"Good Bye, Lenin!" (DE 2003) Kritik – Der Osten lebt!

„Der Wind der Veränderung blies bis in die Ruinen unserer Republik. Der Sommer kam und Berlin war der schönste Platz auf Erden. Wir hatten das Gefühl im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Dort wo sich endlich was bewegte. Und wir bewegten uns mit.“

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Wer sagt, das deutsche Kino hätte keine Sternstunden mehr und die Highlights liegen vergraben in der Vergangenheit, der lügt. Die Menschen, die die deutschen Filme ohne Ausnahmen meiden, haben in ihren Kernaussagen mit Sicherheit Recht. Die hochwertige Klasse der vergangenen Tage, und damit ist ganz besonders die Zeit von 1920 bis zum Ende der 80er Jahre gemeint, sind nicht mehr vertreten. Prachtvolle Namen, die mit ihrem Auftreten Respekt einflößen und einen modernen Klassiker nach dem anderen inszenierten, gibt es in diesem Ausmaß schon lange nicht mehr. Doch es gibt noch Lichtblicke, ohne Wenn und Aber, denn Deutschland besitzt sowohl einige talentierte Schauspieler, als auch Filmemacher, nur leider bekommen die entweder nicht die nötige Aufmerksamkeit, oder verlieren sich in schwachen Auftragsprojekten. ‚Das Leben der Anderen‘ ist nur einer der deutschen Filme, die uns 2006 überzeugend gezeigt haben, zu was Deutschland durchaus in der Lage sein kann. Gehen wir aber nochmal 3 Jahre zurück und widmen uns einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme aller Zeiten: ‚Good Bye, Lenin!‘ In diesem Fall gibt der Erfolg dem Film sogar Recht, denn Wolfgang Beckers Tragikomödie ist ganz klar einer von den erwähnten Lichtblicken.

Die DDR (Deutsche Demokratische Republik) ist jedem Staatsbürger der BRD bestens bekannt, davon selten man jedenfalls ausgehen. Bis zum 9. November 1989 war Deutschland in Ost und West geteilt und welche Sitten in der getrennten Republik herrschten, kann man sich auch durch den genannten ‚Das Leben der Anderen‘ zu Gemüte führen, wenn auch nur einen Teil davon. In diese nostalgische Zeit begeben wir uns auch mit ‚Good Bye, Lenin!‘ Alles beginnt im Jahre 1978, in dem wir die Jugend von Hauptfigur Alexander sehen und warum sich die alleinerziehende Mutter Christiane so extrem für den Sozialismus einsetzt. Danach gibt es einen Sprung in den Oktober des Jahres 1989. Alexander ist inzwischen Erwachsen und hat den Osten mit seinen ganzen Eingrenzungen satt. Anders als seine Mutter, die zum 40. Jahrestag der DDR eine Auszeichnung bekommen soll, auf ihrer Fahrt dorthin aber in eine Demonstration gerät und dort ihren Sohn Alexander sieht, wie er von Polizisten abgeführt wird. Sie bricht auf der Stelle zusammen, Herzinfarkt, und liegt im Koma. Während sie im Koma liegt, fällt die Mauer und Deutschland wird zu einem Ganzen. Tage, Wochen und Monate vergehen und im Juli 1990 wacht Christiane aus ihrem Koma wieder auf. Der Arzt warnt jedoch davor, Aufregungen zu vermeiden, denn die könnten tödlich ausgehen. Also heißt es für Alex, seine Schwester Ariane, den Freunden und Verwandten, dass sie ihr die DDR Tag für Tag vorspielen müssen, immer mit der Gefahr, ertappt zu werden.

