"Der König der Löwen" (USA 1994) Kritik – Lang lebe der König!

„Alles, was das Licht berührt.“

Sollten irgendwann mal Aliens auf die Erde kommen, muss es einige Dinge geben, auf die wir Menschen stolz sind. Dann können wir sie in die Hand nehmen und sagen „Hier, schaut mal. Das haben wir erschaffen“. Ich für meinen Teil werde dann zum DVD-Regal (oder was es dann auch gibt) schlendern und den „König der Löwen“ hochhalten. Dann werde ich laut rufen „Hier, das haben wir gemacht!“. Dann hole ich Popcorn, dimme das Licht, schiebe die DVD in den Player und lasse die Show beginnen.

Klingt in der Theorie gar nicht schlecht, aber ich bin gespannt, ob ich das mal in der Praxis ausprobieren darf. Was ein völlig umständlicher Versuch ist, zu erklären, dass „Der König der Löwen“ nicht nur der beste Zeichentrick-Film aller Zeiten, sondern eins der schönsten Kino-Erlebnisse ist, zu dem die Menschheit je geladen hat. Gleichzeitig hat er sich den Titel „brutalster Kinderfilm“ redlich verdient, denn das Thema Tod wurde zuvor und auch danach nie wieder so krass und brutal dargestellt. Und von alledem mal ganz abgesehen, ist „Der König der Löwen“ mittlerweile quasi in unsere Kultur eingegangen. Die Geschichte wurde drei Jahre nach Kinostart für ein Musical adaptiert, hinter Hamburgs Hafen thront das Theater mit dem großen „König der Löwen“-Schriftzug und am 16. September wurde der Film in 3D neu aufgeführt. Aber warum ist das so?

Das Erlebnis beginnt schon bei dem überwältigenden Intro unter Elton Johns „Circle of Life“, das für mich immer noch zu den besten Filmanfängen der Geschichte gehört. Dabei muss hier mal kurz die deutsche Fassung zur Sprache kommen, denn ich finde, dass die dem englischen Original eine Nasenspitze voraus ist, und das gilt auch für den „ewigen Kreis“. Das hat im Deutschen für mich ein deutlich höheres Nostalgiegefühl als im Englischen.

Disneys Charaktere sind allesamt so fein ausgemalt, dass die Identifikation und der Platz, den sie im Film einnehmen sollen, hervorragend funktioniert und ausgefüllt wird. Wenn man den „König der Löwen“ als Kind sieht, ist der kleine Simba natürlich die Orientierungsfigur und mir fällt jetzt kein anderer Filmcharakter ein, der mir damals mehr bedeutet hätte. Und diese Verbindung nutzt Disney ganz dreist, um jedem kleinen Kind einen fetten Schlag in den Magen zu verpassen. Ich erinnere mich, wie meine (drei Jahre ältere, wohlgemerkt!) Schwester jedes mal wegschauen musste, als die Büffelherde durch den Canyon rennt und die Geschichte ihren Lauf nimmt. Mir wird auch heute noch flau im Magen, doch ich bin froh, dass Disney den Mut aufbrachte, die Szene genau so darzustellen und das Thema in der Form anzugehen.

Die ausführende Figur dieses Szenarios und die ständige schwarze Wolke über den Köpfen spielt in Gestalt von Mufasas Bruder Scar mit, der im Zeichentrick-Genre bis heute unangefochten der beste Bösewicht aller Zeiten ist. Seine Brutalität und Erbarmungslosigkeit machen ihn absolut unberechenbar und dadurch verkörpert er schlicht und einfach alles, was man als Kind unter „böse“ verstehen kann. Im Schatten seines Bruder Mufasas muss er mit ansehen, wie der alles hat, was er niemals besitzen wird. Er lebt abgeschieden in einer Höhle unter Hyänen und ist im Prinzip kein Teil von Mufasas Familie. Im Musical wird deutlich, warum das so ist: Er wurde von Anfang an schlecht behandelt, stand immer im Schatten seines Bruders und erfuhr eigentlich nie die gleiche Liebe wie er. Bei seiner Suche nach Akzeptanz und Liebe versteckt er sich also hinter einer Maske aus Intrigen und Zynismus und wann bekommt man schon mehr Aufmerksamkeit als ein König?

Simbas anschließende Flucht ins Exil und seine Suche nach seiner Identität ist im Prinzip gleichbedeutend mit unserer Pubertät und damit eine stilvolle Parallele zu unserem Leben. Begleitet von Timon und Pumbaa, die der Geschichte den Stil eines Comics verpassen. Im Gegensatz zu den ernsten Ereignissen vorher wirken die beiden abstrus, überzogen, witzig, doch dabei niemals lächerlich oder Fehl am Platz. Sie gehören genau dahin, wo sie stehen. Und darüber hinaus kennt heute jeder ihr „Hakuna Matata“, auch wenn diese Lebensphilosophie wohl niemand so umgesetzt hat. Bis auf Simba natürlich, für den dieser Spruch der Weg aus der Pubertät bedeutete – und der weise Affe Rafiki ließ ihn letztlich erkennen, wer er wirklich ist.

Die Musical-Anleihen des Films passen immer perfekt ins Gesamtkonzept. Mag sein, dass es nicht die besten Lieder aller Zeiten sind, doch „Can you feel the love tonight?“ und der bereits erwähnte „Circle of life“ sind Meisterwerke. Und dafür bekamen Hans Zimmer und Elton John ganz zurecht den Oscar. Ich bin übrigens der Meinung, dass Hans Zimmer auch mit seinem „Gladiator“-Score nicht an den „König der Löwen“ heranreichen kann.

Auch wenn zum Ende hin die Rollen vertauscht werden und der Gutlöwe Simba plötzlich aus Rache kämpft, was sich ja eigentlich nicht gehört, denn Gewalt ist, wenn das Fass überläuft (oder so), bricht Disney auch hier wieder mit den altbekannten Klischees, die Zeichentrickfilme immer so lächerlich machen, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Beim „König der Löwen“ haben die Macher sich mal ein Herz genommen und zeigen die Sachen eben so, wie sie sind. Auch wenn das als Kind vielleicht hart ist.

So ist „Der König der Löwen“ immer noch der beste Zeichentrickfilm aller Zeiten – und der kommerziell erfolgreichste. Über 920 Millionen US-Dollar hat er bisher eingespielt – und der zweite Kinoauftritt ist gerade erst im Gange. Die Geschichte um Liebe, Verrat, Rache, Trauer, Wut, Tod und die Leichtigkeit des Lebens ist bis ins Detail ausgearbeitet, die Charaktere sind allesamt perfekt zugeschnitten und hier hat uns Disney als Kind den dicksten Schlag ins Gesicht geschenkt. Sollten die Aliens auch sowas wie Väter haben, werden sie wissen, wovon ich rede.

Bewertung: 10/10 Sternen