"Ken Park" (FR/NL/US 2002) Kritik – Sexualität als letzter Halt vor dem Fall

„Wenn du ihn liebst, wieso lässt du dich dann von mir ficken?“ – „Vielleicht weil ich dich mag.“

 null

Wie weit darf ein Regisseur in Sachen Gewalt und sexueller Freizügigkeit gehen? Wann durchbricht ein Filmemacher die Grenze der plumpen Provokation und bis zu welchem Punkt ist diese physische Offenheit noch ein förderndes Mittel, um die Geschichte produktiv anzutreiben? Darf man ohne Scheu Geschlechtsorgane in die Kamera halten? Womöglich auch in Nahaufnahme und sogar im Fall der Fälle von Jugendlichen? Schnell werden Regisseure und deren Projekte als aufgeblasen, pervers und provokativ betitelt, wenn sie einige Schritte weitergehen, als konventionelle Standardwerke. Richtig ist das natürlich nicht, doch es gibt einfach diesen Spagat, den jeder für sich selber meistern muss und ganz allein entscheiden, wie man zu solchen Filmen steht, ob man sich nun angegriffen oder angesprochen fühlt. Regisseure, die regelmäßig in diesen Bereich fallen, sind Leute wie Bruno Dumont, Patrice Chéreau, Gaspar Noe und auch Lars von Trier. Geschmackssache und alles eine Frage der Betrachtung. Aber auch Larry Clark darf sich als „Skandalregisseur“ zuerkennen geben, denn Filme wie „Kids“ und „Bully“ zeigten deutlich, das Clark gerne Sex vor der Kamera zeigt, noch lieber von Jugendlichen, die sich in der eigenen Trostlosigkeit verfangen. Ebenso polarisierend wie diese Werke von Clark, war auch sein 2002 erschienener „Ken Park“, den er zusammen mit Edward Lachman inszenierte.

Visalia, Kalifornien: In der Kleinstadt ist alles wie immer, bis der Skater Ken Park in aller Öffentlichkeit seine Videokamera sorgfältig vor sich positioniert, um sich dann breitgrinsend eine Kugel in den Kopf zu jagen. Die Bekannten und Freunde von Ken Park leben derweil ihr Leben einfach weiter und gehen ihrem alltäglichen Trott nach, hängen rum, skaten und verbringen Zeit miteinander, doch die Situation spitzt sich auf allen Seiten immer weiter zu. Claude steht unter der Fuchtel seines Vaters, der ihn für einen Schwächling hält und sein Skatebord einfach zertritt, nur um aus ihm endlich einen Mann zu machen. Shawn ist mitten in einer Beziehung, hat jedoch eine Affäre mit der Mutter seiner Freundin und kann nur mit ihr wirklich glücklich im Bett sein. Peaches lebt mit ihrem strenggläubigen Vater zusammen, der sie vor der Befleckung schützen will, dazu aber viel zu spät kommt. Und Tate wohnt mit seinen warmherzigen Großeltern in einem Haus, kann diese jedoch gar nicht leiden und will die beiden einfach nur tot sehen…

„Ken Park“ setzt, wie auch die anderen Filme unter der Regie von Larry Clark, auf Laiendarsteller. In „Kids“ wussten unpopulärer Schauspieler in ihren Rollen zu überzeugen und durften schon einiges an Körpereinsatz zeigen. Das wird in „Ken Park“ rapide verdeutlicht. Man darf keine tiefgängigen Charakterdarstellungen erwarten, die in Sachen Mimik und Gestik auf eine geschulte Präzision zurückgreifen können. Dafür wirken die Jugenddarsteller in ihren Performances immer ehrlich und authentisch und könnten geradeso aus der Geschichte in die Realität gesprungen sein. Dementsprechend verzichtet der Film auch nicht auf seine Hardcoreelemente, in dem der Sex so gezeigt wird, wie er ist und die Genitalien nicht nur einmal klar in Großaufnahme zu sehen sind. James Bullard spielt Shawn, Tiffany Limos ist Peaches, Stephen Jasso gibt Claude und James Ransone stellt Tate dar, den wohl extremsten Charakter in der Runde. Für die Rollen der Erwachsenen, wurden auf etwas bekanntere Darsteller gesetzt, die man vielleicht mal in belieben Nebenrollen gesehen hat, aber sich keinen Starstatus besitzen. Da wären Wade Williams als Claudes Vater, Zara McDowell als Zoe und Amanda Plummer als Claudes Mutter. Was natürlich auch noch einen Teil zur Authentizität von „Ken Park“ beiträgt, ist der dokumentarische Stil, den Clark und Lachman durch ihre Handkameraarbeit heraufbeschwören und dem Zuschauer das Geschehen immer direkt und unverstellt vor Augen führt.

