Charakterköpfe der Filmgeschichte – Philip Seymour Hoffman, vom Verlierer zum Master!

Autor: Conrad Mildner

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Schwitzend und keuchend beugt sich Philip Seymour Hoffman, unter ihm Marisa Tomei als seine Frau. Es sind die ersten Sekunden aus Sidney Lumets letzten Film „Tödliche Entscheidung – Before The Devil Knows You’re Dead“ und ein Affront gegen Hollywoods Gewohnheiten, physisch, seelisch und ästhetisch. Das amerikanische Kino, gewachsen als Industrie, hat stets seinem Publikum nachgeplappert und das gemacht, was ihm am ehesten zusagt. So entwickelte sich ein Filmvokabular, Regeln, Sehgewohnheiten. Stars wurden geboren, Sexsymbole und Ikonen. Die meisten Schauspieler_Innen bewegen sich im amerikanischen Film wie Models durch die Kulissen. Sie sprechen ihre Sätze. Sie versprechen sich nie. Sie spucken nie dabei. Sie essen selten und noch seltener gehen sie zur Toilette. Sex ist nur mit Liebe vereinbar und auch nur mit anderen „Stars“ möglich. Das Kino ist ein Ort der Eitelkeiten und die meisten Schauspieler_Innen sind ebenso eitel. Es stimmt, die Kamera liebt dich, aber wenn die Frisur mal nicht nicht so gut sitzt, die Socken beim Sex an den Füßen bleiben und der Blick auf stramme Brüste und Waschbrettbäuche durch Pfunde von Fett kaschiert wird, ist es dann weniger Kino? Die Huldigung und das Fan-tum von Stars erinnert oft an die Bedienung eigener Fetische. Natürlich sind Ryan Gosling, Robert Pattinson, Scarlett Johannson, Johnny Depp, Leonardo Di Caprio, Gemma Arterton, Rachel McAdams, Jennifer Connelly und George Clooney gestandene Schauspieler_Innen. Sie haben Preise gewonnen, Geld verdient und ihren Job ernst genommen, aber das ändert nichts daran, dass ihr Image maßgeblich durch ihr Aussehen bestimmt wird. Frauen wie Männer träumen von ihnen. Sie sind Identifikationsfiguren auf und neben der Leinwand. Deshalb gelten sie als Stars, nicht weil sie nur gut spielen, sondern weil sie uns vorleben wie man zu sein hat, wie man begehrt werden soll und wie verletzlich man sein darf.

Philip Seymour Hoffman und speziell die Szene aus Sidney Lumets Film widersprechen diesem Star-Prinzip grundsätzlich und es ist spürbar, dass auch Hoffmans Image ein ganz anderes ist als es Ryan Goslings jemals sein kann. Hoffman gilt als Charakterdarsteller und als Meisterschauspieler, vergleichbar mit Daniel Day-Lewis, aber nie als Sexsymbol. Dabei wird gerne vergessen, dass kaum jemand vor ein paar Jahren den guten Mann kannte und sein Image wohl eher lautete „Der ewige Nebendarsteller“.

Erst 2002 bekam er seine erste Hauptrolle in dem Drama „Love Liza“. Hoffman war da bereits elf Jahre im Filmgeschäft und hatte sowohl in kleineren Independentproduktionen sowie in größeren Hollywoodfilmen wie „Patch Adams“, „Twister“ und „Der Duft der Frauen“ mitgespielt. Die Betonung liegt auf „mit“, denn große Wellen haben seine Leistungen damals nicht geschlagen, während jüngere Kollegen wie Di Caprio und Johnny Depp ihren Aufstieg feierten, obwohl es genug Anlässe gab ihn zu bemerken. Besonders herausragend war damals seine Arbeit in Todd Solondzs „Happiness“, dem unerträglichsten aller Suburbia-Albträume. Inmitten von sexueller Frustration, Amokfantasien und Pädophilie entwickelt Hoffmans Figur aufrichtige Gefühle. Seine Performance durchbricht den Mantel aus Ekel, Sexismus und Brutalität und zum Popsong „All out of Love“ bleibt dann wirklich so etwas wie Liebe übrig.

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Ein Jahr später spielt Hoffman eine größere Rolle in Paul Thomas Andersons Meisterwerk „Magnolia“. Bis heute ist ihre Zusammenarbeit eine der langlebigsten und ergiebigsten Regie-Schauspiel-Ehen in Hollywood. Vor „Magnolia“ spielte er bereits in Andersons Debüt „Last Exit Reno“ und „Boogie Nights“, wo er als dicklicher Homosexueller beeindruckte. In „Magnolia“ verkörperte er eine weitaus souveränere Figur, nämlich die des Krankenpflegers Phil, der versucht den letzten Wunsch seines todkranken Patienten zu erfüllen und dabei sogar während eines langen Monologs am Telefon die vierte Wand durchbricht, nur um dann die Aufmerksamkeit des Publikums wieder mühelos ganz auf sich zu lenken. Hoffmans Neigung zu überreizten, cholerischen Figuren konnte er bei Andersons viertem Film „Punch-Drunk Love“ ausleben, wo er als scheinheiliger Geschäftsmann das Leben von Adam Sandler ordentlich aufwirbelt.

