"Der letzte schöne Tag" (DE 2011) Kritik – Abschied und Neubeginn

„Wo ist die Mama jetzt?“

null

Die Sonne scheint, der Himmel ist leicht bewölkt und eine milde Brise weht umher. Ein Tag, so austauschbar und normal wie unzählige andere. Doch nicht heute. Lars, der eigenständig auf dem Bau arbeitet, ist Vater von zwei Kindern: Einmal ist da die pubertierende Maike und dann gibt es noch den kleinen Piet, der die Vorschule besucht. Lars Frau kämpft allerdings schon seit geraumer Zeit still mit ihren schweren seelischen Probleme. Ein letztes Mal greift sie zum Telefon und versucht die Familie anzurufen – ohne durchschlagenden Erfolg. Als Lars nach Hause kommt und seine Frau nicht auffinden kann, macht er sich langsam Sorgen und die schreckliche Gewissheit schlägt gnadenlos auf ihn ein: Sybille ist tot. Selbstmord, irgendwo im Wald. Für jeden der Angehörigen bricht eine Welt zusammen, doch das wahre Realisieren tritt erst noch ein. Mit Schuldgefühlen, tiefer Trauer und dem Versuch, ein neues Leben irgendwie starten zu können, muss Lars sich durch die Welt des Abschieds kämpfen…

„Der letzte schöne Tag“ ist einer von vielen Fernsehfilmen, die es maximal in das Abendprogramm der ARD geschafft haben. Die Frage nach dem Niveau einer derartigen Produktion ist also durchaus gerechtfertigt, doch man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Johannes Fabrick hier durchaus ein Highlight unter dem unsäglichen Einheitsbrei über schmalzige Liebe, lockere Familien und karibischen Urlaubsflirts inszeniert hat, gerade auch deswegen, weil er einen überaus beweglichen Cast zur Verfügung hatte. Wotan Wilke Möhring („Antikörper“, „Soul Kitchen“) glänzt als Familienvater, der sich in der neuen Situation zurechtfinden und gleichzeitig ein Halt für seine Kinder darstellen muss. Glänzen kann Möhring dabei nicht nur bei den Gefülsausbrüchen, die sich erst im zweiten Teil des Filmes zutragen, sondern ganz besonders in den ruhigen, zurückhaltenden Szenen, die seine innere Zerrissenheit unverfälscht offenbaren. Matilda Merkel, die die heranwachsende Tochter Maike spielt, kann ebenfalls eine ansprechende Leistung abrufen und lehnt ihren Charakter ganz klar an die hinterfragende Figur. Nick Julius Schuck kann da als Sohn Piet nicht wirklich mithalten, fällt aber sich nicht negativ auf, sondern beweist mehr Ruhe in seinem Schauspiel, als so mancher Erwachsener.

Was „Der letzte schöne Tag“ in erster Linie so ansprechend wie vielfältig macht, ist die Auslegung des furchtbaren Geschehens. Niemand weiß genau, wieso sich Lars‘ Frau Sybille das Leben genommen hat, wieso sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat, und die letzte Lösung nur noch der Freitod war. Wir machen uns auf die Suche nach Antworten. Antworten, die die Lage kein Stück verbessern werden, sie aber in irgendeiner Art und Weise verständlich machen könnten und wortlos verstummen lässt. Antworten sind ein leiser Schritt in Richtung Akzeptanz. Wir müssen dabei zusehen, wie Lars seinen Kindern die schreckliche Nachricht überbringt und seinen Schmerz verdrängen muss, um für seine Kinder eine Stütze darzustellen. Die Verantwortungen, die auf ihm lasten, sind allerdings nicht nur die, die seine Kinder betreffen, sondern auch die Organisation der Beerdigung. Das Grab, die Todesanzeige, das Benachrichtigen der Verwandten, Bekannten und Freunde. Die Menschen, die durchaus Mitgefühl zeigen, sich aber nicht in die Lage versetzen können. Die Hilfe anbieten, aber das schwarze Loch in der eigenen Seele zu keiner Sekunde ausstopfen können.

