"Bittersweet Life" (KOR 2005) Kritik – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

– „Und was willst du jetzt tun?“
– „Hab keine Ahnung.“

Mit „Bittersweet Life“ hat sich Kim Ji-woon selbst ein Denkmal gesetzt. Die ersten zwanzig Minuten halten sich strikt an Vorlagen wie „Pulp Fiction“ und präsentieren ein knallhartes Gangster-Dasein, das zu jeder Zeit perfekt in Szene gesetzt ist. „Bittersweet Life“ zeichnet sich durch ein sehr ruhiges und inniges Erzählverhalten aus, jede Einstellung wirkt schlicht perfekt gefilmt und kann mit Leichtigkeit jederzeit Spannung aufbauen, wenn Kim Ji-woon das möchte. Ein Gespräch mit einem unbekannten, verhüllten Mann in der verlassenen Tiefgarage? Atmosphärisch geradezu umwerfend dicht. Dagegen ein Spaziergang in der großen Mall – träumerisch. Nichts Spannendes, sondern durch perfekte Musikauswahl und grandiose Kameras ein intimer und schweigsamer Ausflug.

Nach einer guten Stunde schlägt der komplette Film völlig unvorhersehbar um. Er entwickelt sich in eine Richtung, die ich so niemals erwartet hätte – deswegen werde ich da auch nicht näher drauf eingehen. Die Anzeichen für diesen Umschwung sind gegeben, ich hatte eine Vermutung wie die Geschichte weiter erzählt wird – doch auf diese Art und Weise? Niemals. Durch den gesamten Film ziehen sich Actioneinlagen, meist die guten alten asiatischen Faustkämpfe, die allesamt so perfekt inszeniert, gefilmt und choreographiert sind, dass ich mich nicht erinnern kann, wo ich zuletzt so grandiose Kämpfe zu sehen bekam – vermutlich noch gar nicht. Unterlegt sind sie in „Bittersweet Life“ mit einer sehr eigenwilligen Musik, die mich komplett umgehauen und fasziniert hat. Ein Walzer-Takt über einem grausamen Racheakt? Gibt der ganzen Szene eine vollkommen andere Sichtweise und ein anderes Gefühl und dennoch wirkt sie tiefer und stärker als mit pompösem Orchester und einer dramatischen Einlage. Hier beweist Kim Ji-woon ein Händchen für sein filmisches Geschick und spielt mit den Erwartungen und dem Empfinden der Zuschauer, ohne dabei lächerlich oder zu anders zu erscheinen. Der gesamte Soundtrack zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, ist ruhig und immer locker, was ganz Neues und mit nichts zu vergleichen. Bei der Masse an Filmen und damit auch Soundtracks, die es heutzutage gibt, ist mir noch keiner untergekommen, der sich mit „Bittersweet Life“ in ein Boot setzen könnte.

Schauspielerisch gibt es an Kim Ji-woons Film rein gar nichts auszusetzen. Jeder Beteiligter haucht seiner Figur so viel Leben ein, dass er zu jeder Zeit souverän rüber kommt und ich ihm jede Emotion abnehme. Vor allem Lee Byung-hun als Hauptrolle schließe ich nach 10 Minuten komplett ins Herz, denn ein so eindringliches Schauspiel sieht man tatsächlich nicht oft. Besonders die letzte und alles entscheidende Szene (die ich hier natürlich unter keinen Umstände preisgebe) fasst sein gesamtes schauspielerisches Talent zusammen und lässt mich eine große Sympathie aufbauen. Alles in allem einer der ganz großen Hauptfiguren und sicherlich einer meiner liebsten – selten soviel Zuneigung zu einer männlichen Hauptrolle empfunden.

„Bittersweet Life“ ist ein dreister Angriff in die Magengrube der Gefühle, perfekt inszeniert und handwerklich so glatt, grandios, pompös, dass mir auf Anhieb nicht viele Regisseure und Drehbuchautoren einfallen, die sich mit Kim Ji-woon messen können. Soviel Verständnis von der Materie Film ist mir noch nicht untergekommen, jede Kameraeinstellung, jeder Kampf, jedes Gespräch, ja – jede Szene – ist schlichtweg perfekt. Die Musikauswahl lässt mich immer wieder staunen, die Geschichte ist verwinkelt, grandios, jederzeit nachvollziehbar – asiatisch überzogen, wie das nun mal ist – auf unterschiedlichste Weise interpretierbar und bietet Stoff für Diskussionen.

So ist „Bittersweet Life“ einer der besten Filme, die ich je gesehen habe, handwerklich eine ganz andere Liga als so viele andere Produktionen und eine Empfehlung für alle. Genug der Rede – nun muss jeder für sich entscheiden, ob er ihn sich anschaut. Nur noch eins: Tut es.

Bewertung: 9/10 Sternen

Hier noch ein Fan-Trailer zu „Bittersweet Life“, der wirklich unglaublich gut ist.