Berlinale 2014 – Recap Nr. 1: „Snowpiercer“, „2030“, „Two Men in Town“, "Kumiko, the Treasure Hunter“ und “Zeit der Kannibalen”

Autoren: Philippe Paturel, Conrad Mildner

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„Snowpiercer“
von Joon-ho Bong, u.a. mit Tilda Swinton und Chris Evans

Kaum zu glauben, doch nach Park Chan-wook („Stoker“) und Kim Jee-woon („The Last Stand“) überzeugt nun ein weiteres asiatisches Regiewunderkind mit seinem englischsprachigen Debütfilm. Bong Joon-ho, der in der Filmwelt bereits mit seinen gefeierten Dramen „Memories of Murder“ und „Mother“ für Aufsehen sorgte, bringt nun mit „Snowpiercer“ einen der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre in die Kinos, der mit seiner intelligenten Symbiose aus Anspruch und Unterhaltung dem Sci-Fi-Genre eine Frischzellenkur verpasst und den Zuschauer in eine neue Eiszeit im Jahr 2031 schickt, in der die letzten Überlebenden einer globalen Katastrophe Zuflucht in einem Zug gefunden haben. Gelebt wird in einem strengen Kastensystem. Am Ende des Zuges lebt die niedrigste Kaste, welche von den Bewohnern der restlichen Zugteile unterdrückt und ausgebeutet wird. Doch nach Jahren brutaler Unterdrückung suchen sie einen Weg zu einem besseren Leben. Dieser Weg kann jedoch nur aus einer Revolution bestehen, indem die Unterdrückten unter der Führung von Curtis (Chris Evans) einen Zugteil nach dem anderen erobern. „Snowpiercer“ ist eine facettenreich gestaltete, düstere Gesellschaftsparabel, welche uns auf traurige Weise vor Augen führt, dass jeder Mensch seinen festen Platz in der Gesellschaft hat und ein Ausbruch aus der Unterdrückung – welcher Art auch immer – nur neue Probleme mit sich bringt. Vor der Revolution ist eben nach der Revolution – doch wie kann eine Lösung gesellschaftlicher Probleme bei einer derartig deprimierenden Schlussfolgerung aussehen? Das Unglaubliche daran ist, dass Bong selbst darauf eine Antwort hat. Allein deshalb ist „Snowpiercer“ eine unbedingte Kinoempfehlung wert.

„2030“ (OT: „Nuoc”)
von Minh Nguyen-Vo

Im vietnamesischen Sci-Fi-Film „2030“ sind die Polkappen geschmolzen und große Teile Vietnams unter Wasser. Auch das Grundstück von Sao und ihrem Mann Thi ist nur noch ein provisorisch abgegrenztes Stück Ozean. Der Überlebenskampf scheint ein Ende zu haben als Thi Arbeit auf einer der vielen schwimmenden Farmen findet, doch kurz darauf wird seine Leiche gefunden. Daraufhin begibt sich Sao auf die Suche nach dem Mörder. Die Exposition birgt bereits viel Potenzial für einen spannenden Genrefilm, doch Minh Nguyen-Vo vermeidet einen allzu reißerischen Ton und nimmt sich viel Zeit die überschwemmte Zukunft zu schildern. Nicht umsonst macht „2030“ lange Zeit den Anschein das bessere „Waterworld“ zu sein, auch wenn das knappe Budget an manchen Stellen deutlich auffällt. Quynh Hoa als Sao trägt den Film auf eine sehr bodenständige, ja naturalistische Weise, während die ambitionierte Kamera ihre Geschichte in spannende Kinobilder fasst und auch wenn die Handlung der formelhaften Liebesgeschichte viel zu viel Raum schenkt ist es interessant zu sehen, welchen düsteren Blick Vietnam in die gemeinsame Zukunft wirft.

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„Two Men in Town“ (OT: „La voie de l’ennemi”)
von Rachid Bouchareb, u.a. mit Forest Whitaker und Harvey Keitel

In diesem Remake von José Giovannis Meisterwerk „Endstation Schafott“ aus dem Jahre 1973 brilliert Forest Whitaker als Exknasti William Garnett, der in ein neues Leben starten will. Eine zweite Chance und viel mehr als eine Familie gründen und ein eigenes Haus besitzen möchte William nach seiner 18-jährigen Knasterfahrung gar nicht. Doch die Vergangenheit holt ihn unerwartet ein als ihn ein Sheriff (Harvey Keitel) zu tyrannisieren anfängt. Die Story ist natürlich altbacken und spätestens seit „Endstation Schafott“ macht eine Neuerzählung dieser keinen Sinn mehr. Doch überraschenderweise kann Regisseur Rachid Bouchareb mit seinem großartigen Schauspielensemble und dem ungewöhnlichen Handlungsort an der US-mexikanischen Grenze dem Ganzen einige unerwartete und durchaus interessante neue Blickwinkel abgewinnen. Dabei wirkt „Two Men In Town“ aufgrund der zahlreichen Themen, welche das Drama anspricht, zwar thematisch ein wenig überladen, doch das ist immer noch weitaus besser als wenn das Remake gar nichts zu erzählen gehabt hätte. Die großartige Kameraarbeit, das nuancierte Schauspiel und die neuen Blickwinkel machen dieses Remake zu einem Sehenswerten, und das erleben wir im Kino heutzutage ja leider nur zu selten.