„Der letzte schöne Tag“ gibt den Startschuss für die schwärzeste Zeit in einer ganz normale Familie. Der Seelenkrebs hat die Ehefrau und Mutter besiegt, ihre Depressionen haben sie zum Suizid gezwungen und die Narben, die sie mit dieser Tat verursacht hat, zeichnen sich immer deutlicher an ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Kindern ab. Zwischen den Versuchen, dem Ruf des Familienoberhauptes gerecht zu werden und Stärke zu beweisen, muss Lars seinen Gefühlen nachgeben und taumelt in ein emotionales Loch, in dem es nur den seelischen Zerfall geben kann. Die Annahme der neuen Situation wird zur Unmöglichkeit. Die Bewältigung scheint ebenfalls nur verschwommenes Wunschdenken zu sein. Wir begleiten Lars und die zwei Kinder durch eine Zeit, in der die Realisierung der neuen Situation nur schleichend einsetzt. Die Tatsache, dass ein Mensch einfach gegangen ist, auf den man seit Jahren angewiesen war und der immer für einen da war, breitet sich nur flüsternd im Menschen aus. Dabei schlägt „Der letzte schöne Tag“ jedoch nicht nur in diesen Fällen den richtigen Ton an, sondern stellt auch die richtigen Fragen in Verbindung mit der Beerdigung und den Abläufe davor und danach. Wieso muss eine tote Frau im Sarg gut aussehen? Wer schaut sie an und denkt darüber nach, in welchen Kleidern sie unter die Erde kommt? Wieso sitzen die Menschen lachend beim Leichenschmaus? Trinken Alkohol, reden über Fußballergebnisse und tun so, als wäre man auf einem Geburtstag, bei dem die Stimmung zwar etwas angeschlagen ist, aber durchaus noch zu retten.

Regisseur Johannes Fabrick zieht seine Protagonisten immer weiter in die Gefühlswelt hinaus, lässt die Fassaden langsam zerbrechen und stellt uns die Gefühle in ihrer reinen Form vor. Dabei sind es jedoch nicht die intensiven Gefühlsausbrüche, die den Zuschauer am meisten berühren, sondern die ruhigen Momente, die sich zwischendurch abspielen, die Fragen, die fast nebensächlich in den Raum geworfen werden und die zerbrochenen Blicke, die die Welt mit ganz neuen Augen annehmen müssen. Hätte sich Fabrick jedoch noch etwas mehr auf die Familiensituation konzentriert und die Außeneinflüsse, die zwar ohne Frage dazugehören, etwas mehr außer Acht gelassen, dann hätte „Der letzte schönen Tag“ noch eine eindringlichere Note erreichen können. Nichtdestotrotz weiß der Film durchgehend zu überzeugen und durchreist die Stadien der Trauer, wie er auch den schweren Neuanfang und den eigentlichen Reifeprozess, der sich durch den Vorfall ereignet zum Thema macht. Wie kann man etwas akzeptieren, wenn man es nicht mal verstehen kann? Wie soll man weiterleben, wenn man seine pochenden Schuldgefühle nicht abschütteln kann, wenn man Tag ein Tag aus mit der Ungewissheit leben muss? Hätte man etwas ahnen können? Gab es Anzeichen? Gab es Hinweise? Wie soll man in dieser Situation Halt geben, wenn man selber längst fällt? „Der letzte schöne Tag“ überlässt die Antworten dem Zuschauer und regt dabei zum Nachdenken an und genau so soll es sein.

Fazit: „Der letzte schöne Tag“ ist sicher kein perfekter Emotionsfausthieb, denn dafür fehlt ihm ab und an die nötige Straffheit in der Erzählweise. Aber Johannes Fabrick inszeniert ein authentisches Familien-Drama, das mit dem Thema des Abschiedes nicht nur ehrlich umgeht, sondern auch dem Zuschauer viele Freiräume für seine eigenen Gedanken lässt. Die tollen Darsteller bringen das bebende Innenleben überzeugend rüber und die Inszenierung kommt ohne jegliche Übertreibungen oder ausufernde Extreme aus. Für einen Fernsehfilm ist „Der letzte schöne Tag“ wirklich überaus stark.

null