefallen, vor allem in Verbindung des Scores, der die Szenen immer stark unterstreicht.

Das Problem von „All Beauty Must Die“ lässt sich im Drehbuch finden. Hinchey, Smerling und Regisseur Jarecki haben sich über Jahre mit dem Fall rundum Robert Durst beschäftigt, das merkt man deutlich. Der Film strotzt vor Details und besitzt unzählige interessante Hintergrundinformationen, nur weiß Jarecki diese nicht gekonnt in seinen Film einzubauen und verliert sich in seinem Genre-Mix immer wieder selbst aus den Augen. Die erste Frage, die man sich als Zuschauer stellt ist, was „All Beauty Must Die“ nun eigentlich sein will. Ein Thriller? Dafür ist er nicht straff und spannend genug erzählt. Ein Drama? Dazu wird uns kein wirklicher Zugang zu den Charakteren gewährt, denn wir blicken zumeist nur auf die Schalen der Figuren, nicht auf den Kern, was natürlich noch die Fragen aufwirft, wieso David so handelte und was hinter seinem Vorhaben steckte. Der einzige Punkt der uns vorgeführt ist, dass er einen schlimmen Unfall in der Kindheit ansehen musste und seitdem sehr zurückgezogen in sich selbst lebt. Die extremen psychopathischen Züge macht das allerdings noch nicht aus, jedenfalls nicht so, wie es uns Jarecki vorstellt. Da es auch keine Aufklärung des Falles gibt, lässt sich der Schriftzug „basierend auf einer wahren Geschichte“ nur auf das Fundament des Films stützen, die Vorfälle selbst rennen ihrer fiktionalen Entblätterung durchgehend hinterher. Dazu gibt es noch Liebes- und Familienkrisen, die die unausgegorene Art des Films weiter unterstützen und das, wenn auch nicht wirklich langweilige, Durcheinander zwischen Traumata, Zurückgezogenheit und Geheimnissen nur weiter antreibt. Nicht Fisch, nicht Fleisch, aber auch nicht schlecht.

Fazit: „All Beauty Must Die“ hätte das Zeug zum spannenden und psychologisch interessanten Thriller gehabt, denn gerade der Hauptcharakter lädt zu Analysen und dem Eindringen in seine Psyche ein. Jarecki verliert sich allerdings in seiner Detailvielfalt, die den Film so vollstopft, das ein richtiger Zusammenhalt nicht entstehen kann und alles fast Episodenhaft abarbeitet wird. Was bleibt ist ein nettes Thriller-Drama, mit ansprechenden Ansätzen, fiktiven Antworten, tollen Darstellern und passender Atmosphäre, doch der Drehbuch-Wirrwarr lässt den Film einfach zu unübersichtlich werden.

Bewertung: 5/10 Sternen