Kritik: Spotlight (USA 2015)

© Paramount Pictures Germany

It could’ve been you, it could’ve been me, it could’ve been any of us.

Der Journalismus ist eine wichtige Waffe! Das ist vielen Menschen vollkommen bewusst, nicht ohne Grund werden jedes Jahr aufs Neue Journalisten und Schreiberlinge, die öffentlich ihre Meinung kundtun wollen, zum Schweigen gebracht. Wie wichtig es ist, dass es immer Menschen gibt, die über Missstände oder Ungerechtigkeiten aufklären und berichten, zeigt uns Thomas McCarthys (Cobbler) Thriller Spotlight. Das gleichnamige Team der amerikanischen Tageszeitung Boston Globe deckte im Jahr 2001 die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche an kleinen Kindern auf und machte eine breite Masse auf diesen unfassbaren Missstand aufmerksam. Nicht umsonst wurde das Team um Chefredakteur Walter Robinson im darauffolgenden Jahr mit dem Pulitzer-Preis für ihre weltbekannten Artikel ausgezeichnet. Mit chirurgischer Präzision führt uns Regisseur und Drehbuchautor McCarthy und sein Co-Autor Josh Singer (The West Wing) an die Untersuchungen und Nachforschungen, zu den Befragungen der Opfer, über die Konfrontation mit den Schuldigen, bis zur Erkenntnis, dass noch viel Arbeit zu bewältigen ist, bevor ein wirkliches Nachdenken innerhalb der Menschheit stattgefunden hat. Angeführt von einem famos aufspielenden Cast, in dem sich so große Namen Hollywoods wie Michael Keaton, Mark Ruffalo und Stanley Tucci gegenseitig die Bälle zu spielen, ist der Journalismus-Thriller ein Triumph auf allen Ebenen.

Als erste große Amtshandlung wagt sich Marty Baron (Liev Schreiber), der neue Chefredakteur der amerikanischen Tageszeitung Boston Globe, an eine investigative Langzeitermittlung über die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche an kleinen Kindern und Jugendliche in Boston. Über das prekäre Thema wurde bisher nur rudimentär berichtet, doch Baron wittert viel mehr. Das kleine Journalisten-Team um Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seinen Mitarbeitern Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo) und Matty Caroll (Brian d’Arcy James) sollen die Untersuchungen unter höchstmöglicher Diskretion übernehmen. Die Ermittlungen fördern schnell unfassbare Details zu Tage, die selbst das erfahrene Team schockieren.

Wenn Mark Ruffalo in einer der emotional mitreißendsten Szenen von Spotlight seine ganze Wut und Frustration über die Situation heraus schreit, wird dem Zuschauer nicht zum ersten Mal die brutale Tragweite und die Verantwortungen, die auf den Schultern der Redakteure lastet, bewusst. Eine Thematik, welche die Grundfeste menschlichen Glaubens erschüttern könnte, ist keine, mit der man leichtfertig umgehen sollte, insbesondere nicht wenn es sich dabei um die katholische Kirche handelt. Spotlight beweist einmal mehr was für eine machtvolle Institution der Katholizismus ist: Das andauernde Wegschauen der Mächtigen wird zum ständigen Begleiter.

Die hohe Kunst dabei ist aber vor allem das McCarthy dabei nie mit erhobenem Zeigefinger wedelt und die Kirche als das Feindbild Nummer Eins abstempelt. Vielmehr wird die Situation innerhalb der Bevölkerung fein herausgearbeitet, wie sehr die ärmeren Menschen von der Kirche abhängig sind und wie brutal das von vielen Menschen ausgenutzt und vor allem toleriert wird. Da verschwinden dann auf einmal Akten aus Gerichtsgebäuden oder Anwälte verlegen ihre Berichte zu außergerichtlichen Einigungen zwischen Täter und Opfer. Die Widerstände, welche das Team um Anführer Walter Robinson zu überwinden hat, scheinen endlos. Mit absolutem Glauben für die Sache ist die Mannschaft dabei eine Veränderung herbeizurufen, koste es was es wolle.

Für solch eine Emotionalität und Dringlichkeit bedarf es selbstverständlich eines großartigen Casts und anhand der gezeigten Leistungen in Spotlight kann man einfach nur applaudieren. Durch das fantastisch geschriebene Drehbuch ergibt sich für jeden Schauspieler eine mal kleinere, mal größere Bühne auf der er glänzen kann. Egal ob es die ruhige, kontrollierende Besonnenheit von Liev Schreiber („Wolverine“) als Chefredakteur, das aufbrausende Gemüt von Mark Ruffalos („Foxcatcher“) Michael Rezendez oder Rachel McAdams („To the Wonder“) als furchtlose Kämpferin Sacha Pfeiffer ist, Spotlight gibt der Entwicklung jeder Figur ausreichend Platz und webt sie immer wieder organisch ineinander – ein Team muss schließlich perfekt zusammenarbeiten um der Wahrheit dieser ungeheuerlichen Geschichte auf den Grund zu gehen. Da fällt einem die fantastische Leistung von Michael Keaton („Birdman“) gar nicht so sehr auf. Das ist die große Kunst des Oscar-Anwärters: Hier wird famose technische Arbeit, mit tollem Drehbuch und emotionalem Schauspiel vereint, ohne dass sich etwas spezifisch in den Vordergrund drängt. Es bleibt nur abzuwarten welche Relevanz Spotlight in den nächsten Jahren haben wird, ein breites Publikum und ein finanzieller Erfolg wären jedenfalls mehr als gerechtfertigt.

Fazit: Eine großartige Umsetzung und famoses Schauspiel ergeben einen der wichtigsten Filme der letzten Jahre. Anschauen!