Kritik: Carol (GB/US 2015)

Carol

© DCM Film Distribution

I don’t know what I want. How could I know what I want if I say yes to everything?

Dass Todd Haynes ein makelloser Formalist ist, hat er bereits mit seinen vorherigen Arbeiten bewiesen. Er ist ein Meister der Nachahmung und das ist keinesfalls despektierlich gemeint. Mit Velvet Goldmine ließ er das Glamrock-Zeitalter wieder auferstehen. Seine Douglas-Sirk-Hommage Dem Himmel so fern rekonstruierte das Melodram der 50er Jahre so nah am Vorbild wie kein Epigone zuvor. Sein letzter Kinofilm vor acht Jahren, I’m Not There, suchte nach der Musiklegende des Bob Dylan nicht im Gewand eines Hollywood-Biopics, sondern als bewusstes Medienkaleidoskop, das sich an Abbildungen Dylans durch die Zeit abarbeitet. Somit ist Haynes, wie nicht anders erwartet, ein zutiefst postmoderner Filmemacher. Seine nachgeahmten, zitierten und rekonstruierten Bilder sind bis ins kleinste Detail komponiert. Vielleicht liegt ja darin ein Perfektionismus-Vorwurf vergraben? Doch Haynes‘ formvollendete Repliken sind allenfalls Trägermedien, wie feinstoffliche Elektrolytlösungen zur Übertragung von Impulsen, Ideen und Affekten. Eine Überwältigung angesichts dieses formalen Reichtums ist nicht ausgeschlossen und dennoch haben wir es hier nicht mit leblosem Perfektionismus zu tun.

In Carol erweckt Haynes wiedereinmal die 50er Jahre zum Leben, doch tut er dies nicht wie bereits zuvor. Sein Vorbild ist kein buntes Technicolor-Melodram, noch die Reflektion über Fotografien aus der Zeit. Seine Grundlage ist Patricia Highsmiths gleichnamiger Roman, auch unter dem Titel Salz und sein Preis bekannt. Haynes geht daher umso naturalistischer vor und beschwört die Epoche so vollkommen echt und glaubwürdig wie noch nie. Selbst das Period-Epos Mad Men erreichte keinen vergleichbaren Detailgrad. Edward Lachmans 16mm-Bilder geben dem ganzen darüber hinaus den Anstrich des dokumentarischen. Keine bunten, sondern eher matte Farben, gräuliche Schleier und schmieriges Licht, eben gänzlich der Zwischenwelt verpflichtet in der sich Haynes‘ Figuren bewegen müssen.

Highsmith veröffentlichte ihr stilbildendes Werk 1952 unter Pseudonym, aufgrund seines lesbischen Inhalts. Im Buch wie im Film verlieben sich die wohlhabende und in Scheidung befindende Hausfrau Carol Aird (Cate Blanchett) und die noch sehr junge Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) ineinander. Der Film erzählt nicht nur von dieser Annäherung, ein langer Prozess, der bei beiden enorme Umwälzungen auslöst, sondern schildert auch minutiös den Raum, den beide durchschreiten müssen, um zueinander zu finden. Dieser Raum, der sich ständig wandelt, mal sicher und freundlich, mal gefährlich und unterdrückend, ist nicht nur für queere Communitys von enormer Bedeutung, sondern auch für viele andere marginalisierte Gruppen der Gesellschaft. Je feindseliger das allgemeine Umfeld ist, desto wichtiger ist die Lesbarkeit von Räumen. Es gehört zur Tragik von Carol, dass die beiden Hauptfiguren nicht immer in der Lage sind diese Räume richtig zu deuten, auch wenn sie felsenfest scheinen. Zu Beginn sehen wir Carol und Therese sich in einem Restaurant gegenüber sitzen. Es ist ein Moment an den der Film am Ende wieder zurückkehren wird. Die Spannung zwischen den beiden ist kaum auszuhalten. Dieser Raum der durch die Distanz zu den anderen Tischen und die Unschärfen der Kamera wie isoliert, quasi geschützt wirkt, zerbricht durch das Erscheinen eines Mannes, eines Bekannten Thereses, der sie zu einer Party mitnehmen möchte. Das meiste spielt sich in Innenräumen ab, wie anonymen Restaurants, dem eigenen Heim oder dem Auto, was ja z.B. bis heute im iranischen Kino ein unverzichtbarer Schutzraum ist. Doch leider können sich Carol und Therese nie sicher sein, auch nicht im Motelzimmer umgeben von steinernen Wänden.

