Kritik: Preacher – Episode 1 (USA 2016)

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© AMC

Do you ever think there are some things so bad even God won’t forgive?

AMC kann Comics. Soviel steht wohl nach dem Mega-Erfolg des amerikanischen Fernsehsenders mit der Zombie-Serie „The Walking Dead“ fest. Denn obwohl die Produktion der Comic-Verfilmung alles andere als reibungslos verlief (die Showrunner kommen und gehen), wurde die Serie seit der ersten Staffel überraschenderweise sehr positiv von Fans der Vorlage aufgenommen. Dabei kann es echt schwierig sein, in diesen Zeiten der meinungsstarken, starrsinnigen Online-Fankultur, dem umfangreichen Mythos einer lange-bestehenden Comicbuch-Reihe gerecht zu werden. Wer gegen die Gesetzte der Comicwelt verstößt, wichtige Charakterzüge ignoriert und Handlungsstränge unnötig verändert, der wird auf brutale Art und Weise von der Online-Gemeinde bloßgestellt und schnell vom Sender abgesetzt. Idealerweise spricht in ein paar Jahren dann keiner mehr über den Affront. Wer erinnert sich denn ernsthaft noch an solche Fehlschläge, wie z.B. „X-Mutant“ („X-Men“ ohne die X-Men), „Flash Gordon“ (mit einer komplett anderen Origin-Story), „Birds of Prey“ (hatte irgendwas mit „Batman“ zu tun) & „Blade“ (mit Rapper Kirk „Sticky Fingaz“ Jones in der Hauptrolle). AMC hat mit „The Walking Dead“ ein gutes Gleichgewicht zwischen Fanservice und Neuinterpretation gefunden, so dass die Serie sowohl bei Nerds als auch Non-Nerds gut ankommt. Mit „Preacher“ wagt sich der Sender nun jedoch an Comicmaterial heran, was sich als einiges riskanter und gefährlicher erweisen könnte, als die beliebte Zombie-Apokalypse.

„Preacher“ erzählt die Geschichte des Kleinstadtpredigers Jesse Custer (Dominic Cooper), der gerade mit seiner dunklen Vergangenheit, sowie einer Glaubenskrise kämpft, als er plötzlich Teil einer Reihe übernatürlicher Ereignisse wird. In seinem Kampf gegen Himmel, Hölle, religiösen Fanatiker & Rednecks stehen ihm seine Ex-Freundin Tulip (Ruth Negga) und der irische Vampir Cassidy (Josepgh Gilgun) bei Seite.

Schritt Eins, um eine gute Comic-Serie zu produzieren: Man muss die richtigen Autoren finden. Mit dem Autoren-Regie-Duo Seth Rogen und Evan Goldberg („This is the End“ & „The Interview“), sowie Showrunner Sam Catlin (frisch aus dem „Breaking Bad“ Writer‘s Room) haben die Produzenten bei AMC schon mal ein Team gefunden, welches die verschiedenen Genre-Elemente der Vorlage gut verknüpfen kann. Vor allem Rogen und Goldberg, die bei der ersten Folge Regie führten, scheinen mit ihrem Hintergrund im Genre der gross-out Komödie ideal für die abgefahrenen Aspekte der Story geeignet. So wird die Pilotenepisode mit einer Sequenz im All eröffnet, die mit ihrer Retro-Animation an einen Cartoon aus den 90ern erinnert. Direkt darauf befinden wir uns plötzlich in Afrika, wo ein Prediger spontan vor seiner Gemeinde explodiert. Dann sind wir in Texas, wo wir den ständig-verkaterten Jesse kennenlernen, der sich mit den alltäglichen Problemen einer kleinen Stadt im Nirgendwo beschäftigen muss. Im Laufe einer Stunde orientiert sich die Serie bereits an Genre-Konventionen des Western-, Horror-, Fantasy- und Comedy-Films. Rogen und Goldberg zeigen bei dieser Kombination eine gesunde Respektlosigkeit und werfen frech alle möglichen Stilmittel durcheinander. Stimmig wird das Ganze jedoch erst durch das grundierte Drama um Jesse und seinen inneren Konflikt, wofür bestimmt Sam Catlin – der Typ kann Monologe schreiben! – zu danken ist.

Was die Treue zum Comic angeht, sind die Macher der Serie mit diesem Mischmasch popkultureller Einflüsse eindeutig auf dem richtigen Pfad. Garth Ennis („Punisher“ Comics), der Co-Schöpfer der Comicbuch-Reihe, hat insofern einen besonderen Schreibstil, als dass er seine Kreationen gleichzeitig verherrlichen und verdammen kann. Seine Charaktere sind geprägt von Selbsthass und Zweifel, sehen aber trotzdem einfach verdammt cool aus. Der Cast ist für diese Zwecke gut gewählt. Joseph Gilgun („Misfits“) als irischer Punk-Vampir entspricht der Vision des Comics besonders gut. Dominic Cooper („Dracula Untold“) spielt schön bemitleidenswert, kann aber auch Knochen brechen (wie wir dann auch zu sehen bekommen). Und Ruth Negga („Loving“), als Tulip, ist einfach nur badass.

Wie sich die Handlung im Laufe der restlichen Episoden weiterentwickeln wird bleibt abzuwarten. Bislang ist AMC den Comics treu geblieben, doch die schrägsten Teile der Story wurden ja noch gar nicht erwähnt. An dieser Stelle will ich nichts Weiteres verraten, denn für das lohnt es sich tatsächlich einzuschalten (bzw. auf Amazon Prime anzuklicken).