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„Kumiko, the Treasure Hunter“
von David Zellner, u.a. mit Rinko Kikuchi

David und Nathan Zellner hatten 2001 die Anekdote über eine Japanerin aufgeschnappt, die völlig allein nach Amerika gereist war, um dort einen Schatz zu bergen. Daraus entstand ihr neuer Film „Kumiko, The Treasure Hunter“, der in vielen Punkten ihrem letztjährigen Film „Kid-Thing“ gleicht. Beide sind hermetisch stilisiert und verlassen sich einzig auf die Perspektive ihrer Heldinnen, die sich ebenso ähneln, trotz Altersunterschied und unterschiedlicher Herkunft. So wie die junge Annie flüchtet sich auch Kumiko (Rinko Kikuchi) in ihre eigene Welt, die auch immer die Welt des Publikums ist. Mit neunundzwanzig arbeitet Kumiko immer noch als „Office Lady“ in einem Tokioter Büro. Ihre Mutter macht ihr ständig Vorwürfe und andere Menschen gibt es in ihrem Leben nicht. Ihr kleines Apartment ist ihr Refugium und ihr Kaninchen Bunso ihr einziger Freund. Als Kumiko eine mysteriöse VHS-Kopie von „Fargo“ entdeckt, lässt sie sich von der Idee anstecken, den Geldkoffer, den Steve Buscemi vergräbt, finden zu können. Der Film ist vieles auf einmal, Märchen, Roadmovie und Filmhommage, verlässt sich aber zum Glück einzig und allein auf Kumiko als Bezugspunkt, deren Odyssee auf ein konsequentes wie bittersüßes Ende zusteuert. In „Kid-Thing“ beobachteten wir Annies Sprung in die Dunkelheit noch aus sicherer Distanz. Nun springen wir einfach hinterher.

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„Zeit der Kannibalen“
von Johannes Neber, u.a. mit Sebastian Blomberg

Zwei Unternehmensberater (Devid Striesow, Sebastian Blomberg) und eine Unternehmensberaterin (Katharina Schüttler) touren durch die Welt und verbreiten den Kapitalismus als einzig wahre Religion. Sie verlassen nie ihre Hotels, die sowieso immer gleich aussehen und auch die Stadtpanoramen, ob in den Schwellenländern oder der sogenannten Dritten Welt, bleiben immer grau, vernebelt und konturlos. Alles eine Frage der Stilisierung, die Regisseur Johannes Naber mit einer äußerst studiolastigen Inszenierung beantwortet, die dem gelungenen Drehbuch von Stefan Weigl viel Raum zugesteht. Die Chronologie ist unaufhaltsam linear und jede Szene geht mit Auf- und Abblenden einher, inklusive musikalischem Trenner. Der Gedanke liegt nahe, dass „Zeit der Kannibalen“ doch nur ein Theaterstück ist, das sich ins Kino verirrt hat. Es wäre nicht verwunderlich, wenn eine baldige Bühnenadaption folgen würde. Der Zynismus ist beißend und die Bereitschaft des Publikums, sich anderthalb Stunden mit drei weißen Arschlöchern auseinander zu setzen, sollte vorhanden sein. Erst dann wird diese vordergründige Groteske überhaupt genießbar. Dem gepflegten Witzeln über Globalisierung, Kapitalismus und Imperialismus fehlt zwar der doppelte Boden, ist aber dafür, dank starker Dialoge, sehr unterhaltsam. Fünfzehn Minuten vor Schluss, und das sollte als positiver Spoiler verstanden werden, krempelt Johannes Naber seinen Film völlig überraschend um, verlässt fluchtartig das Theater und kehrt zum Kino zurück. Die Dialoge rücken in den Hintergrund und das Herz pocht lauter und lauter.

nullBeim 2. Recap zur Berlinale 2014 widmen wir uns folgenden Filmen:
„Life of Riley“ (Alain Resnais), „Diplomatie“ (Volker Schlöndorff), „If You Don’t, I Will“ (Sophie Fillières), „The Turning“ (mehrere Regisseurel) und „Die zwei Gesichter des Januars“ (Hossain Amini)