Kritik: A Ghost Story (USA 2017)

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A writer writes a novel, a songwriter writes a song, we do what we can to endure.

Schon immer übte der Tod eine morbide Faszination auf den Menschen aus. Er gilt als das letzte Mysterium, und egal mit welcher Einstellung man sich seinem unausweichlichen Schicksal nähert – wirklich verstehen wird man es nicht. In David Lowerys neustem Werk A Ghost Story nimmt der Tod eine zentrale Rolle ein und stellt in Wechselwirkung mit der Liebe, einem weiteren großen Mysterium der menschlichen Existenz, die Eckpfeiler einer minimalistischen Geschichte dar. In ruhigen, beinahe meditativen Bildern lädt der Film dazu ein, über Vergänglichkeit und Tod zu sinnieren, Liebe und Trauer als surreal angehauchten Bilderrausch zu erleben.

Noch bevor es die ersten Bilder zu sehen gibt, ertönt Rooney Maras Lachen aus der Dunkelheit. Hell, anziehend, betörend – und dennoch könnte man es fast mit einem Schluchzen verwechseln. Die ersten Bilder liefern Klarheit, in trauter Zweisamkeit kuschelt sie mit Casey Affleck auf der Couch, liebevoll umschlungen liegt bereits zu diesem Zeitpunkt eine ungeahnte Sehnsucht und Intimität in ihrem Beisammensein. A Ghost Story macht sich nicht einmal die Mühe, ihnen richtige Namen zu geben und doch zählt jede Berührung, jeder Blick, jede Geste – und sei es nur ein angedeutetes Lächeln – zu dem Zärtlichsten, was es in den vergangenen Jahren auf der großen Leinwand zu bestaunen gab. Ohne große Dialoge teilen wir einen Moment Glückseligkeit, bis es nach gerade einmal zehn Minuten zu einem heftigen Einschnitt kommt.

Er stirbt bei einem Autounfall, ein unspektakuläres Standbild berichtet von den dramatischen Ereignissen. Eine weitere Einstellung folgt, in der sein lebloser Körper auf einem Krankenbett liegt und Rooney Mara darauf wartet, Abschied zu nehmen. Momentaufnahmen, die dem Ereignis in all seiner Tragik zwar keinesfalls gerecht werden, die dem Zuschauer dafür jedoch nur umso stärker unter die Haut gehen. In der Ruhe dieser Bilder liegt eine Endgültigkeit, von welcher der Film selbst jedoch gar nichts wissen will. Die Minuten verstreichen, bis sich Casey Affleck plötzlich unter seinem Leichentuch erhebt und als Gespenst der Marke billiges Halloweenkostüm in sein ehemaliges Heim zurückkehrt.

Ohne wirkliche Möglichkeit mit seiner Umwelt zu interagieren, verdichtet sich der Film zu einem Fluss aus Bildern und Momenten, in denen die Wirklichkeit immer stärker ihre Form verliert und Sehnsucht, Verlust, Liebe, Trauer und Schmerz zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. Eine Szene kurz nach diesem einschneidenden Ereignis, erscheint bezeichnend. Rooney Mara kehrt nach Hause zurück und macht sich in ihrer Trauer über einen frisch gebackenen Schokoladenkuchen her, zuerst kontrolliert mit Messer und Gabel, bis sie schließlich auf dem Boden sitzt, die Stücke mit bloßen Händen in sich hineinstopft und sich Tränen und Brösel auf ihrer Wange begegnen. Sieben Minuten dauert diese Szene, sieben Minuten ohne Schnitt, sieben Minuten für die Ewigkeit.

Wie kaum einem anderen Filmemacher gelingt es David Lowery diesen formlosen Emotionen eine Kontur zu verleihen. Nach und nach entgleitet jeder greifbarer Handlungspunkt, in der Überschneidung zwischen Diesseits und Jenseits entsteht ein völlig neuartiger Raum, in dem Ort und Zeit relativ erscheinen. A Ghost Story ist ein Film, der dem Zahn der Zeit trotzt. Er erzählt sich durch Stillstand, durch bewussten Verzicht und sensorische Freiheit. Zu keinem Zeitpunkt zwingt Regisseur Lowery seinen Zuschauer eine bestimmte Ansicht auf, vielmehr geht es ihm darum dieser Fülle an Empfindungen Ausdruck zu verleihen, sie erfahrbar zu machen, mit dem Zuschauer zu kommunizieren – auch wenn diese Kommunikation nur daraus besteht, seine eigenen Fragen an ihn zurück zu geben.

Natürlich liefert der Filme keine Antworten, zumindest keine universellen. Wie sollte er auch, schließlich stellt er Fragen, die schlichtweg keine eindeutige Klärung ermöglichen – oder ihr auch gar nicht bedürfen. Fragen über Vergänglichkeit und die Unendlichkeit der Liebe, über die Grenzen von Raum und Zeit. Eine melancholische Reise, vollends in sich gekehrt und dennoch absolut. A Ghost Story begreift Liebe als die einzige Möglichkeit, sich wenigstens für einen Augenblick als Teil dieser Welt zu verstehen. Er verweilt so lange in einzelnen Momenten, bis diese Momente selbst zu Geistern werden…bis das Laken schließlich fällt und alles sein Ende findet.

A Ghost Story startet am 07. Dezember 2017 in den deutschen Kinos.