Was Todd Haynes den Räumen entlockt, glüht immer nur im Hintergrund. Selten entflammen Ausgrenzung und Homophobie in vordergründigen Dialogsalven. Die Unterdrückung ist nicht nur den Räumen, sondern auch den Blicken der Figuren und den Umgangsformen bereits eingeschrieben. Dass Haynes seinen Film lieber in diesem brodelnden Bottich schwelen lässt, als einen Komparsen im Hintergrund plump „Scheiß Lesben!“ rufen zu lassen, macht Carol gerade zu einem Meisterwerk. Und das ist keine leichte Aufgabe. Selbst Regielegende Elia Kazan scheiterte daran als er sein dennoch beeindruckendes Antisemitismus-Drama Tabu der Gerechten drehte, in dem Gregory Peck einen Journalisten spielt, der zur Recherche über Antisemitismus in den USA vorgibt jüdisch zu sein und in seinem Umfeld plötzlich auf spürbare Ablehnung stößt. Der Film erschien wohlgemerkt im Jahr 1947, zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Kazan beklagte später, dass es ihm nicht gelungen sei die subtile Diskriminierung sichtbar zu machen. In einer Szene wird Peck von einem Mann lauthals antisemitisch beschimpft. Solch eine Szene fehlt (glücklicherweise) in Carol. So einfach macht es uns Haynes nicht.

Die Besonderheiten von Carol treten umso mehr zutage, versucht man den Film als bloßes lesbisches Update von Brokeback Mountain zu verstehen. Obwohl beide die ungeteilte Aufmerksamkeit eines breiten heterosexuellen Publikums genießen, stellt Carol zehn Jahre nach Ang Lees modernem Klassiker eine spürbare Weiterentwicklung dar. Das fängt schon bei der Wahl des Regisseurs an, der nicht nur offen schwul, sondern auch ein Teil des New Queer Cinemas ist/war. Oft wurde der Erfolg von Brokeback Mountain durch die Heterosexualität, sprich angeblich rein beobachtende Position, Ang Lees erklärt. Unsinn, Todd Haynes kann man genauso wenig als Nischenregisseur bezeichnen. Beide haben zuvor Filme für ein großes Publikum gedreht. Warum die Wahl nicht z.B. auf eine lesbische Regisseurin fiel, ist eine andere, berechtigte Frage. Zumindest vermeidet Haynes die großen Leidensbilder, die Ang Lees Film noch auszeichneten. Sehnsüchte und Schmerz werden lieber gründlich kodiert, als sie gänzlich vom Schauspiel offenbaren zu lassen. Eine weitere außerordentliche, positive Kuriosität besaß Highsmiths Vorlage schon. Entgegen typischer queerer Literatur aus der Zeit, vermied die Autorin ein tragisches Ende. Das sollte an dieser Stelle nicht als Spoiler verstanden werden, viel eher als etwas, worauf sich die Zuschauer_innen freuen können. Doch auch hier badet Haynes‘ Film nicht im Endorphinrausch der erfüllten Liebe, sondern deutet sein gutes Ende nur leicht an, als Blitzen in den Augen Carols, die Therese erblickt, obwohl sie dachte, sie verloren zu haben. Es wird Zeit positive, queere Geschichten zu erzählen. Das „Happy End“ in Carol widerspricht auch nie der Tragik im vorherigen Verlauf des Films. Der Raum zwischen den beiden Frauen mag sich überraschend verkleinert haben, gar auf glückliche Dimension geschrumpft sein. Die Frage bleibt, ob das Glück nicht auch innerhalb eines größeren Raums möglich wäre, eben sichtbar für alle, ohne Angst vor Repressionen. Diese Frage besteht noch heute.