„Wenn ich morgens aufstehe und dich sehe, dann fängt der Tag schon beschissen an, weil ich mich für dich schäme.“

Larry Clark und Edward Lachman führen uns raus aus der pochenden Metropole, direkt in die amerikanische Kleinstadt, in der sich Gartenzaun an Gartenzaun reiht und die akkurat gepflegten Vorgärten jeden Bewohner und Besucher in ihrer trockenen Gepflegtheit begrüßen. Die Jugendlichen wissen nichts mit ihrer Zeit anzufangen, besteigen ihre Skateboards, langweilen sich kiffend mit Freunden, haben Sex miteinander oder ballern sich im Park den Kopf weg. Was „Ken Park“ uns in seiner distanzierten aber dennoch offenen Art mitteilen will, ist auf einer Seite sicher eine Sozialstudie über die hoffnungslosen und unverstandenen Jugendlichen, die sich in ihrer Isolation nur noch durch die körperliche Annahme akzeptiert fühlen und dem unausweichlichen Generationskonflikt ausgeliefert sind. In der trägen Normalität eröffnen sich die schweren familiären Abgründe. Keuschheitswahn, Fanatismus, Begierde, Neugierde, Zärtlichkeit, Hass und gescheiterte Verbalisierung treffen aufeinander und das Regieduo zeichnet dies nicht mit emotionaler Tiefe, sondern setzt auf physische Charakterisierung, in dem es das Hauptaugenmerk der Episoden klar auf die Sexualität und die damit verbundenen Folgen richtet.

Ist „Ken Park“ nun Kritik oder freie Bestandsaufnahme? Nun, eigentlich gewehrt uns „Ken Park“ einen objektiven, aber affektiven Blick in verschiedene Leben, ohne aber weltfremd oder realitätsfern zu sein. Clark und Lachman treten niemandem zu nah, auch wenn die Provokation (regungslose Aufnahme vom masturbierenden und strangulierten Tate, der dann für die Kamera in Großaufnahme abspritzt) ab und an eine gewisse Dimension erreicht, die man schon als gewollt und zu viel bezeichnen kann. Über „Ken Park“ lässt sich streiten, Verteufelung hat er aber dennoch nicht verdient, denn hier will niemand Antworten auf das „Wieso“, „Weshalb“ und „Warum“ geben, sondern nur zum Anschauen mit geöffneten Augen einladen, auch wenn es wehtut, Voyeurismus und Distanz sich verknüpfen und das Endergebnis sicher kein Meisterwerk ist.

Fazit: „Ken Park“ bietet Stoff zum Diskutieren und ist ebenso kontrovers zu betrachten. Man kann ihn schnell auf sein Äußeres reduzieren und sicher werden viele Zuschauer auch nur einen plumpen Pornoversuch in ihm erkennen wollen, was natürlich vollkommen falsch ist. Larry Clark und Edward Lachman sehen die Sexualität zwischen den Figuren, die keinesfalls als Protagonisten bezeichnet werden können, oder gar Sympathien für sich einfahren, als letzten Halt der fallenden Akzeptanz. Zwar schießt „Ken Park“ auch mal über das Ziel hinaus und gewisse Einstellungen erweisen sich wirklich als überzogen, dienen nur der Grenzüberschreitung und vielleicht auch den eigenen Interessen von Clark und Lachman. Dennoch: „Ken Park“ ist keinesfalls schlecht und wenn man sich mit offenen und unverblümten Sexszenen anfreunden kann und genauso einem gewissen Maß psychischer Gewalt standhält, darf man einen Blick riskieren, nur sollte man sich keine zu großen Hoffnungen auf etwas Weltbewegendes machen.

Bewertung: 6/10 Sternen

.