Charakterköpfe der Filmgeschichte – Der Triumphzug des Leonardo DiCaprio

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Die Zeiten der Cary Grants, Robert De Niros, Gregory Pecks und James Stewarts sind vorbei. Die neuen Generationen klopfen an die Türen und überrennen die Filmwelt mit ihrem Können im angenehmen Takt. Talent folgt auf Talent, vielversprechender Neuling auf Neuling und jeder frischer Jungdarsteller könnte ein potenzieller Weltstar werden. Aber ist bei dieser neuen Generation denn auch ein eindrucksvoller Charakterkopf à la Marlon Brando dabei, der die Kamera an sich reißen, sich selber zum Fokus aller Dinge machen und die Zuschauer allein durch seinen Namen in die Kinos locken kann? Nun, einen Darsteller gibt es da schon, der das Ruder an sich reibt, Filmen seinen Stempel aufdrückt und nicht mehr aus dem Kopf gehen will, wobei man vorerst sagen muss, dass er von dem Charisma eines Marlon Brando noch unterlegen ist. Die Rede ist von Leonardo DiCaprio, nicht nur einer der besten Schauspieler unserer Zeit, sondern auch ein Schauspieler, der schon jetzt nicht mehr aus der Filmwelt wegzudenken wäre.

Das war natürlich nicht immer so und gerade am Ende der 1990er Jahre hatte Leonardo DiCaprio mit einem Image zu kämpfen, welches ihn vor allem bei den männlichen Kinogängern einen feindlichen Ruf einbrachte. Schuld daran waren seine Auftritte in den Liebesfilmen „Romeo & Julia“ (1996) und „Titanic“ (1997), in denen DiCaprio über Nacht zum Frauenschwarm und Teenie-Liebling wurde. Sein Gesicht zierte die Desktophintergründe unzähliger Minderjähriger und sein Körper wurde zum Wandschmuck seiner kreischenden Anhänger mit Zahnspange. Gehörte man zu der männlichen Gattung, dann stieß dieses Verhalten natürlich nur auf Missfallen und entnervte Blicke. DiCaprio? Diese aalglatte Schmalzlocke? Fragte man in dieser Zeit in die Runde, was Leute von DiCaprio halten würden, dann durfte man zuerst ein ausuferndes Augenrollen und einen tiefen Schnaufer vernehmen und das Verhalten wurde mit dem Satz: „Hör mir bloß auf mit dem Kerl.“ gekrönt. Während er die Damenwelt mit seinen blonden Strähnen um den Finger wickelte, wurde er für die Männer zur Zielscheibe jeglicher Verachtung und stumpfer Ignoranz.

Ignoranz? Oh ja, denn wenn wir uns die 1990er Jahre im Schaffen von DiCaprio anschauen, bevor er um das Herz von Julia 1996 kämpfte, lassen sich schon einmal zwei fantastische Darstellungen finden, die ihm eigentlich jede Tür in Hollywood öffnen hätten sollen. Zum einen im Jugend-Drama „This Boy’s Life“ (1993), in dem er unter der gewalttätigen Hand von Robert De Niro leiden musste und neben der Schauspiellegende eine starke Leistung brachte. Und auch im gleichen Jahr wusste DiCaprio noch eine Schippe draufzusetzen. An der Seite von Johnny Depp lief der damals 18 jährige als geistig behinderter Arnie in „Gilbert Grape“ zur Höchstform auf, mit der er jeden Preis verdient gehabt hätte. Dann wären da auch noch „Jim Carroll“ (1995) und „Marvins Töchter“ (1996) in denen Neuling DiCaprio ebenfalls überzeugen konnte. Aber Baz Luhrmanns moderne Literatur-Verfilmung machte dem aufgebauten Ruf den ersten Strich durch die Rechnung, wobei man nun auch mal sagen muss, DiCaprio hat weder als Romeo versagt, noch als Jack auf der Titanic eine schlechte Leistung gezeigt. Sicher nicht, dafür hat er einfach zu gut in das Rollenmuster gepasst.

