"Haus der Sünde" (FR 2011) Kritik – Das Ende der Belle Époque

„Ich bin so müde. Ich könnte tausend Jahre schlafen.“

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Würde man heute auf die Straßen Deutschlands gehen und die Bürger nach den persönlichen Meinungen über die Prostituierten und die Prostitution selbst befragen, dann dürfte man drei ganz klare Reaktionen zu Gesicht bekommen. Im ersten Fall zeigen die Befragten eine gewisse Abscheu gegenüber der Tätigkeit, während andere desinteressiert abwinken und von dem Thema und den beteiligten Menschen bloß keinen Platz im eigenen Leben gewähren. Andere würden, wenn wir mal von den pubertären Quacksalbern absehen, die der Prostitution wohl nur ein lautes Lachen zur Verfügung stellen würden, mit rotem Kopf ebenfalls das Weite suchen, während sie sich ertappt fühlen und sich bestmöglich aus der Lage reden wollen. Schlimm sind immer nur die Menschen, die sich, wenn auch irgendwo verständlich, nicht mit den Prostituierten und ihren Lebenssituationen auseinandersetzen wollen, sich aber das Recht herausnehmen, abwertend über diese Menschen zu urteilen und sie zum Abschaum der Gesellschaft zu erklären, gleiches gilt natürlich auch für die Pornoindustrie und die Mitarbeiter, die mit angewiderten Blicken bestraft werden. Interessant sind in diesem Fall immer der filmische Output, der sich einem derartigen Thema beschäftigt und uns nicht nur einen Einblick in die Welt dieser Menschen erlaubt, sondern auch die Seele und die Gefühle offenbart. Regisseur Bertrand Bonella nahm sich 2011 mit „Haus der Sünde“ dem vorzeitigen Ende der Pariser Edelprostituation an, kann aber inhaltlich keinen wirklichen Treffer landen.

Paris: Das 19. Jahrhundert nähert sich dem Ende und eine neue Zeit scheint sich unhaltbar anzukündigen. Auch an dem angesehenen Edelbordell mit dem Namen “L’Apollonide” streift der Wind der Veränderungen nicht unbemerkt vorbei und die luxuriöse Einrichtung versucht, ihre verbleibenden Tage mit erhobenem Haupt zu erleben. Zwölf junge Mädchen sind den wohlhabenden Männern stets zu Diensten und erfüllen ihren Freiern all die Fantasien, die sie sonst nicht ausleben, ja nicht mal aussprechen können. Während tagsüber im Bordell Ruhe herrscht, werden nachts jegliche Obsessionen ausgelebt, doch auch bei all der wichtigen Solidarität untereinander, ist ein normales Leben immer undenkbarer und als die 15-jährige Pauline im „Haus der Sünde“ einen Arbeitsplatz findet, fängt die Lage erst richtig an zu bröckeln. Die Politik mischt sich zunehmend ein, Bordelle sollen geschlossen werden und die Hoffnungen, dass einer der Freier sie womöglich mitnimmt, schwinden dahin. Ein letzter Maskenball leitet den unaufhaltbaren und ebenso schweren Abschied ein…

Die großen Stärken von „Haus der Sünde“ liegen unweigerlich im optischen Bereich. Die Kulissen des Edelbordells wurden nicht nur unheimlich stimmig, sondern auch zeitgenössisch eingefangen. Mit viel Liebe zum Detail, lässt Bertrand Bonella die Epoche im edlen Freudenhaus wieder auferstehen und setzt auf Glanz und Gloria. Jede winzige Verzierung findet ihren Einsatz, die Einrichtung wird gekonnt in Szene gesetzt und die Kameraarbeit von Josée Deshaies überzeugt durch ihre besonnenen wie ruhigen Einstellungen, die genau die Ruhe ausstrahlen, die den Pomp und die Pracht letztlich zur Geltung bringen, genau wie die wunderbaren Kostüme der Dirnen, die das Zeitbild problemlos einrahmen. Schauspielerisch gibt es ebenfalls wenig zu bemängeln, wobei das Hauptaugenmerk des Zuschauers auf zwei klare Charaktere fällt: Illiana Zabeth als Pauline und Noémie Lvovsky als Puffmutter Marie-France. Während sich die Akteurinnen wie Hafsia Herzi, Céline Sallette, Jasmine Trinca und Adèle Haenel etwas bedeckter halten, wissen Zabeth und Lvovsky ihre Einsatzzeit am besten zu nutzen und bleiben dem Zuschauer auch nach dem Abspann durchaus im Gedächtnis, wenngleich man hier keine bahnbrechende Charaktere-Darstellungen erwarten sollte.

Wir finden uns im angesehen Edelbordell “L’Apollonide” in den letzten Tagen der Belle Époque wieder. Die Tage werden für den erschöpften Schlaf genutzt, die Nächte sind für die verschiedenen Freier reserviert. Seit Jahren hat Marie-France die Zügel in der Hand, zeigt sich verständnisvoll und schenkt ihren Mädchen immer ein Ohr. Doch die glorreichen Zeiten gehen ihrem Ende entgegen und „Haus der Sünde“ als melancholischen Abgesang auf die französischen Freudenhäuser zu bezeichnen, ist kein Fehler. Sicher hat diese historische Thematik ihre ganz eigenen Reize, die sich nicht nur durch die Kurven der Damen ausmachen lassen, sondern auch durch den sinnlichen Untergang einer erfolgreichen Branche, die dem Wandel der Zeit rücksichtlos ausgeliefert ist. Das Problem von „Haus der Sünde“ lässt sich dennoch leicht feststellen, denn genaugenommen hat Bonella dem Zuschauer kaum etwas zu erzählen und versucht immer wieder, durch die Gegensätzlichkeit der Lage durchsichtiges Interesse einzuheimsen. Die lustvolle Hingabe wird zum bitteren Verfall, die weibliche Verführung zur schweren Besiegelung und Solidarität findet ihren wahren Halt in der Ausbeutung. Möglichst viele Blickwinkel will Bonella in diesem Fall einfangen, doch eine erzählerische Struktur lässt sich nicht finden, was jegliche Ambivalenz ausbremst und die Subjektivität der Prostituierten in die aufgesetzte Wehleidigkeit und belanglose Geschwätzigkeit rennen lässt. Von Milieu-, Charakter-, oder Zeitstudie kann hier nicht die Rede sein.

Fazit: „Haus der Sünde“ würde sich gerne durch seine Ambivalenz auszeichnen können und schneidet immer wieder neue Sichtweise und Blickwinkel der französischen Edelprostituierten an. Dabei versteht Regisseur Bertrand Bonella es allerdings zu keinem Zeitpunkt, dem Zuschauer in seine Geschichte zu ziehen und dabei für seine Charaktere das nötige Interesse zu wecken. Alles bleibt in einem belanglosen Bereich, der sich durch die nichtssagende Geschwätzigkeit immer extremer in die Länge zieht und dann mit einem Blick auf den modernen Strich endet. Keine pompösen Einrichtungen, nur die graue Straße, hohe Stiefel und kurze Röcke. Diese zeitliche Veränderung sollte nun wirklich niemanden mehr überraschen. „Haus der Sünde“ kann visuell durchaus überzeugen, bleibt aber handlungstechnisch wie inszenatorisch auf der Strecke.