Nach seiner ersten Hauptrolle in „Love Liza“ ergatterte Hoffman zwei weitere große Engagements, 2003 im Glücksspieldrama „Owning Mahowny“ und 2005 die Titelrolle in Bennett Millers „Capote“. Das Bio-Pic über Truman Capote und die Entstehung seines weltberühmten Tatsachenromans „Kaltblütig“ wurde der endgültige Durchbruch für Philip Seymour Hoffman. Trotz der physischen Ähnlichkeit bewies Hoffman hier eine große Wandelbarkeit, die von der Academy prompt mit einem Oscar belohnt wurde. Von der Stimme bis hin zur kleinsten Geste spielt Hoffman den berühmten Schriftsteller. Der innere Konflikt Capotes, sich zwischen der Kunst und der Moral zu entscheiden, ist zu jeder Sekunde auf dem Gesicht des Charakterdarstellers ablesbar.

Die Jahre nach „Capote“ schienen ohne Hoffman undenkbar und der Schauspieler zeigte deutlich, dass er sich auf keine Rolle festlegen ließ, vom Blockbuster-Bösewicht in „Mission: Impossible III“ bis zum Bruder von Laura Linney in der Tragikomödie „Die Geschwister Savage“ war alles möglich. Hoffman blieb seinem Indie-Image treu und spielte auch nur die Rollen, die ihn interessierten, ganz egal ob Haupt- oder Nebenrollen. Regielegende Mike Nichols castete ihn für „Der Krieg des Charlie Wilson“ und Charlie Kaufman vertraute ihm den Hauptpart seines Regiedebüts „Synecdoche, New York“ an, der in Cannes seine Premiere feierte. Bis heute ist seine Darstellung des Caden Cotard in Kaufmans Film meine liebste in Hoffmans Filmografie. Es ist ein zutiefst trauriger und manchmal auch komischer Film. Sein Humor birgt aber immer wieder etwas erschütterndes. Hoffman gelingen die unterschiedlichsten Stimmungen. Es ist DIE Philip-Seymour-Hoffman-Rolle, falls es je eine gegeben haben sollte. Schade ist nur, dass dieses Meisterwerk so klammheimlich an den Kinokassen scheiterte.

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Auch die Oscars kommen ohne Hoffman nicht mehr aus. Nach „Capote“ hagelte es Nominierungen für „Der Krieg des Charlie Wilson“ und „Glaubensfrage“. Mit „Radio Rock Revolution“, „Lügen macht erfinderisch“ und „Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ erweiterte Hoffman sein vielseitiges Rollenrepertoire um ein paar humorvolle Parts bzw. sogar einen sehr ungewöhnlichen Animationsfilm. Wirkliches Aufsehen erregten diese Auftritte allerdings nicht, was vielleicht auch an dem vorherigen, kommerziellen Charlie-Kaufman-Disaster lag. Selbst Hoffmans erste Regiearbeit „Jack in Love“ floppte 2010 ohne großen Wirbel, obwohl er sogar die Hauptrolle übernahm und auch die Presse der sensiblen, romantischen Komödie nicht abgeneigt war.

Hoffman besinnte sich wieder auf seine Stärken und war daraufhin in zwei starken Nebenrollen zusehen, zum einen als politischer Berater George Clooneys in „The Ides of March – Tage des Verrats“ und zum anderen als Sportmanager in „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“, wieder unter der Regie Bennett Millers, der ihn fünf Jahre zuvor für „Capote“ besetzte und dessen Oscar-Aufwind sich langsam verflüchtigte.

Trotzdem hat Philip Seymour Hoffman einen Karrierepush wie „Capote“ nicht mehr nötig. Er ist angekommen ohne zu sehr im Rampenlicht zu stehen. Sein großes Prestige als Schauspieler hilft ihm auf Distanz zu bleiben und wer an Hoffman denkt, denkt eben an große Schauspielkunst. Deswegen sind die Flops und weniger beachteten Rollen der letzten paar Jahre auch kein Grund zur Resignation. Noch immer lässt sich mit seinem Namen auf dem Filmplakat vorzüglich Werbung machen, was in den 90er Jahren noch undenkbar war. Auch der Oscarsegen ist ihm nicht fern geblieben, denn auch dieses Jahr ist Hoffman wieder nominiert und zwar als Bester Nebendarsteller in Paul Thomas Andersons neuem Film „The Master“, der diese Woche auch endlich in unseren Kinos startet. Es ist nicht nur eine Rückbesinnung auf Hoffmans Wurzeln. „The Master“ markiert auch einen neuen Abschnitt in der Zusammenarbeit mit Anderson. Es ist auch ein Hoffman-Film geworden, da der Schauspieler großen Einfluss auf das Drehbuch hatte und von allen Figuren, die Hoffman bisher in Andersons Filmen spielte, ist die des Lancaster Dodds die komplexeste, aufwendigste und beeindruckendste. Es scheint so als hätte sich Hoffman selbst bei seinem Lieblingsregisseur erst die nötige Aufmerksamkeit erkämpfen müssen, so wie er es bei allen in Hollywood leisten musste um aufzufallen als Schauspieler jenseits der typischen Star-Schönheit. Die Arbeit hat sich gelohnt. Philip Seymour Hoffman ist heute ein Star, einer der größten noch dazu und das alles ohne den Zwang als Fetisch der Zuschauerlust herhalten zu müssen. Schön, dass es ihn gibt.

Hier geht es zu unserer Kritik zu „The Master“.

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