‚Good Bye, Lenin!‘ konnte nicht nur die Kinokassen mit sechs Millionen Besuchern klingeln lassen, sondern auch einige Preise absahnen. Das fängt an mit dem deutschen Filmpreis, den es gleich neunmal gab, unter anderem für den Film selbst, die Regie und für Hauptdarsteller Daniel Brühl. Dazu gab es noch internationale Preise wie den César, den Goya, den Felix und eine Golden Globe Nominierung. Die Oscar Nominierung ging zwar an Ben Sombogaarts ‚Die Zwillinge‘, doch das braucht nichts zu heißen. Nimmt man die Qualität von ‚Good Bye, Lenin!‘ jedoch genauer unter die Lupe, dann fängt das an erster Stelle mit dem Drehbuch von Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker an, welches sich durchaus als gekonnt verfasst und originell bezeichnen lassen kann. Die Kameraarbeit von Martin Kukula ist ebenfalls gefüllt mit Nostalgie und lässt die vergangenen Tage wieder richtig aufleben. Dazu Yann Tiersens minimalistischer Score, der sich durch gefühlvolle Pianoklänge auszeichnet und die Szenen immer mit einem sensiblen Hauch belegt. In der Hauptrolle sehen wir einen der besten Darsteller aus Deutschland: Daniel Brühl. Dass Brühl auch einer internationalen Produktion gewachsen ist, hat er als Scharfschütze Frederick Zoller in Quentin Tarantinos ‚Inglourious Basterds‘ mit Bravour bewiesen. Auch seinen Alexander weiß Brühl mit viel Sympathie und Nahbarkeit dem Zuschauer zu vermitteln. Auch Katrin Sass als Mutter Christiane weiß in ihrer Rolle zu überzeugen, genau wie Maria Simon als Ariane, Florian Lukas als Dennis und Alexander Beyer als Reiner.

„Alles woran sie glaubt, hat sich in ein paar Monaten in Luft aufgelöst. Einfach so.“

Was ‚Good Bye, Lenin!‘ wunderbar beherrscht, ist der Spagat zwischen tragischen und lustigen Momenten. Vor dem Hintergrund der DDR, die durch Dinge wie Spreewaldgurken, die aktuelle Stunde und Mocca Fix Gold sicher bei vielen nostalgische Gedanken bewirken wird, ohne erzwungen oder falsch zu wirken. Die DDR selber ist aber nur das Fundament, auf dem Becker seinen Film aufbaut und umkreisen lässt. Viel mehr inszeniert er einen Film über die Familie Kerner, bei der alles auf Abschied und Wiedervereinigung steht. Für seine Mutter würde Alex eine Lüge aufziehen, dessen Ausmaße immer schwerwiegender werden. Dabei steht der Mauerfall hier nicht nur für die Grenzenlosigkeit eines Landes, sondern auch für das Zusammen der Familie. Die Zeit hat sich geändert, der Schritt in die richtige Richtung wurde gemacht, doch für das Wohl der Mutter wird in der Vergangenheit gelebt und der Kapitalismus wieder in die weite Ferne gerückt. In den stärksten Momenten kann ‚Good Bye, Lenin!‘ die Emotionalität der Vertuschung immer weiter ausreizen und die wahre Abgrenzung, ob verstellt oder vergangen, in den Hintergrund schieben. Hier geht es um die Annahme von neuem, vom Vergessen der aufgezwungenen Richtlinien und um ein Leben, zwischen Notlügen und Gemeinschaftlichkeit, egal was sie auch kostet. ‚Good Bye, Lenin!‘ ist ein Film für das Herz, der berührt, das Lachen erlaubt und in seinem politischen Grundkern keine Stellung bezieht. Und auch wenn Becker ab und an der nötige Erzähldrall fehlt, weiß er durchgehend zu unterhalten und die schönen wie gefühlvollen Momente zu pflegen.

Fazit: Die einen vermissen den Osten, die anderen sind froh, dass er nur noch ein Teil grauer Erinnerungen ist und einige Stecken mittendrin. Mit emotionalen Szenen, warmen Augenblicken und lustigen Momenten weiß ‚Good Bye, Lenin!‘ voll zu überzeugen, auch wenn er sicher nicht perfekt ist. Dazu der feine Score, ein gutes Drehbuch und die starken Schauspieler, die den Film zu einem der Highlights der jüngeren deutschen Filmgeschichte machen.

Bewertung: 7/10 Sternen