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Nach James Camerons Milliardenerfolg auf hoher See kam der Karriereknick. DiCaprios Karriere stand am Scheidepunkt und seine Auftritte in Woody Allens „Celebrity“ (1998), Randall Wallace‘ „Der Mann in der eisernen Maske“ (1998) und Danny Boyles „The Beach“ (2000) konnten nicht einschlagen, weder als Erfolg, noch mit DiCaprios eigentlich immer vorhandenen Können. Es sollte mal wieder an Publikumsliebling Steven Spielberg liegen, der DiCaprios Karriere 2002 mit „Catch Me If You Can“ wieder auf den richtigen Pfad brachte und für die Filmwelt, sowohl für Regisseure, als auch Zuschauer, wieder interessant. Dazu fand auch die erste gemeinsame Zusammenarbeit „Gangs of New York“ von DiCaprio und Martin Scorsese in die Kinos, der den Anfang des grandiosen Dreamteams darstellte. Ab diesem Jahr lief alles quasi von selbst. DiCaprio wuchs über sich hinaus, wurde von Rolle zu Rolle präsenter und sahnte im Jahrestakt Nominierungen für große Preise ab. Man muss sich einfach nur vor Augen führen, welche historisch unterschiedliche Figuren DiCaprio in „J.Edgar“ (2011), „Aviator“ (2004) und „Catch Me If You Can“ verkörpert hat und sich die Eigenarten und Persönlichkeiten jeder Person perfekt aneignete. Ganz zu schweigen von seinen ebenfalls exzellenten Vorstellungen in „Departed“ (2006) und „Shutter Island“ (2010).

Heute ist der süße Schönling Leonardo DiCaprio aus den Köpfen verschwunden und der Amerikaner mit deutscher Mutter hat sich zu einem ernstzunehmenden Darsteller etabliert, über den man inzwischen eines ganz klar sagen kann: Auf ihn ist einfach IMMER Verlass, denn seine Wandlungsfähigkeit ermöglicht es ihm, jede noch so komplizierte Rolle hervorragend auszufüllen. Dazu noch seine einmaliges Mienenspiel, die geniale Gestik und das anziehende Charisma, welches DiCaprio einfach immer ausstrahlt und fertig ist einer der ganz großen neuen Filmhelden. Vorbei die Zeiten, in denen er zwischen Justin Timberlake und Nick Carter in irgendwelchen Teenie-Blätter abgelichtet war. Vorbei die Tage, in denen DiCaprio durch sein verschmitzten Lächeln den Mädels den Verstand raubte. Willkommen in der Zeit, in der DiCaprio seine männliche Standhaftigkeit vertritt, alte Hasen wirklich altaussehen lässt und sich eigentlich gegen jeden noch so gestandenen Schauspieler präzise durchsetzen kann.

Zum Abschluss muss natürlich noch der obligatorische Satz kommen: DiCaprio muss den Oscar bekommen, es geht einfach nicht anders! Allerdings lässt sich mit Fug und Recht behaupten, er wird den Oscar so oder so bekommen, eine Schande wäre es jedoch, wenn es bei einem bleiben würde, denn für das Lebenswerk wäre zwar ebenfalls verdient, doch aufgrund seiner brillanten Vorstellungen einfach zu wenig, aber der Academy ist inzwischen wirklich alles zuzutrauen. Ebenfalls muss nochmal aufgezählt werden, einfach weil es so wahnsinnig schön ist, unter welchen Regisseuren DiCaprio schon auftreten ist, denn das liest sich so einmalig, das man aus dem lächeln nicht mehr herauskommen mag: Woody Allen, Danny Boyle, Steven Spielberg, Martin Scorsese, Edward Zwick, Ridley Scott, Sam Mendes, Christopher Nolan, Clint Eastwood und bald auch Quentin Tarantino. Man darf sich auf die kommenden Filme und Performances breitgrinsend freuen, denn früher oder später wird er die Spitze erklimmen und sie lange Zeit nicht verlassen.

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